Bodensee-Kursplitter II

Leseschwäche und Pulsfrequenz

Während des freien Ergometer-Trainings am Morgen pedaliere ich locker bei einer Pulsfrequenz von etwa 90. Da betritt plötzlich einer den Raum und herrscht mich an: „Wieso ist denn hier offen?!“
„Das ist freies Ergometer-Training.“
„Aber draußen steht 18 bis 20 Uhr!“
„Geöffnet ist auch morgens, schauen Sie nach.“
Er geht nach draußen, kommt zurück und insistiert: „18 bis 20 Uhr! Wieso ist denn jetzt offen?“
Ich werde ungeduldig, will in Ruhe trainieren und frage: „Möchten Sie, dass geschlossen ist?“
„Nein, nein. Aber wieso ist denn jetzt offen?“, sprachs und wendet sich zweifelnd ab.
Verfluchter Korinthenkacker! Zu blöd zu lesen geht noch, aber damit anderen auf den Geist zu gehen, muss ja nicht. Tatsächlich hat der Kerl meinen Puls auf 125 gebracht.

Wieder im Land: Die Denunzianten

Er gehört zu den Neuankömmlingen. Am Frühstücksbuffet herrscht mich eine Neue vor mir an, ich solle gefälligst Abstand halten. Ich bin perplex, denn ich hatte mich an die Gepflogenheiten gehalten. Wir essen schon in zwei Schichten. Trotzdem ist Gedränge am Buffet nicht zu vermeiden. Nach dem Frühstück überbrücken manche die Wartezeit bis zur ersten Anwendung im großen, offenen Zeitungslesebereich. Hier sitzt man gewohnheitsmäßig ohne Maske. Die Zimtzicke von vorhin kommt vorbei und rennt stracks zur Rezeption, um offenbar erneut zu petzen: „Das mit der Maskierung klappt immer noch nicht.“ Die Corona-Hysterie legt bei manchen hässliche Charakterzüge frei. Mir fällt ein Spruch aus dem 19. Jahrhundert ein:

    „Der größte Lump im ganzen Land,
    das ist und bleibt der Denunziant.“

Die folgende Wartezeit verbringe ich damit, den Spruch korrekt zu gendern.

    „Des Lumpen engste Anverwandte
    das ist und bleibt die Denunziante.“

Zeitwahrfalschnehmung

Eigenartig, wieder nach der Uhr zu leben. Dabei zeigt sich, dass die Zeit nicht kontinuierlich voranschreitet. In Wahrheit vergeht die Zeit ruckartig. Wir hätten es längst gemerkt, wenn wir den gleichförmigen Lauf der Sonne nicht beobachten könnten. Angenommen, über den bewohnten Gebieten hinge eine ständige Wolkendecke. Bei immer verdeckter Sonne hätte der Mensch eine ganz andere Zeitwahrnehmung entwickelt.

Küss‘ mein Bein!

Was ich auch schon vergessen hatte: Die seltsame Anhänglichkeit von Duschvorhängen.

Regenbogen über dem Zeller See – Foto: JvdL – größer: Klicken

Dass Regenbögen paarweise auftreten, zeigt ein morgendlicher Blick vom Balkon. Auch schön zu sehen, dass die Abfolge der Farben beim größeren umgekehrt ist.

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19 Kommentare zu “Bodensee-Kursplitter II

  1. Unwillkürlich fiel mir heute beim Lesen deines Beitrags Thomas Manns „Zauberberg“ ein. Die dort aufgebaute Atmosphäre der Achtsamkeit und dass alles, was in unmittelbarar Nähe des Kurenden geschah auch wahrgenommen und reflektiert wurde ……

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    • Was Menschen tun, ist in ihnen angelegt. Doch dein Hinweis auf Schule führt weiter, liebe Sonja.. Erwachsene sollten die Neigung zu Petzen oder Denunzieren im Griff haben.
      Leider bin ich schon am Bodensee weg. Eine Woche nach der Kur ereilte mich der Unfall. Jetzt in Kurzzeitpflege habe ich Zeit, die Bodenseenotizen auszuwerten.

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    • Ja, die Petze hatte offenbar Angst. Dabei waren alle regelmäßig negativ getestet und z.T. geimpft. Ich sah sie sogar im Schwimmbad mit Maske. Doch sie befand sich in einer freiwilligen Kur. Wer solche Angst vor Menschen und Ansteckung hat, bleibe wohl besser zu Hause. Die Sucht nach Beachtung war offenbar stärker.

      Gefällt 2 Personen

  2. Ich vermute, der größere Regenbogen ist der Kurschatten des kleineren – ein Art Luftspiegelung (oder Spiegelung in Regentropfen?). Ich möchte fast wetten, dass auch über dieses Phänomen H. J. Schlichting schon geschrieben hat, bin aber zu faul zum Suchen.

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      • Das wissenschaftliche Erklärungen entzaubern, dieser Meinung war ich auch lange. Inzwischen glaube ich, diese „Ernüchterung“ ist nur ein Schritt auf dem Weg zum Verstehen. Mit dem Verstehen setzt (für mich jedenfalls) das Staunen wieder ein. Es wird von einem kindlichen Staunen zu einem erwachsenen Staunen. Aber Menschen, die sich ihr kindliches Staunen bewahren möchten, sind mir tausendmal lieber als solche, die ums Verrecken alles banalisieren möchten.

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        • Ich weiß schon lange, dass der Regenbogen durch Lichtbrechung in den Regentropfen entsteht und dass es eine schwächere zweite Lichtbrechung gibt, die den Nebenregenbogen erzeugt. Aber daran denke ich nie, wenn ich einen Regenbogen sehe. Zum „erwachsenen Staunen“ gehört sicher auch, die physikalische Erklärung beiseite zu lassen, wenn sie das Naturerleben nicht intensiviert, sondern eher schwächt.

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