… und sagt nichts

Mitunter meldet mein Smartphone: „NN möchte Ihnen eine Push-Up-Nachricht senden.“ Aja? Push-Up-Nachrichten sind solche, die lieber nicht wissen möchte, wem sein Verstand lieb ist. Nur um der Chronistenpflicht willen zitiere ich eine vom Anbieter Watson: „Royals: Ungewöhnlicher Spitzname für Prinz Charles enthüllt.“ Wer jetzt neugierig geworden ist, der ungewöhnliche Spitzname lautet „Grandpapa.“ Wer hätte das gedacht bei einem 72-jährigen mit einer Schar von Enkeln? Aus Gründen der Psychohygiene lehne ich Push-Up-Nachrichten konsequent ab. Eine ist mir durch die Lappen gegangen.

Folglich meldete in letzter Nacht mein Smartphone: „Regen in NN für 2:00 Uhr erwartet. Ich klingelte der Nachtschwester und bat darum, das Fenster weit zu öffnen. Über dem Warten bin ich eingeschlafen, aber dann, gegen 3 Uhr in der Nacht, plästerte es derart gewaltig, dass der Morgen vergaß zu grauen. Mensch und Tier atmeten auf. Ich fand meine Brille nicht, und als ich sie endlich entdeckte, entfuhr mir, wie man in meiner Heimat sagt: „Do litt se un säht nix.“ [Da liegt sie ud sagt nichts]

Als ich am Bodensee kurte, bei der Wassergymnastik, war da eine Frau, die sich ständig verirrte und allerlei Sachen sucht, unter anderem ihre Schuh. Plötzlich der erleichterte Ausruf: „Do lieget se ond schwätzet net!“ Ich dachte: Wenn es den Spruch auch im Schwäbischen gibt, dann vielleicht in anderen Dialekten? Deshalb meine Frage an Dialektsprecher *Innen der Teestübchen-Community: Gibt es eine ähnliche Wendung bei euch, wenn man etwas wiedergefunden hat? Das Gewicht liegt auf der eigentlich absurden Vorstellung, die gesuchten Dinge würden versäumen, „Hier!“ zu rufen.

Kölsch/Landkölsch
„Do litt se un säht nix.“

Schwäbisch
„Do lieget se ond schwätzet net!“

Bairisch
„Da flackt’a und sogt nix!“

Rheinhessisch
„Ei, do isses jo, un hadd nix gesaacht!“

Westfälisch
„Do lich se un säch nix.“

Moselfränkisch
Do isse jo un seit nix.

Berlinerisch
„Liecht da und sacht nüscht”

Gedanken aus der eurasischen Steppe

„Östlich des Rheins beginnt die eurasische Steppe!“, soll ein Aachener Gymnasiallehrer noch vor 60 Jahren seinen Schülern beigebracht haben. In meiner linksrheinischen Heimat sah man ebenso abfällig auf die andere Rheinseite, in Köln Schäl Sick, obwohl von unserem Dorf aus bei klarer Luft, wenn sie gereinigt worden war von einem nächtlichen Schauer, am östlichen Horizont die Ausläufer des Bergischen Lands zu sehen waren.

Als ich heute Morgen erwachte, wusch ein heftiger Gewitterschauer die Schwüle des Vortags weg. Fröstelnd lag ich in meinem durchgeschwitzten Bett und konnte mit einem Mal wieder klarer denken. Ich sah durchs geöffnete Fenster gen Westen, mein Geist hüpfte hinüber in meine alte Heimat und interessierte sich plötzlich für die Stadt Düsseldorf, die mal als dörfliche Siedlung am Flüsslein Düssel begonnen hat, dort, wo die Düssel (die Rauschende), aus dem Bergischen Land kommend, in den Rhein mündet. Dass dieses Dorf zur Landeshauptstadt wurde, hat laut Wikipedia wohl mit den Herzögen von Berg zu tun, nach denen das Bergische Land überhaupt benannt ist.

Ganz naiv hatte ich bislang angenommen, das Bergische Land heiße so, weil es bergig ist, zumindest stärkere Anstiege hat als etwa die Eifel. Dann müsste es aber Bergiges Land heißen. Freilich würden Süddeutsche, Österreicher oder Schweizer *Innen die Hügel nicht als Berge bezeichnen. Als Jugendlicher bin ich mit Freunden zum Schloss Burg geradelt, ohne zu ahnen noch zu fragen, wieso es dort ein Schloss, mehr eine befestigte Burganlage gibt. Längst weiß ich, dass Burg und Berg Synonyme sind, doch, Zounds! da muss ich mir erst in Hannover eine Haxe brechen, um das Geschichtsvergessene meiner Jugend zu korrigieren.

Ich schaue aus dem Fenster in den sonntäglich ruhigen Reiterhof und lausche dem Rauschen des Winds in den Baumwipfeln. Von einem Regenschauer getränkt und nun vom Wind gezaust, muss doch eine Lust in der alten Linde sein. Aus einem Fenster des Erdgeschosses tönt erneut das klägliche Husten eines „Bewohners.“ Über dieses scheints chronische Husten habe ich schon nachgedacht. Es tönt so anklagend – wie eine Vorhaltung an die Welt, als hätte die Welt je versprochen, ihm ein lustvolles Leben zu gewähren. Nein, damit ist es wie mit einem klärenden Regenschauer. Es ist die Gnade, die einem Lebewesen gewährt wird, ohne dass es je einen Anspruch darauf gehabt hätte. Es lässt sich dazu allenfalls etwas beitragen durch das, worauf ein antikes Lebenskonzept verpflichtet: „Verantwortliche Selbstsorge.“ Alles andere regelt der Zufall, hier, da, dort oder in der eurasischen Steppe.

Gewitterspuk

Wie der Morgen heran dämmert, zeigt sich der Ausschnitt des Himmels wolkenlos. Nur fern und hoch hängt eine einzelne Wolke. Im Reitstall unten schlägt das Pferd unruhig gegen die Bretter seiner Box. Auf dem Gang irgendwo laute Stimmen. Die Nachtschwester schimpft wieder mit der alten Frau Wingens, die nächtens mit ihrem Rollator auf Reisen geht. Frau Wingens ist unzufrieden, dass die Welt noch nicht voran geht, will Unterhaltung, will Frühstück. „Es ist doch schon hell“, mault sie. „Ja, im Sommer wird es eben früher hell!“
Je lauter die Nachtschwester insistiert, desto bockiger wird Frau Wingens. Disziplinprobleme im Pflegeheim.
Plötzlich ein Grollen, man glaubt es kaum.

„Pitter, do kütt e Jewitter!“
„Hannes, et is net woar, die Lurt is noch kloar!

(Peter, da kommt ein Gewitter
Hans, das ist nicht wahr, die Luft ist noch klar.)

Aus klarer Luft grollt es noch einmal, dann ein heftiger Donnerschlag, ganz nah bei. Die Vögel verstummen. Ein Regenguss geht nieder. Eine Weile liege ich da, dann wuchte ich mich in den Rollstuhl, rollere zum Fenster schließe und kippe das, damit es nicht hereinregnet.
Aber das war nicht nötig. Der Spuk ist vorbei. In feuchter Unschuld wird’s hell.

Gekritzelt – Bodensee – Kursplitter

Vierteilen Sie sich!

Durchsage im ICE, als Corona-Vorsorge-Maßnahme:
„Verteilen Sie sich über den ganzen Zug!“
„Entschuldigung, Herr Zugchef, wie geht das?“
„Ganz einfach: Glasauge in Wagen 1, Gebiss in Wagen 2, Holzbein in Wagen 3, Perücke in Wagen 4, Arschprothese in Wagen 5; der Rest muss stehen in Wagen 6.“
„Prima, da ist der/das Virus gekniffen.“

Sehen und Denken

Eine Brillenträgerin mit medizinischer Mund-Nasen-Bedeckung stellt fest, dass sie ein Formular fehlerhaft ausgefüllt hat und erklärt: „Wenn mir die Brille beschlägt, setzt mir der Verstand aus.“

Ausgebremst

Eine Frau im Bus erzählt ihrem Sitznachbarn, man habe bei ihr Osteoporose diagnostiziert. Er, ihren Bericht abschneidend: „Splitterknochen? Gibt’s Tabletten!“

Trotz kalter Güsse: Vor 124 Jahren und einem Tag starb Sebastian Kneipp:

Plausch mit Frau Nettesheim – Wider den Nachtmahr

Frau Nettesheim
Ihr gestriger Text klang ein wenig beunruhigend. Die metaphorische Umschreibung des Pflegeheims ist zwar passend, doch achten Sie etwas auf Ihre geistige Verfassung!

Trithemius
Es fällt mir schwer, das Elend des Pflegeheims nicht an mich ranzulassen, Frau Nettesheim. Heute morgen kurz vor fünf ging die Tür auf und eine verwirrte Frau schob ihren Rollator in mein Zimmer. Nachdem ich ihr gesagt hatte, sie sei im falschen Zimmer, brabbelte sie etwas Unverständliches und schob wieder ab.

Frau Nettesheim
Das hat auch etwas Ulkiges, worüber Sie sich früher erheitert hätten.

Trithemius
Diese heitere Distanz fehlt mir noch, zumal sich gestern eine Nachtschwester vorstellte, die mir ein wenig verrückt vorkam.

Frau Nettesheim
Wie?

Trithemius
Sie redete mit lauter Stimme über meinen Kopf hinweg, wie es Menschen tun, die daran gewöhnt sind, dass man Ihnen nicht zuhört. Dann drängte sie mir ein Flasche Orangenlimonade auf, hängte mir die Klingel so, dass sie kurz vor meiner Nase baumelte, hörte gar nicht, dass ich weder das eine noch das andere wollte, ein Elend.

Frau Nettesheim
Alles für sich wenig schlimm. Sie hat’s nur gut gemeint.

Trithemius
Aber der Kontext, Frau Nettesheim. Wenn ich sowieso schon da liege und damit hadere, in welche Situation ich geraten bin, und dass ihr nicht zu entkommen ist, wenn ich nah daran bin zu verzweifeln angesichts von drei Wochen, die ich noch in der Einrichtung ausharren muss …

Frau Nettesheim
… Machen Sie sich auch noch selbst verrückt mit einem Text wie gestern. Sie unterschätzen die Macht der Selbstsuggestion. Beachten Sie das Positive. Denken Sie daran, wie viele liebe Menschen sich bemühen, Ihnen Ihre Lage erträglich zu machen! Suchen Sie nach den witzigen Aspekten Ihrer derzeitigen Situation. Sie werden sehen, das hilft.

Trithemius
Ach, Frau Nettesheim, da fällt mir grad nur ein Witz ein, der mir von irgendwo zugeflogen ist, wollen Sie hören? Er ist ganz kurz.

Frau Nettesheim
Nur zu.

Trithemius
Also: ‚Ich möchte ruhig im Schlaf sterben wie mein Großvater, nicht angstvoll schreiend wie seine Beifahrer.‘

Der Planet Heterotopia

Die Leute vom Planeten Heterotopia werden „Bewohner“ genannt. Sie sind allesamt nicht auf Heterotopia geboren, sondern wurden aus ihrer Heimat abgeschoben. Heterotopia ist ihr letzter Aufenthaltsort, bevor sie zu den Sternen reisen. Die meisten von ihnen sind hinfällig, wenn sie auf Heterotopia landen. Sie müssen rundum gepflegt werden, weshalb es auf Heterotopia noch andere Leute gibt, die Versorger. Wenn die Bewohner angeliefert werden, liegen sie meist in großen kastenförmigen Transportern, und liegend treten sie die letzte Sternenreise an. Dazu werden sie in enge Kisten gepackt.

Nach einem folgenschweren Fehltritt langte ich auf Heterotopia an. Ich wurde sitzend angeliefert, und man versprach mir, ich dürfe den Planeten nach Wochenfrist verlassen, sobald ich wieder auf zwei Beinen stehen könne. Mein Gelass hat zuvor eine Frau Wevelshoven beherbergt. Beiläufig erfuhr ich, dass sie vor ihrer letzten Reise nur 40 Kilogramm gewogen hat.

Trotzdem war ihre Matratze einseitig ausgeleiert, so dass ich nur schräg darauf liegen konnte, als ob mich das Bett nicht beherbergen wollte. Ein Versorger namens Hausmeister hat es gerichtet. Hausmeister brachte mir zu meiner Unterhaltung ein Fernsehgerät und stellte es auf, dass ich die gängigen Zerstreuungsangebote vom Bett aus schauen kann. Das Gerät steht nun unter einem kleinen falschgoldenen Kronleuchter, so einem für Arme, der nur in kleine Wohnungen passt. Er ist nicht ans Stromnetz angeschlossen. Ich vermute, er gehörte einst Frau Wevelshoven, eine Erinnerung an ihren Heimatplaneten. Er bedrückt mich. Ähnlich das Fernsehgerät. Hausmeister sammelt alle Fernseher von verstorbenen Bewohnern ein, weil die Angehörigen sie nicht mehr abholen wollen. Zwar kenne ich die Vorstellung, jeder Atemzug sei der letzte Hauch eines Menschen, aber der Leuchter erscheint mir wie der materialisierte letzte Atemzug von Bewohnerin Wevelshoven, der den Raum nicht verlassen mag.

Ich bitte um Entschuldigung für meinen befremdlichen Bericht, aber der Planet Heterotopia ist befremdlich. Ich habe von derlei Planeten gehört, dass manche sogenannte Trughaltestellen haben. Verwirrte Bewohner suchen sie auf und hoffen, von dort nach Hause reisen zu dürfen. Aber niemals kommt ein Beförderungsmittel.

Transport

Eines schönen Morgens kommt Lisa zu mir und sagt in scherzhaftem Ton: “Fahren wir, Euer Exzellenz. Es ist alles bereit.” Man bringt meine Exzellenz auf die Straße, setzt sie in eine Droschke und fährt los. Aus Langeweile lese ich die Firmenschilder von rechts nach links. Aus dem Wort “Drogerie” ergibt sich “Eiregord” – das klingt wie ein irischer Name. (Anton Tschechow: Eine langweilige Geschichte)

Mein Abtransport ist für Freitagmorgen 10 Uhr vorgesehen. Nach dem Frühstück hilft die rührige Elena mir in die Dusche, wäscht mich und rubbelt mich anschließend trocken. Dann packt sie meine Sachen, zieht mich an und macht meine Exzellenz reisefertig. Zwanzig vor neun Uhr sitze ich schon wartend im Rollstuhl. Viel zu früh. Ich lege mich aufs Bett, fummele die HAZ unter meine Schuhe. Christoph kommt herein und sagt auf Wiedersehen. Ich tätschele seinen schlanken Arm, der mich so oft zuverlässig gestützt hat. Von Yannick, der mich immer mit „mein Freund“ begrüßt und mir gezeigt hat, wie ich mich im Bett nach oben ziehen kann, habe ich mich am Vorabend schon verabschiedet. Paula kommt und sagt: „Ich will mich noch verabschieden.“ Ich wünsche ihr alles Gute, ein schönes Leben und so und bin mal wieder zu bewegt. Der Schlaganfall liegt schon zehn Jahre zurück, und noch immer kann ich meine Emotionen schlecht kontrollieren. Andauernd bin ich zu Tränen gerührt, jetzt auch. Es gibt Filme, da heult meine Exzellenz Rotz und Wasser. Und bei Abschieden ist es ähnlich.

Ich liege noch bis kurz vor zwölf auf dem Bett, das nicht mehr meines ist. Leonie fragt, ob ich noch Mittagessen will, doch ich lehne ab, will endlich weg. Abschiede dürfen sich nicht so herauszögern. Doch ich musste hier lernen zu warten, nutze die Zeit für eine Betrachtung über das Patiententransportwesen:

Wenn Patienten von einer Station zum OP, zum Röntgen oder dergleichen müssen, werden die stämmigen Männer vom Patiententransport bestellt, erkennbar an ihren weinroten T-Shirts. Ob es ihnen auferlegt ist oder ob es die natürliche Haltung ist, die sich beim täglichen Hin und Her der Betten, dem Auf und Ab der Aufzüge, dem mühseligen Herumschieben, dem Feststellen und Lösen von Bremsen einstellt, aber ihr Gleichmut grenzt an Verachtung. Da liegen kranke Menschen im Bett, und sie schieben sie herum, dass sich Kartoffelsäcke mehr Aufmerksamkeit wünschen würden. In einer Nische vor der Röntgenstation wartet bereits ein schütteres Weiblein. Ein Stoiker in Weinrot schiebt mich neben ihr Bett. Zwischen uns ein Wandschirm. Mit einem Mal beginnt sie zu sprechen: „Was wollt ihr von mir? Lasst mich in Ruhe! Ich habe euch doch nichts getan. Ihr wollt mich foltern.“ und plötzlich im kraftvollen Aufflackern: „Aber dann foltere ich euch, dann seht ihr mal, wie das ist. “ Eine Pflegekraft tritt hinzu und beendet den Spuk durch Ansprache: „Frau Meier!? Sie werden jetzt geröngt.“ Sie schiebt sie weg.
„Tut nicht weh!“, schicke ich ihr hinterher.

In ihrer Gleichgültigkeit können die Transportmänner in einem verwirrten Geist die Vorstellung aufkommen lassen, sie wären die abgestumpften Folterknechte und das Geschäft hinter den Türen wäre boshafte Marter. Solche Gedanken werden auch von der eigenen Hilflosigkeit und der effizienten Routine des Personals befeuert. Generell ist es belastend, wenn plötzlich fremde Menschen in weißen Kitteln wie selbstverständlich die Verfügungsgewalt über den Patientenkörper übernehmen. Dem Zwang zur Wirtschaftlichkeit werden die Transportmänner bald weichen. Man wird die Betten über ein Leitsystem auf Schienen transportieren und eine Frau Meier wird denken, sie wäre in der Geisterbahn.

Ah, wie schön, zwei Männer vom Roten Kreuz schieben einen Transportstuhl herein, helfen mir freundlich aus dem Bett, greifen sich meine Sachen und los geht’s. Auf dem Flur steht man Spalier, wie meine Exzellenz vorbeigerollt wird. Ich winke.

Der König will frühstücken

Vom ersten Sonnenstrahl an der Nase gekitzelt, erwachte der feiste König und klatschte in seine Patschehändchen: „Herbei, herbei, ihr lieben Untertanen! Euer König hat Wünsche.“
In Wahrheit bin ich ganz schön abgemagert und nicht aus Bequemlichkeit im Bett, sondern eine sogenannte hilflose Person. Meine Wünsche sind alltäglich, aber das gebrochene Bein macht sie zu Herausforderungen, die nur mit fremder Hilfe gemeistert werden können. Daher muss ich für jede Handreichung klingeln und darauf hoffen, dass jemand kommt und sich erbarmt. Glücklich ist, in Deutschland hilflos zu sein. In vielen Ländern der Erde heißt das, schmerzvoll und elend zu krepieren.

Im Vinzenzkrankenhaus ist die operative Nachsorge optimal geregelt. Ich presse die Klingel, und es eilt jemand herbei und fragt nach meinem Begehr. Anfangs ist das wie das Öffnen einer Wundertüte. Wer arbeitet hier, wer hat gerade Dienst? Wie kompetent hilft sie /er? Wie viel Zeit bleibt für ein persönliches Wort? Viele von ihnen habe ich rasch ins Herz geschlossen. Eine junge Schwesternschülerin „ich bin Paula“ ist mein Sonnenschein! Sie verströmt trotz Maske soviel positive Energie und Freundlichkeit, dass mir das Herz aufgeht. Und schon fürchte ich, dass sie sich in diesem Beruf rasch verschleißen wird, weil da andere Ausgaben sind als meinen wehen Fuß umzubetten. Dass junge Menschen diesen harten Beruf erlernen, verdient höchste Anerkennung.

Natürlich bin ich als Privatpatient privilegiert. Allmorgendlich eilt ein Bote herein und bringt mir die Zeitung. Mittags kommt eine aparte junge Frau, angetan mit weißer Bluse und schwarzer Weste, schwarzer Hose an mein Bett und fragt nach Essenswünschen, der Chefarzt kommt zur Visite und ist zufrieden mit der Leistung seines Oberarztes. Ich berichte es ihm, und er freut sich: „Der redet nämlich nicht mit mir.“ Möglich, dass man unter Kollegen mit Lob spart. Hier wäre es angebracht.

Die Nachtschwestern können keinen Sonnenschein zaubern. Sie stellen sich schweigend vor mein Bett und warten auf Ansprache, ein rhetorischer Trick offenbar, der eine unangenehme Situation schafft. damit sie nicht für jede Kleinigkeit herbei gepfiffen werden. In dunklen Nachtstunden malt sich mein überdrehendes Hirn aus, wie es wäre, wenn aus Gründen plötzlich niemand mehr käme. Im SF-Klassiker „The Triffids“ von John Wyndham erlebt der Protagonist das. Er liegt nach einer Augenoperation im Spital und bedauert, dass er nicht wie alle anderen einen Meteoritenschwarm beobachten kann. Am nächsten Morgen ist die öffentliche Ordnung zerbrochen, weil alle, die das Schauspiel am Nachthimmel betrachtet haben, erblindet sind. Glücklicherweise sind meine freundlichen Helfer immer wohlauf.

Sonntag wurde ich operiert, Freitag wird man mich schon entlassen. Ich belege ein Bett und verursache nur noch Kosten. Aber wohin soll ich? Ich lebe allein. Meine Wohnung ist nicht barrierefrei. „Wir bauen alle falsch“, sagt der Physiotherapeut bei der Lymphdrainage. Wer gesund auf beiden Beinen steht, denkt nicht an eine plötzliche Behinderung und baut vor. Die Metapher offenbart das Problem. Vorzubauen ist den meisten von uns unmöglich. Also lieber gesund bleiben.
„Herbei! Herbei! Ich will auf Holz klopfen!“

Neues aus dem Bett von Frau Wevelshoven

Man lernt hier Wörter, die man eigentlich nicht kennen möchte, nichts Obszönes, und es geht auch nicht um die Wörter, sondern um das, was sie bezeichnen. Beispielsweise habe ich das Wort „Gehbock“ noch vor Wochenfrist nicht gekannt. Derzeit besitze ich sogar einen Gehbock. Vorgestern, bevor man mich aus der Klinik entlassen hat, kam die Physiotherapeutin, eine Frau Rodenberg, mit einem nagelneuen Gehbock an und ließ mich dafür unterschreiben. Der Gehbock soll mir helfen, mich fortzubewegen, weil ich mein rechtes Bein nur mit 10 (zehn!) Kilogramm belasten darf. Das ist nichts, wie wir mit einer Waage feststellten. Mir ist mal in meiner Jugend in einer Kölner Druckerei eine große Rolle Rotationspapier auf den Fuß gekippt. Der Fuß war glatt durch. Da legte man mir für sechs Wochen einen Gips an, einen Gehgips genauer. Ich war damit sogar in der Diskothek unseres Dorfes tanzen. Doch ich weiß noch, wie quälerisch ein Gipsbein ist und wie furchtbar abgezehrt das Bein nachher war.

Der komplizierte Bruch des Unterschenkels, der mich derzeit lahmlegt, wurde nicht gegipst, sondern minimalinvasiv genagelt und verschraubt, ein chirurgisches Meisterwerk. Der es vollbracht hat, ein Arzt mit einem Namen „wie der Schauspieler“ ließ mich vor der OP berichten, wie es zur Fraktur gekommen war. Also:
„Nach einer fröhlichen Feier im Garten meiner Liebsten, stieg ich die Terrassentreppe hinab, um beim Abräumen zu helfen, übersah im Dunkeln die letzte Stufe, und indem ich ins Leere trat, nahm mein bis dahin schönes Leben im Fallen eine böse Wendung. Ich traf schmerzhaft auf Steinfliesen und kam nicht mehr hoch. Spiralbruch des Unterschenkels. Ich gebe zu, ich war alkoholisiert.“
„Ich bin kein Moralapostel und feiere auch gern“, sagte der Arzt und führte einen eleganten Hüfttanz auf.

Wer das kann, hat auch Geschick im Operieren, dachte ich, und entsprechend harmlos sieht mein Bein aus, obwohl ein 30 Zentimeter langer Nagel im Schienbeinknochen steckt. Wo er verschraubt ist, besteht für sechs bis acht Wochen die Gefahr neuerlichen Brechens bei zu hoher Belastung. Darum der Gehbock. Wie es mir weiterhin erging und wieso ich aus dem Bett von Frau WevelshoVen schreibe, davon später. Der Gehbock soll mich für heute zu Bett tragen.

Claus Kleber und die Spatzen – Wiedersehen mit Frau Nettesheim

Frau Nettesheim
Ist Ihnen die digitale Entgiftung gelungen, Trithemius?

Trithemius
Mir wurde bald klar, dass digital detox zu kurz greift. Deshalb habe ich in den vier Wochen der Kur so gut wie jedes Medium gemieden.

Frau Nettesheim

Sie haben mir eine Ansichtskarte geschickt.

Trithemius

Ganz auf Medien verzichten kann ja nur, wer als Waldmensch lebt. Ich habe Post verschickt, mich an Hinweisschildern und Plänen orientiert, Landkarten vom Bodensee betrachtet, auf die Uhr geguckt, Tagebuch geführt, einen Roman gelesen, manchmal sogar das Smartphone zur Fernkommunikation benutzt. Aber ich habe nicht in die Zeitungen geschaut, die im Leseraum herumlagen. Den Fernseher auf dem Zimmer habe ich nur einmal eingeschaltet und es sofort bereut. Ich presste die Fernbedienung und ging ins Bad. Da ertönte plötzlich die Stimme eines Verrückten, der ein Murmelbahnrennen moderierte: „Auf die Murmel, fertig los!“ Das kam mir vor wie ein Anschlag auf meine Murmel. Ich habe den Deppen flugs abgeschaltet. Das Internet habe ich gemieden, nur per Smartphone ab und zu ins Teestübchen geschaut.

Frau Nettesheim
Sie haben also auf tagesaktuelle Medien verzichtet.

Trithemius
Denen ist schwer zu entkommen. Am Anfang der zweiten Woche hieß es plötzlich, im Leseraum säße „kein geringerer als Claus Kleber.“ Und tatsächlich stand er tags drauf mit uns am Buffet. Ich habe ihn geflissentlich ignoriert. Aber andere machten Selfies mit ihm. Kleber („Ich habe Urlaub“) genoss seinen Prominentenstatus sichtlich, sonnte sich am Vormittag oft auf der Terrasse. Als er abgereist war, fand ich seinen Terrassenstuhl von Spatzen bekackt.

Frau Nettesheim
Trithemius! Das ist eine völlig unzulässige Verbindung. Spatzen wissen nichts von Claus Kleber oder Terrassenstühlen. Ich hätte auch ohne ihre despektierliche Äußerung gewusst, was Sie von ihm halten.

Trithemius
Sie meinen, die Spatzenkacke ist nicht die Kritik der Sperlinge an der demagogischen Moderation des Heute-Journals?

Frau Nettesheim
„Für Spatzen ist er einfach nur ein Mensch.“

Trithemius
Das wage ich zu bezweifeln, Hohe Frau. Spatzen sind ja selbst im Nachrichtenwesen. Heißt es nicht von allseits bekannten Neuigkeiten: „die Spatzen pfeifen sie von den Dächern?“

Frau Nettesheim
Sie halten Claus Kleber doch gar nicht für einen Nachrichtenmann. Was er macht, sei Infotainment, die Verwischung der Grenzen zwischen Information und Meinung.

Trithemius
Ich weiß schon, warum ich die tagesaktuellen Medien vier Wochen gemieden habe. Ich war vom aufgeregten Tuten, Tröten und Trompeten schon ganz närrisch und habe die Ruhe genossen. Und wissen Sie, was das Beste war?

Frau Nettesheim
Woher denn.

Trithemius
Ich war nach den vielen sportlichen Aktivitäten meistens so müde, dass ich keine Lust mehr zum Denken hatte.

Frau Nettesheim
Das ist hoffentlich vorübergehend. Sie können nicht alles den Spatzen überlassen.