Gedanken aus der eurasischen Steppe

„Östlich des Rheins beginnt die eurasische Steppe!“, soll ein Aachener Gymnasiallehrer noch vor 60 Jahren seinen Schülern beigebracht haben. In meiner linksrheinischen Heimat sah man ebenso abfällig auf die andere Rheinseite, in Köln Schäl Sick, obwohl von unserem Dorf aus bei klarer Luft, wenn sie gereinigt worden war von einem nächtlichen Schauer, am östlichen Horizont die Ausläufer des Bergischen Lands zu sehen waren.

Als ich heute Morgen erwachte, wusch ein heftiger Gewitterschauer die Schwüle des Vortags weg. Fröstelnd lag ich in meinem durchgeschwitzten Bett und konnte mit einem Mal wieder klarer denken. Ich sah durchs geöffnete Fenster gen Westen, mein Geist hüpfte hinüber in meine alte Heimat und interessierte sich plötzlich für die Stadt Düsseldorf, die mal als dörfliche Siedlung am Flüsslein Düssel begonnen hat, dort, wo die Düssel (die Rauschende), aus dem Bergischen Land kommend, in den Rhein mündet. Dass dieses Dorf zur Landeshauptstadt wurde, hat laut Wikipedia wohl mit den Herzögen von Berg zu tun, nach denen das Bergische Land überhaupt benannt ist.

Ganz naiv hatte ich bislang angenommen, das Bergische Land heiße so, weil es bergig ist, zumindest stärkere Anstiege hat als etwa die Eifel. Dann müsste es aber Bergiges Land heißen. Freilich würden Süddeutsche, Österreicher oder Schweizer *Innen die Hügel nicht als Berge bezeichnen. Als Jugendlicher bin ich mit Freunden zum Schloss Burg geradelt, ohne zu ahnen noch zu fragen, wieso es dort ein Schloss, mehr eine befestigte Burganlage gibt. Längst weiß ich, dass Burg und Berg Synonyme sind, doch, Zounds! da muss ich mir erst in Hannover eine Haxe brechen, um das Geschichtsvergessene meiner Jugend zu korrigieren.

Ich schaue aus dem Fenster in den sonntäglich ruhigen Reiterhof und lausche dem Rauschen des Winds in den Baumwipfeln. Von einem Regenschauer getränkt und nun vom Wind gezaust, muss doch eine Lust in der alten Linde sein. Aus einem Fenster des Erdgeschosses tönt erneut das klägliche Husten eines „Bewohners.“ Über dieses scheints chronische Husten habe ich schon nachgedacht. Es tönt so anklagend – wie eine Vorhaltung an die Welt, als hätte die Welt je versprochen, ihm ein lustvolles Leben zu gewähren. Nein, damit ist es wie mit einem klärenden Regenschauer. Es ist die Gnade, die einem Lebewesen gewährt wird, ohne dass es je einen Anspruch darauf gehabt hätte. Es lässt sich dazu allenfalls etwas beitragen durch das, worauf ein antikes Lebenskonzept verpflichtet: „Verantwortliche Selbstsorge.“ Alles andere regelt der Zufall, hier, da, dort oder in der eurasischen Steppe.

10 Kommentare zu “Gedanken aus der eurasischen Steppe

  1. Zum klagenden Husten:
    Die Anklage beginnt schon, wenn Mama nicht sofort tut, was ich, der Säugling verlangen kann: Nahrung, Wärme, Vertreiben der Schmerzen, Unterhaltung. weiches Lager, Ruhe oder Gesang je nachdem, ständige liebevolle Zuwendung und ungeteilte Aufmerksamkeit, die Zusicherung, dass ich das schönste, klügste und bedeutendste Wesen auf der Welt bin, aber bitte kein Dauerknutschen, kein Seufzen und Klagen, keine Gebrechen und sonste Ausfälle, Das bleibt und ist unausrottbar. Die Welt schuldet mir alles und ich schulde ihr nichts. Ist nicht so? Na schön, in fortgeschrittenem Alter haben wir manchmal Anwandlungen der Selbsteinsicht.
    Liebe Grüße und weiterhin angenehme Regengüsse! Gerda

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  2. Fußläufig von „Schloß Burg“, am Rande der „eurasische Steppe“ wohnend, kann ich deine Ausführugen auf jeden Fall bestätigen. Das „Bergische Land“ ist wunderbar hügelig, nicht bergig, und „Schloss Burg“ hieß früher „Burg Neuenberge“ und wurde von Adolf II. von Berg gegründet.

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