Theo erzählt

Die beiden Brüder liegen blassnasig nebeneinander in dem französischen Doppelbett. Am Fußende bei der Tür steht Theo. Er trägt eine grellrote Pagenuniform. Auf seinem runden Kindergesicht zeigt sich ein zufriedenes Grinsen. Ja, er hat den beiden hier im Haus ein Zimmer besorgt, weil sie zu betrunken waren, mit dem Auto nach Hause in Deutschland zu fahren. Er hatte sie beinahe unversehrt hochgebracht, obwohl der Jüngere unten in der Bar kaum noch hatte stehen können. Auf der steilen Treppe war er gestolpert und hatte sich das Schienbein geprellt, aber das gilt wenig, solange nur der Große zufrieden ist.

Sie liegen also in Unterhosen unter den Federbetten. Der Kleine schaut starr zur Deckenfunzel hinauf, einem gelben runden Glasteller, in dem zwei tote Fliegen plumpe Schatten werfen. Der Große hält den Oberkörper mit den Ellenbogen aufgestützt, damit er Theo ansehen kann. Seine Lider hängen schwer über glasigen Augäpfeln. Er will schlafen.

Theo ist hellwach.

„Vorige Woche haben wir ein Polizeiauto verwoest. Wir waren mehr dan hundert Weerter Jungen. Da kwamen noch ein paar Bullen und willten welche von uns mitnehmen. Toch wir haben alle verprügelt. O ja! es ist sehr grappig, mit die Politie zu fechten.“ Er schnauft, holt ein kariertes Taschentuch aus seiner engen Uniformhose und putzt sich die Nase.
„Da kann man lachen!“
„So?“, sagt der Große und peilt ihn durch den Augenspalt an.
„Hier im Wald, da ist eine Fietspad. Einmal waren wir alle dronken und haben uns hinter die Büsche versteckt. Tot eine Dolle Mina auf ihre Bromfiets langskwam. Die haben wir dann samen mit die Brommer umgeworfen, in eine Pfütze. Sie hat sehr geflucht. Wir haben viel gelachen!“
Der Große hat die Augen wieder auf. Er fügt sich und sagt: „Gib mir mal den Tabak aus der Jacke, Theo!“
Theo nimmt die Jacke vom Stuhl, wühlt in den Taschen und holt eine Packung Van Nelle Half zwaare Shag hervor. Der Große setzt sich auf, stopft sich die Kopfkissen in den Rücken und dreht eine Zigarette.
„Die Dollen Minas sind sehr gefährlich! Hier in Weert fechten wir alltijd tegen die. In Amsterdam lauern sie die Jungen auf und ziehen ihnen die Hosen runter. Dann fassen sie dich an die Eier.“ Theo schüttelt sich. „Aber nicht mit uns, o nein, Mann!“
Der süßliche Rauch von Van Nelle zieht durch das kalte Hotelzimmer. Theo streckt die Hand nach dem Tabak aus und dreht sich auch eine.
„Manchmal fahren wir nach Maaseik in België“, sagt Theo. Er leckt, die Gummierung des
Zigarettenblättchens entlang. „Da gibt es gute Nutten.“
Der Kleine will jetzt auch rauchen.
„lch sage zu Rob, meine Chef, Rob, sage ich, du musst gute Nutten in die Bar holen! Aber er macht es nicht. Seine Frau willte das nicht. Seine Frau ist sehr eng.“
Theo zupft versonnen an seiner roten Uniformjacke.
„Rob, die alte Glatzkopf, willte neue Haare haben. Da ist er nach Eindhoven gegangen und hat sich eine Pruik gekauft.“
„Perücke“, verbessert ihn der Kleine.
„Ja, Perücke“, nickt Theo. „Aber seine Frau was böse. Sie hat gesagt: ‚Rob, hast du Karneval in deine Kopf!?'“
Einen Augenblick wird es still. Sie rauchen. Theo reicht aufmerksam einen schweren gläsernen Aschenteller rund, in dem in dunkelgrünen Frakturbuchstaben Brand’s Bier zu lesen ist. Nacheinander stuppen sie die Kippen hinein. Sie horchen nach einem frisierten Moped, das von weit heranknattert, unten vorbeifährt, irgendwohin gegen Osten, und endlos lange zu hören ist.
„Jetzt ist er bald in der Inneren Mongolei angekommen“, sagt der Kleine.
Sein Bruder lacht. Theo lacht mit, obwohl er nicht verstanden hat, worum es geht.
Durch einen Spalt zwischen den weinroten Vorhängen zieht kalt und bleiern die frühe Morgenluft herein. Die beiden Säufer im Bett frösteln.
„Eh, ihr seid Deutsche. Aber das macht nichts“, sagt Theo und greift nach der Türklinke. „Ich habe in Rotterdam eine Freund, die kann allein maar eine Satz auf Deutsch sagen: „Wollen Sie noch Wurst!?“
Die in den Betten fangen albern zu kichern an. Nach müde kommt blöd. Theo lacht mit. Er lässt die Türklinke wieder los und schaut die beiden prüfend an. Dann kommt er ins Zimmer zurück und sagt: „Rob kennt eine Typ vom Schlachthof in Arnheim. Die hat sich einmal nach der Arbeit ganz viel Wurst mitgenommen. Und ein großes Messer. Die Wurst hat er sich in die Hose getan. Vornerein. Dann ist er in die Bars von Arnheim gegangen. Und wo ihm ein schönes Mädchen tegenkwam, hat er sich ein Stück Wurst vorne aus die Gulp?…“
„Äh…..Hosenschlitz!“ sagt der Große,
„… die Hosenschlitz gezogen und zack, mit die Messer abgeschnitten. Davon sind die Meisjes alltijd grün geworden und in Ohnmacht gefallen. “
„O Mann, Theo“, stöhnt der Kleine, „was erzählst du für einen Scheiß?“
Der Große zieht sein Kopfkissen zurecht und lässt sich zurückfallen. „Um fünf Uhr morgens“, sagt er vorwurfsvoll.
„Passt auf, es kommt ja noch“, sagt Theo freundlich: „Also, in die letzte Bar war die Metzger schon sehr dronken. Er zieht wieder raus, hackt mit die Messer ab, und…? Was passiert? Er fällt selbst in Ohnmacht! Haha! Versteht ihr? Er hat sich die Lul abgehackt!“
Die Brüder schüttelt’s in ihren Betten.
„Nein!“, sagt der Große.
„Toch! Das hat die jetzt davon“, sagt Theo und holt einen Seufzer der Befriedigung von ganz tief unten.


verwoest = verwüstet
mehr dan = mehr als
kwamen = kamen
toch = doch
grappig = lustig
dronken = betrunken
alltijd = ständig
Dolle Mina war eine Bewegung niederländischer Frauenrechtlerinnen aus dem Jahr 1970
wo ihm ein schönes Mädchen tegenkwam = begegnete

8 Kommentare zu “Theo erzählt

  1. Lieber Jules,
    Zwei Jahre wohnte ich an der Grenze. Nach Venlo rüber nur sieben Kilometer mit dem Fahrrad durch den Grenzwald und überall dieses himmlische Holländisch, ich mag diese Sprache, das Land und das Volk sehr…
    Diese Geschichte las ich jetzt zwei Mal nacheinander und sie wird bei jedem Lesen immer noch lesenswerter, verfloekt god! Zaubert mir heute ein fröhliches Lächeln in ein dunkles Stimmungswitterwölkchen.
    Herzlich Danke und liebe Grüße
    Amélie

    Gefällt 3 Personen

    • Liebe Amélie,
      dann teilen wir eine Vorliebe. Seit meiner Jugend liebe ich Sprache, Lebensart und Land.
      Dass dir meine kleine autobiographische Geschichte gefällt und dich erheitert, freut mich sehr, und mich ehrt, dass du sie sogar zweimal gelesen hast.
      Herzlich danke für deinen Kommentar und sonntägliche Grüße
      Jules

      Gefällt 1 Person

  2. Lieber JUles,
    erst jetzt bin ich endlich dazu gekommen, all´ Deine Kur- und anderen Beiträge zu lesen. Dein Unglück habe ich gar nicht, bzw. erst sehr viel später mitbekommen – das tut mir Leid. Ich hoffe sehr, dass Du schon oder hoffentlich bald wieder hergestellt bist.
    Herzliche Grüße!
    Lo

    Gefällt 3 Personen

    • Lieber Lo,
      das war ja ein Lesemarathon – ich hoffe unterhaltsam. An die Zeit der Kur habe ich mich gerne erinnert, zumal ich eine Woche darauf nach einem Sturz schon in der Klinik lag. Das ist jetzt vier Wochen her, verheilt laut Arzt nach Röntgenbild gut, und ich hoffe, ab August in die Reha zu können.
      Herzliche Grüße aus Isernhagen
      Jules

      Gefällt 1 Person

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