Mit Strümpfen winken

Es ist reichlich albern, einem Arzt mit einem Strumpf zu winken. Ich habe das getan. Die Frage, ob ich vielleicht das eine oder andere Rad ab hätte, kann ich vorsorglich verneinen. Ich winke sonst nie mit Strümpfen, kann mir auch keinen vernünftigen Grund dafür denken. Die Tat ist aus einem Überschwang an Dankbarkeit entstanden, und das kam so: Am vergangenen Freitag ist mir beim Abtrocknen ein Weinglas zu Boden gefallen und zerbrochen. Ich sammelte die Scherben auf, übersah allerdings ein paar Splitter. Samstagmorgen sagte, was in mir klüger ist als ich, ich könnte doch meinen Staubsaugerroboter mal durch die Küche fahren lassen. Das ist eine gute Idee, dachte ich, vergaß aber, sie in die Tat umzusetzen.

Am Nachmittag kochte ich einen aufwändigen Auflauf, für dessen Vorbereitung ich in der Küche umhergehen musste und trat achtlos in einen Glassplitter. Der schlitzte mir ein Loch in den Socken und setzte sich fest in meiner Fußsohle. Aua! Besser nicht darauf rumlaufen, um ihn nicht noch tiefer hineinzutreiben. Am Ende gerät er noch in die Blutbahn und fährt mir wie das Mini-U-Boot im SF-Film „Die phantastische Reise“ pfeilgrad ins Hirn.

Trotzdem musste ich natürlich umherhumpeln. Man glaubt gar nicht, wie viele Gänge für die alltäglichen Verrichtungen nötig sind. Ich konnte mir den Schaden ansehen, konnte den Splitter sogar fühlen, doch es war mir unmöglich, ihn zu entfernen. Gelenkigere Leute als ich, also kleine Kinder und Schlangenmenschen, können sich ihre Fußsohle unter die Nase halten. Ich nicht, obwohl kein olfaktorischer Hinderungsgrund vorlag. Die in vielen Dingen kompetente Frau an meiner Seite hat in ihrer Jugend sogar eine staatliche Prüfung als Schwesternhelferin abgelegt, doch sie war leider nicht an meiner Seite, sondern aus Gründen unerreichbar fern. Ich habe verschiedenes ausprobiert und kann mitteilen, was nicht funktioniert, beispielsweise eine Sohle aus Luftpolsterfolie zu schneiden. Als sie gut saß, fein mit einer Leukoplastbindung justiert, platzten die Luftpolster beim ersten Schritt. Eine junge Dame hat mal bei mir einen Haargummi hinterlassen. Den wie einen Ring um die Stelle gelegt und befestigt, kann man sich auch sparen. Er drückt sich einfach platt. Also musste ich das Wochenende so verbringen und auf einen frühen Termin in der Arztpraxis meines Vertrauens hoffen. Die Ärztin, zu der ich immer gehe, war leider erst um 10:30 Uhr verfügbar, aber um 10:20 Uhr hatte ich bereits einen Termin bei meiner Zahnärztin, weil mir ein Stück vom Zahn abgebrochen war.

Man könnte sagen, ich hätte eine kleine Pechsträhne, aber zumindest das Pech mit dem Glassplitter hatte ich selbst verschuldet, weil ich mal wieder ein Bruder Leichtfuß gewesen war. Obwohl ich sonst nur Ärztinnen an mich heranlasse, hielt ich um 8:45 Uhr einem Kollegen den Fuß hin. Der brauchte nur fünf Minuten, um mit der Pinzette zwei Glassplitter aus meiner Fußsohle zu ziehen. Er zeigte sie mir stolz, aber ohne Brille sah ich gar nichts.
„Das nenne ich ärztliche Kunst!“, rief ich erleichtert, nachdem er die kleine Wunde verpflastert hatte. Im Rausgehen sagte er noch: „Sie sollten davon keine Beschwerden mehr haben. Ich glaube, ich habe alles erwischt.“

Ich wollte ihm zum Dank winken, aber vergaß, dass ich meinen Strumpf in der Hand hielt. Es war mir im Augenblick peinlich, doch ich sagte mir, dass ein Arzt in seinem Berufsleben mancherlei Absonderlichkeit erlebt. Da kann ihn ein Wink mit einem Socken nicht schocken, zumal er ganz frisch und sauber war.