Postmann

Auf dem Weg zum Bäcker begegnete mir erneut der Briefträger von der Citypost. Er schob sein blaues Postrad über den Bürgersteig. Der Mann rührt mein Herz. Noch nie habe ich einen Menschen gesehen, der von einer derart dunklen Wolke der Traurigkeit umweht ist. Bevor wir einander passierten, schlug er wie üblich die Augen nieder. Doch die Sonne schien, ich war guter Dinge und dachte, warum nicht mal freundlich grüßen, um ihm die Wertschätzung zu zeigen? In seinen gesenkten Blick sagte ich arglos: „Guten Morgen!“ und erschrak vor seiner Antwort. Sein „Guten Morgen“ klang so jämmerlich und so hart am Weinen, dass ich fürchtete, ihn aus der Fassung gebracht zu haben.

Da dachte ich, der trägt so schwer an seinem Los und jetzt wie zum Hohn muss er meinetwegen auch noch „guten Morgen“ sagen? Das lasse ich in Zukunft besser. Doch während ich mein Frühstück bereitete, fiel mein Blick auf den Spielplatz, wo er unter der blühenden Kirsche auf der Bank saß und pausierte. Dabei versenkte er sich wie üblich in einer Zeitung. Was wird er wohl lesen?

    „Bundeskanzlerin Angela Merkel nennt Billiglohnsektor sittenwidrig“ oder
    „Bundesverdienstkreuz für Postboten der Citypost“ ?

In einer besseren Welt.

6 Kommentare zu “Postmann

  1. Der arme Mann trägt nicht nur die Post anderer Leute, sondern auch seinen persönlichen Rucksack mit sich. Wer weiss, was da an Schwerem drin ist.
    Ich las einmal von der Idee, dass an einem besonderen Tag jeder seinen persönlichen Rücksack an einen besonderen Baum hängen – und diesen gegen den Rucksack eines beliebig unbekannt anderen Menschen tauschen und an sich nehme dürfte.
    Egal, wie schwer der eigene Rucksack auch ist: man würde sich vermutlich immer wieder seinen eigenen von diesem Baum zurückholen….
    Deine Idee, lieber Jules, einen traurigen dreinblickenden Menschen einfach freundlich zu grüßen, würde ich durchaus weiterverfolgen. Es hat sich noch niemand „vergrüßt“ 😉
    Liebe, fröhliche Grüße!
    Lo

    Gefällt 6 Personen

    • Lieber Lo,
      ich weiß ja nicht, was ihn so betrübt. Er ist aus meiner Sicht noch ein junger Mann, nämlich Anfang 40. Da bietet so ein Job im Billiglohn natürlich keine Perspektive. Den Packen eines Fremden zu übernehmen, halte ich für wagemutig. Wer weiß, wie schwer der ist. Den eigenen kann man einschätzen. Aber den mal für einige Zeit abzugeben, wäre auch ganz hübsch.
      Sonnige Grüße aus Hannover
      Jules

      Gefällt 2 Personen

      • Eine berührende Beobachtung, so gut geschrieben. Wie gern ich hier lese!

        „gnadenloser Grüßer“ – ein interessanter Ausdruck! Klingt fast, als wäre ein Gruß ein Fußtritt. Und ist es vielleicht auch, im guten Sinne? Ihm folgt womögllich: ein Aufschrecken aus einer düsteren Stimmung, ein Augenaufmachen und Feststellen, dass die Welt noch da ist und sogar belebt.
        Im Internet, lieber Jules, bewirkt das freundlliche Grüßen gelegentlich auch eine Stimmungsaufhellung in düsteren Zeiten.
        Sei also herzlich gegrüßt! Gerda

        Gefällt 2 Personen

        • Das freut mich, liebe Gerda. Danke für das innewohnende Lob! Seitdem uns soziale Distanz auferlegt wurde, sind manche vielleicht grußentwöhnt. Mir fehlt auch, das sich offen und freundlich ins Gesicht zu schauen, die Wahrnehmung des Mitmenschen und nicht in ihm eine potentielle Virenschleuder zu sehen. Einer, dem ich an einer Engstelle auf dem Bürgersteig begegnete, wäre am liebsten seitlich ins Kellerloch gekrochen, was schon wieder recht ulkig ist.
          Danke für deinen Kommentar und sonnige Grüße aus Hannover
          Jules

          Gefällt 2 Personen

  2. Vielleicht ist er ja auch froh, dass ihn jemand einfach so gegrüßt hat; dann ist er beim zweiten Mal noch erstaunt und beim dritten lächelt er sogar.
    Ich kann eine gnadenlose Grüßerin sein (irgendwann krieg ich sie alle 😈 )
    Sowas nehm ich dann sportlich und (bis auf einen) sind sie froh. Und wer gar nicht will – ist ok so.
    Liebe Grüße
    Sabine vom 🕷 🕸

    Gefällt 4 Personen

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