Bagatelle – Wo Weckeruhren reden

In der Nacht, in der ich nicht schlief, mich nur unruhig im Bett herum wälzte, in jener Nacht stellte ich plötzlich fest, dass der Stecker meiner Nachtlampe gezogen war. Er lag nutzlos am Boden, so dass ich im Notfall nicht Licht machen konnte. Ich lag grübelnd da, wer das wohl getan haben mochte. Ob es aus Bosheit geschah? War es der Auftakt gewesen zu einer lichtscheuen Schandtat, die ich in letzter Sekunde vereitelt hatte? Mich beunruhigte, dass mir entgangen war, wie sich jemand neben meinem Bett zu schaffen gemacht hatte. Dann raffte ich mich auf und schob den Stecker wieder in die Steckdose zwischen meinem Bett und dem Nachtschrank. War es nötig, Licht zu machen? Sollte ich mich überzeugen, dass ich allein im Zimmer war? Darüber muss ich wohl eingeschlafen sein.

Ich erwachte aus unruhigem Schlummer. Durch den Vorhangspalt sickerte der junge Morgen. Ich richtete mich auf und stellte meine Füße auf den Teppich. Um mich herum schien alles in Ordnung zu sein. Nicht sogleich dachte ich an die leere Steckdose und den gezogenen Stecker. Zuerst musste ich mich in dem Durcheinander im meinem Kopf zurecht finden. Aha, ich bin also kein Seehund, sondern der und der, habe kaum geschlafen, erst auf Morgen zu, draußen ist die Stadt, mit der ich langsam vertraut werde. Ich höre die üblichen Geräusche. Gleich habe ich einen Termin. Ich hole den Wecker aus der Schublade und sehe nach der Uhrzeit. Den hatte ich in der Nacht wieder zwischen meine Socken legen müssen. Anfangs war er ganz leise gewesen, und ich hatte ihn gekauft, weil er nicht tickte. Doch inzwischen hat er zu flüstern begonnen, flüstert unentwegt „BagatelleBagatelleBagatelle“ und zwar so schnell nur ein Automat flüstern kann, mindestens dreimal in einer Sekunde, eigentlich aber diese Zeiteinheit missachtend. Es könnte durchaus sein, dass nur zweieinhalb Bagatellen in die Sekunde passen, die letzte etwa bis „Baga“ oder „Bagatel“, mit oder ohne Doppel-L. Diese komplizierten Überlegungen hielten mich eine Weile gefangen, so dass ich erst später einen Kontrollblick auf die Steckdose an der Wand zwischen meinem Bett und dem Nachtschränkchen warf.

Sie war weg. Es gab dort keine Steckdose. Das weiße Kabel der Lampe verschwand hinter meinem Bett und steckte verborgen in einer am Boden liegenden Doppelsteckdose. Ich hatte die Verkabelung selbst verlegt, als mein neues Bett aufgebaut war. Denn zwischen dem leicht schrägen Kopfende des Bettes und der Wand befindet sich ein Spalt, in dem gerade Platz genug ist für Kabel und Doppelsteckdose. Von ihr bekommen auch zwei Wandleuchten links und rechts des Kopfendes bei Bedarf Strom.

Jetzt stehe ich vor der Frage, ob ich nach der unruhigen Nacht in meiner vertrauten Welt aufgestanden bin, die genug Ordnung und Symmetrie hat und sauber verkabelt ist, so dass ich im Bett liegend sogar zwei Lichtschalter bequem erreichen könnte, ob ich aber in der Nacht ganz woanders war, in einer Welt der leisen Bedrohung, in der ich eine Steckdose zwischen meinem Bett und dem Nachtschränkchen und nächtliche Besucher habe, die mir den Stecker aus der Dose ziehen und mir schaden wollen. Das zu akzeptieren, fiele mir nicht schwer. Für die Konstanz der Welt, in der wir leben, gibt es keinen Beweis, nur den Glauben, dass sie so ist, wie wir sie erleben. Fatal wäre es nur, wenn zwischen diesen meinen Welten eine Art Pendeltür bestünde, und ich könnte ungewollt hindurch fallen in einer unruhigen Nacht.

19 Kommentare zu “Bagatelle – Wo Weckeruhren reden

  1. Ich hatte mal eine Polin als Deutsch-Schülerin. Einmal liess ich sie einen Text vorlesen, in dem wohl die Beleuchtung in einem Schlafzimmer vorkam. Sie las das Wort todernst als „Nachti-Schlampe“ vor und ich musste ihr erklären, warum ich so lachen oder schmunzeln musste.

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  2. Eine sehr schön erzählte Geschichte der Verwirrung 😶 aber wer weiß … vielleicht leben wir ja tatsächlich in mehreren Paralleluniversen. Also mir kommt es schon manchmal so vor … nämlich dann, wenn ich in den Keller gehe, um Getränke zu holen und mit den von der Leine abgenommenen, trockenen Handtüchern oben ankomme, um anschließend einen Kommentar bei dir zu schreiben.
    Ja – das Leben kann schön beängstigend sein 😊
    In diesem Sinne – einen schönen Tag wünscht
    Sabine vom 🕷 🕸
    🤔 was macht eigentlich der Stapel Handtücher neben meinem Computer???

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  3. Bleibt nur zu hoffen, lieber Julius, dass es sich um einen einfachen Traum gehandelt hat. Die Vorstellung einer Tür zu wie auch immer geartete Welten, ist gruselig. Als Kind fürchtete ich mich davor zu träumen, weil ich einfach nicht glauben wollte dass Träume eben nur Träume sind sondern überzeugt war, dass man wirklich an einen anderen Ort geht. Heute glaube ich das nicht mehr, lese deinen Text aber vorsichtshalber kein zweites Mal 😉

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  4. Leider habe ich den Titel vergessen, las aber einmal einen Roman, in dem die Protagonistin entweder Normalfrau in der Gegenwart war oder unkontrollierbar aufwachte als spanische Edeldame. Zunächst konnte sie kein Spanisch, was den Aufenthalt in jener Welt schwierig gestaltete. Am Ende gab es ein Entscheidungsdilemma, von dem ich nicht mehr weiß, wie es gelöst wurde. Du bist aber offensichtlich „hier“, was ich sehr begrüße 😊

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    • Aufwachen als spanische Edeldame, klingt für manche verführerisch. Der Plot erinnert mich ein wenig an Paul Ehrlich, Der Mann, der zweimal lebte. Nach deinen Angaben bin ich aber nicht fündig geworden. Freut mich, von dir im Hier und Jetzt begrüßt zu werden.

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  5. Ich überlege grad, ob es eine weise Entscheidung war, Kafkas „Prozess“ als Nachtlektüre hervorzusuchen, um ihn ein zweites Mal zu lesen, „Jemand musste Josef K verleumdet haben“ – diese latente Bedrohung wohnt auch deiner Erzählung inne.

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