Über Gruß und Grüßen

Was für ein hohles Ritual, dachte ich, als die Frau den Raum verließ. Sie wandte uns den Rücken zu und sagte: „Auf Wiedersehen.“
„Auf Wiedersehen!“, sagten alle wie im Chor, ich auch. Was wäre die Alternative? Hätte sie grußlos den Raum verlassen, hätten alle gedacht: Wie unfreundlich. Das Ritual bei der Verabschiedung einander wildfremder Menschen ist Teil unserer Sozialisation. Sich dagegen zu verhalten, bereitet den anderen ein ungutes Gefühl. Wieso? Im Studium besaß ich ein Buch über menschliche Kommunikation. Der Autor, dessen Name mir entfallen ist, nein, es war nicht Paul Watzlawick, entwickelte die Theorie der Streicheleinheiten.

Ein einfacher Guten-Morgen-Gruß wäre demnach eine Streicheleinheit. Wer sie gibt, erwartet eine angemessene Gegenleistung. Angemessen bedeutet nicht übertrieben und nicht zu wenig. Angenommen man begegnet einem flüchtig bekannten Kollegen regelmäßig auf dem Flur. Da wäre ein „Guten Morgen“ angemessen. Die Antwort: „Guten Morgen, wie geht es Ihnen?“, würde als aufdringlich empfunden, denn man hat nur eine Streicheleinheit bekommen und gibt zwei zurück. Etwas anderes wäre es, wenn die morgendliche Begegnung eine Weile ausgeblieben wäre. Dann dürfte eine schlichte Ergänzung folgen: „Guten Morgen, lange nicht mehr gesehen.“

Wenn man voneinander den Namen wüsste, wäre „Guten Morgen, Herr/Frau Sowieso“ angemessen. Au, Mist, der Name fällt einem nicht ein. Man antwortet schlicht: „Hallo“ und hat ein ungutes Gefühl, denn man hat zwei Streicheleinheiten bekommen, aber nur eine halbe zurückgegeben. Weitere Grußsituationen lassen sich jetzt herleiten. Warum gibt es diese sozialen Zwänge und warum unterwerfen wir uns?

Affen stärken den Zusammenhalt ihrer Gruppe, indem sie einander kraulen. Dies wird schier unmöglich, wenn die Gruppe zu groß ist. Hier meine persönliche Sprachentwicklungstheorie: Einander wahr zu nehmen und diese Wahrnehmung durch einen Laut kund zu tun, ist eine Sorte Fernkraulen. Das entspannt die Situation und zeigt an: „Du bist eine/einer von uns.“

Das war’s vorläufig. Ich sage Tschüs und schönes Wochenende!

26 Kommentare zu “Über Gruß und Grüßen

  1. Fühl dich gekrault 🕷 🕷 🕷
    Das mit dem Grüßen ist schon eine seltsame Angelegenheit – das erinnert mich an das Grüßen, wenn wir uns auf einer Wanderung befinden … das wäre ein Artikel wert … ich glaub, ich mach mir da eine Notiz und wenn das für dich ok ist, verlink ich das.
    Ganz furchtbar liebe außerordentlich superduper Grüße 🙂 🙃
    Sabine vom 🕷 🕸

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  2. Du schreibst mir aus der Seele, lieber Jules.
    Ich finde es schade, wenn Grüßen so absolut emotionslos oder pflichtgemäß ohne eine Regung, ohne ein „Augen“-Blick, ohne ein kleines Lächeln passiert.
    Dann ist es kein Grüßen.
    Auf Wiedersehen ist sicher die Ergänzung des Satzes:“ Ich freue mich, auf ein Wiedersehen“
    Dieses „Hallo“ als Begrüßung ist mir ehrlich auch etwas wenig.
    Ich bin doch kein Telefon.
    Dann doch gern das norddeutsche „Moin!“.
    Da ist alles drin.
    Liebe Grüße!

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    • Das freut mich, lieber Lo. Jahrelang habe ich für eine Nachbarin Pakete angenommen. Letztens habe ich mich entschieden, das nicht mehr zu tun. Obwohl sie auf dem Benachrichtungszettel stets meinen Namen lesen konnte, brachte sie immer nur ein sparsames „Hallo“ heraus. „Moin“ ist komplexer als ich dachte.
      Lieben Gruß!

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  3. Lieber Jules, dazu fallen mir zwei Dinge ein:
    1) ich hatte mich mit einem näheren Bekannten getroffen der blind ist. Er sagte zur Verabschiedung „Auf Wiederhören“, im Telefon-Tonfall. Ich fand das wunderbar selbstironisch und witzig
    2) Von Großstadt zu Land in einem (wie ich ohne empirische Datengrundlage jetzt einfach behaupte) linearen Verlauf ändert sich das Grüß-Ritual bei einander entgegenkommenden aber unbekannten SpaziergängerInnen/WandererInnen, von absichtlich aus dem Weg gehen über Augenkontakt und Lächeln bis „Grüß Gott!“.
    Und merke: wenn die bis dato fremden Wanderpassanten dir plötzlich das Picknick wegfressen, stimmt irgendwas im Streicheleinheitengrüßformelberechnungssystem grade nicht.
    🤗

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    • Liebe Anna, Dankeschön für die Beispiele. Die Verhaltensveränderung habe ich auch festgestellt, führe vieles auf die Coronabedingte soziale Distanzierung zurück. Ich hoffe, das pendelt sich wieder ein. Die übergriffigen Wanderpassanten finde ich lustig, solange es nicht mein Picknick ist 😉

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      • Lieber Jules, tatsächlich habe ich beides schon lange vor Corona erlebt bzw. beobachtet.
        Am Beginn der Pandemie hatte ich eher das Gefühl dass Leute Blickkontakt vermeiden, was seit den diversen Maskenpflichten wieder abgenommen hat.
        Liebe Grüße!

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  4. In der Stadt grüßt dich normalerweise kein Unbekannter. Mache ich einen etwas größeren Spaziergang, ca. 8 Km, komme ich durch ein eingemeindetes Dörfchen mit wenigen Häusern. Dort werde ich gegrüßt. Längst habe ich mich darauf eingestellt, um nicht unhöflich zu wirken…

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  5. Pingback: Über Gruß und Grüßen – just my 2 cents – Spinnradl

  6. Das Grüßen Fremder ist wohl auch ein Teil der sozialen Kontrolle, ein Hinweis darauf, dass man wahrgenommen wird, nicht unbemerkt bleibt. Mir fiel einmal auf, dass Kinder sehr betont grüßten. Mir wurde das damit erklärt, dass das auch präventiv sei, dass der Fremde das Kind nicht als beliebig wahrnimmt, sondern als freundliches Wesen.

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