Als die Glocken nach Rom geflogen waren

Wie die Glocken nach Rom geflogen sind, habe ich nicht gesehen, obwohl meine Mutter meinen Blick in den bewölkten Himmel gelenkt hatte. „Da!“, sie hätte die Glocken gesehen, sagte sie. Weil sie mich auf dem Arm hielt und wir Wange an Wange durchs Dachflächenfenster geschaut hatten, glaubte ich kaum, dass die Glocken über unser Haus geflogen waren. Die Glocken wären in Rom, um beim Papst Milchbrei zu essen, so wurde auf dem Dorf erklärt, warum die Glocken von Gründonnerstag bis zum Ostersonntag schwiegen. Stattdessen zogen die Messdiener dreimal täglich mit Rasseln durchs Dorf.

Mein fünf Jahre älterer Bruder war Messdiener. An einem Karfreitagmorgen durfte ich an seiner Statt mit dem Fahrrad unsere Straße hochfahren und die Rassel schwingen. Es hatte gerade geregnet. Ein milder Frühlingsregen war das gewesen. Die Natur hatte ihn bereitwillig aufgesogen. Ich erinnere mich an den erdigen Duft, der von der Straße aufstieg. Sie war zu dieser Zeit noch nicht asphaltiert und von den Regentropfen feucht gesprenkelt. Ich wusste, dass meine Aufgabe wichtig war und schwang die Rassel voller Inbrunst. Aus heutiger Sicht nichts Besonderes, doch für mich im Alter von fünf Jahren ein kleines Hochamt.

Aus meinem Tagebuch vom März 1997

(Der Beitrag ist eine Wiederveröffentlichung vom 25. März 2016)