Bodensee – Kursplitter V

Das Wetter wird gebracht
Nach dem heftigen Regen der Nacht ist im Kurpark das Kneippbecken randvoll. Zwei Arbeiter sind daran beschäftigt, haben den Gullydeckel zu einem Schacht geöffnet, woraus das Rauschen einer Pumpe zu hören ist. Ich frage im Vorbeikommen, was passiert ist. Die Pumpe spiele verrückt, sagt einer und geht mit mir weiter. Wie wohl das Wetter wird, frage ich. „Wenn des Weddr kommd, des sie brochd hend, hörd’s bald auf zu soicha“, sagte er. Gemeint ist wohl die im Fernsehen gebrachte Wettervorhersage.

Schwäbische Mediennutzung
„Em Fernseh wird ebbes brocht, em Radio au,
aber im Intenet und in der Schwäbische Zei-itung stohts.“

Oma bekommt Besuch
Ein kurdischer Masseur schildert mir eine Entwicklung: „Früher hatte Oma Geburtstag, und die ganze Familie fuhr mit einem Auto hin. Heute gleiche Oma, gleicher Geburtstag, die Familie fährt mit fünf Autos hin.“

Der Zeller See im Nebel – Foto: JvdL


Auf Schwaden starren
Sauwetter seit Tagen, Wind und Regen bei Temperaturen um 15 Grad. Der Zeller See ist allmorgendlich nebelverhangen. Über den jenseitigen Hügeln steigen Nebelschwaden auf. So kenne ich den Bodensee. Vor genau 56 Jahren bin ich als Jugendlicher schon einmal hier gewesen. Vier Freunde und ich radelten von Nettesheim eine Woche hin, eine Woche zurück. Eine Woche blieben wir am Bodensee und erlebten ihn fast nur im Regen. Auf der Hinfahrt durch den regenverhangenen Schwarzwald nächtigten wir in der Jugendherberge von Freudenstadt. Wir teilten uns die Dachstube mit zwei niederländischen Studenten. Indem der Regen aufs Dach prasselte, ein Freund eine Reportage über seine auf- und abschwellende Erektion gab, geschah meine politische Erweckung. Die Studenten klärten uns darüber auf, welches Unrecht der Vietnamkrieg war. Bis dahin hatte ich derlei nie gehört, hatte in einer Filterblase gelebt, denn in den Nachrichten von ARD und ZDF wurde es nicht ausgesprochen, auch die Neuß-Grevenbroicher Zeitung war voll auf US-Kurs gewesen. Jetzt verstand ich, warum zu Karneval in Köln die Jugendlichen „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh!!“ skandiert hatten.

Nicht meine Schuld
Nach der missglückten Kahnpartie wasche ich meine verschlickten Sneakers am Badestrand und gehe Barfuß Richtung Unterkunft. Unterwegs raste ich auf einem Stein.Unzählig Tagesausflügler ziehen vorbei. Zwei türkische Jugendliche fragen, ob es wo was zu essen gibt. Wegen Corona hat auch das Restaurant am See geschlossen. „Hier gibt’s nichts.“
„Keinen Döner?“, wundern sich der eine.
„Auch keine Pommes?“, fragt der andere aggressiv.

6 Kommentare zu “Bodensee – Kursplitter V

    • So isses.Unweit war eine Badeanstalt, wo es vor Corona vermutlich einen Imbisstand gegeben hatte.Auf dem Stein sitzend, versuchte ich später in die nassen Sneakers zu kommen, weil auf dem Weg spitzer Split lag. Aber später sah ich ein junges Mädchen einfach barfuß darüber laufen.

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