An nichts denken müssen

Gestern habe ich in der Sonne gesessen. Ich fand eine Bank am Rand des Van-Alten-Gartens. Eine kleine kompakte Frau im kurzen Höschen joggt vorbei. Offenbar war sie so gut trainiert, dass auch die Kälte im Schatten ihr nichts machte. Sie verharrte unten an der Straße, dann sprintete sie am Park entlang das kurze Stück der Kirchstraße bis zur Pfarrei. Von dort joggte sie zurück. An der alten Stelle drehte sie und verschnaufte, um wieder los zu laufen, zuerst mit Trippelschritten, ab der Hälfte der Strecke im Sprint. Das wiederholte sie, wobei sie die erste Phase modifizierte, mal kurze Trippelschritte, mal steifbeinig die Füße hebend wie eine Marionette. Das wirkte albern, aber war ihr wohl egal.

Ich erinnerte mich, als Radsportler auch manchmal im Intervall trainiert zu haben, beispielsweise auf großen Parkplätzen, weil sich dort kurze Strecken bemessen ließen. Dass dies vorbei ist und nicht wieder zu erlangen, machte mich schwermütig. Ich erhob mich und schulterte den Rucksack mit dem Einkauf.

Den ganzen Tag hatte ich mich schon seltsam gefühlt. Heute weiß ich warum. Die Tiernatur in mir ahnte den Wetterumschwung, ahnte den aufkommenden Schneefall, wiewohl der Himmel noch bläute. Das Eichhörnchen begann umtriebig nach vergrabenen Nüssen zu suchen. Die Vögel in der Nachbarschaft flogen unruhig heran und hofften, etwas möge für sie abfallen. Die Tiernatur hatte mich zum Einkauf veranlasst, um Vorräte zu ergänzen. Nur Salz hatte ich vergessen, trotz Einkaufzettel.

Ich spürte den anstehenden Wetterumschwung, verstand aber die Botschaft meiner Tiernatur nicht. War ich zu sehr in Gedanken? Hätte ich einfach mal an nichts denken sollen? Das ist schwerer als das Wort „einfach“ vermuten lässt. Der fabelhafte Robert Walser schreibt:

    Für einen Intelligenten bedeutet es eine sehr feine Freude,
    es fertigzubringen, an nichts zu denken.

In einem Radio-Spot der Belgische Eisenbahn preist eine Frau das Reisen mit der Bahn:

    „O het is zalig, om aan niks te mutte denke,
    daar kan ik lekker ontspannen.“
    [O es ist wunderbar, an nichts denken zu müssen.
    Da kann ich mich schön entspannen.]

Ich habe den Verdacht, dass hier zwei verschiedene Weisen, nicht zu denken gemeint sind. Walser meint die gedankenlose Selbstbesinnung, während die Spoorwegen das simple Reisen auf Schienen preisen. Man muss sich keine Gedanken machen über die Fahrtstrecke. Das ist Element einer Welt der Betreuungsangebote, zu denen Routenplaner, Fahrplan-App und Informationsmedien gehören. So verstandenes Bahnreisen ist wie Zeitungslesen. Wie der Zugreisende sich keine Gedanken über die Fahrtstrecke machen muss, die Stationen seiner Reise nicht zu bestimmen und nicht auf den Weg zu achten hat, braucht auch der Zeitungsleser nur den gedanklichen Spuren zu folgen, die Journalisten zu Zeilen angeordnet haben gleich den Gleisen der Bahn. Als Bahnreisender hat man nur den Blick nach links und rechts aus dem Fenster, sieht also nicht genau, wohin die Reise geht. Man muss vertrauen, dass die Gleise nicht in den Abgrund führen. Ebenso wie Leser*Innen eines Zeitungsartikels vertrauen müssen, dass man sie nicht aufs Glatteis der Desinformation führt.

Doch bei den Zeitungen hat sich eine Schreibweise durchgesetzt, die des Meinungsjournalismus. Als würden Bahnbedienstete mutwillig darüber entscheiden, auf welchem Gleis zu welchem Ziel die Bahnreisenden geleitet werden. Da sagt ein Bahnoberer: „Jetzt fahren wir mal alle Leute in den Schwarzwald!“ und aus allen Richtungen dampfen Züge heran nach, sagen wir mal, Freudenstadt. In Freudenstadt heißt es „Endstation. Bitte alle aussteigen!“ Dann stehen die Leute in hellen Scharen auf den Bahnsteigen und wundern sich. „Was sollen wir denn hier in Freudenstadt?“ Und es hagelt Bußgelder, weil die Mindestabstände nicht eingehalten werden. Tja, das ist die Konsequenz von “ aan niks te mutte denke.“

Nichts gegen Freudenstadt.

9 Kommentare zu “An nichts denken müssen

    • Die Zitate schlummerten schon eine Weile auf meiner Festplatte, liebe Mitzi. Mit den Zeitungen ist’s ein Kreuz. Einst gab es eine Trennung von informierenden Texten und Meinungstexten. Die alte FR beispielsweise druckte die Überschriften kursiv, wenn ein Meinungsanteil vorlag. Diese Achtung vor der Selbstbestimmung der Leser ist obsolet. Heute haben fast alle Texte einen unausgewiesenen Meinungsanteil.

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  1. Da hast du mich wieder mit neuen Gedanken versorgt 😄
    Ja – das mit dem Nachdenken ist so eine Sache. Da muss ich an das kleine Büchlein von Georg Steiner denken: Warum Denken traurig macht.
    Vier Mal was mit ‚denken‘ geschrieben … ich denk, das reicht jetzt aber 🙈
    Liebe Grüße
    Sabine aus dem 🕷 🕸

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  2. Ich bleibe noch gedanklich bei dem Phänomen hängen beim Einkauf etwas zu vergessen, obwohl es auf dem Einkaufszettel steht. Ist mir nämlich auch schon passiert, dabei habe ich mir im Geschäft den Zettel gründlich durchgelesen. Da gelingt mir, scheint’s, das Nicht-Denken ganz gut.

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