Bitte halten Sie fünf Minuten meine Ferse!

„Et jitt sunn – un et jitt andere – un dat sin de mietste“, säät kölsch Hännesje (Es gibt solche – und es gibt andere – und das sind die meisten, sagt das kölsche Hännesje), und: „Jede Jeck is anders.“ Natürlich ist auch jeder Jeck anders jeck. Das Substantiv Jeck und das Adjektiv jeck sollen auf den biblischen Jacobus zurückgehen, das ist der hebräische Rufname für „Fersenhalter“, was den nachgeborenen Zwillingsbruder meint. Der Begriff Jeck für Mitmensch entspricht der rheinischen Toleranz und der Einsicht in die eigene Unvollkommenheit. Fersenhalter sind wir alle, die Nachgekommenen von unvollkommenen Leuten, und die Ähnlichkeit mit diesen Ahnen haben wir uns nicht ausgesucht.

In aus heutiger Sicht grauer Vorzeit fuhr ich allmorgendlich mit meinem Bruder nach Köln zur Arbeit. Dann lief im Autoradio eine Morgensendung, in der zwischen den Musiktiteln heftig herumgealbert wurde. Da fühlte ich mich verhöhnt, morgens um halb Sieben Uhr, und gern hätte ich dem Moderator den Saft abgedreht, aber es war leider nicht mein Auto. Meinem Bruder gefiel es, doch ich fand die frühmorgendliche Lustigkeit unpassend. Schließlich warteten acht Stunden öde Arbeit in der Setzerei auf mich. Sie bestand im Wesentlichen darin, dass ich Preise und Tarifzonen in den Druckformen für Fahrscheine austauschte oder Auszüge aus den Beförderungsbedingungen für die Fahrscheinrückseite änderte, weil man sich bei den Verkehrsbetrieben mal wieder schwere Gedanken gemacht hatte, wo man sprachlich noch feilen müsste und wenn es auch nur darum ging, wo ein „Fahrgast“ im Singular stand, müssten eigentlich „Fahrgäste“ im Plural stehen. Was, zugegeben, den realen Bedingungen in Bahnen und Bussen viel näher kam.

Gut, im Auto meines Bruders hatte ich sogar einen Sitzplatz. Trotzdem sah ich keinen vernünftigen Grund zu witzeln, und überhaupt waren mir schon immer alle suspekt, die über den Morgentau bereits witzige Soße gießen, als müsste man die frisch gewaschene Welt erst genießbar machen. Davon geriet ich manchmal in Grimm oder fiel in leichte Depression, wobei ich nicht weiß, ob das nur zufällig bei mir kontraproduktiv wirkte oder ob es sich um eine Verschwörung der morgendlich Gutgelaunten handelt, mich und die Gleichgestrickten zu piesacken. Reicht es nicht, dass es im Deutschen kein schöneres Wort gibt für uns als „Morgenmuffel“?

Etwa 15 Jahre später hatte ich einen durchaus liebenswürdigen Kollegen, der zu meinem Leidwesen ein wanderndes Witzelexikon war. Woher die Witze ihm zuflogen, weiß ich nicht, und ich staunte darüber, dass er immerzu neue kannte. Damals gab es schließlich noch kein Internet mit Witzsammlungen. Jedenfalls wartete er allmorgendlich an der Lehrerzimmertür auf neue Opfer, die er noch rasch vor Unterrichtsbeginn erheitern konnte. „Verdammt, Karl“, sagte ich eines morgens, „ich kann jetzt noch nicht lachen, und willst du schuld sein, dass ich mich gleich an meinen Schülern für deinen Witz räche?“

Seltsamer Weise kann ich mir so gut wie keinen Witz länger als einen Tag merken. Erst letztens musste ich mir einen Blondinenwitz erneut erzählen lassen, denn ich hatte den Anfang, den Mittelteil und die Pointe vergessen. Das ist übrigens besser, als hätte ich die Pointe noch erinnert, denn erstens kann ich dann erneut lachen, wenn nicht gerade früher Morgen ist, und zweitens bin ich ein grauslicher Witzerzähler, wenn ich zufällig eine Pointe noch weiß und den Rest memorieren muss.

Zuverlässig kenne ich nur einen, den von Tünnes und Scheel auf der Deutzer Brücke. Den hat mein Onkel mal erzählt, als ich noch ein Kind war. Warum er sich mir eingebrannt hat, weiß ich nicht, denn er ist banal und beruht auf einem Wortspiel, das heute kaum noch einer versteht, weil Nähmaschinen nicht mehr auf Tischgestelle montiert sind. Tünnes schleppt eine Nähmaschine auf die Deutzer Brücke. Da kommt Scheel vorbei und fragt, was das soll. „Die werfe ich in den Rhein“, sagt Tünnes. „Ja, warum denn?!“ „Steht doch drauf ‚versenkbare Nähmaschine’!“ Ungefähr so.

Bitte, was ist das nur? Ich habe in meinem Leben unzählige bessere Witze gehört. Aber die wollen einfach nicht in meinen Kopf. Sie können meine Ferse jetzt loslassen.

20 Kommentare zu “Bitte halten Sie fünf Minuten meine Ferse!

  1. Du glaubst nicht welchen Witz mein Vater vor kurzem mal wieder belebte. Tünnes und Scheel stehen auf der Deutzser Brück. Sagt Scheel, der Göthe war ein großer Dichter. Ich versuchs auch mal. Ich steh auf der Brück und schau auf den Rhein, wie fein. Meint er dann: Das reimt sich zwar, ist aber kein Gedicht. Sagt der Dünnes: Ich steck mir den Daumen in den Po, das reimt sich zwar nicht, aber es dichtet…🙈

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  2. Jetzt ist mir doch tatsächlich der einzige Tünnes-und-Scheel-Witz eingefallen, an den ich mich noch erinnere. Aber was nicht in Deinen Kopf will, soll da auch nicht rein. Als Morgenmuffel würde ich mich auch nicht beschimpfen lassen. Ich würde sogar sagen, dass ich morgens oft ausgesprochen guter Dinge bin – solange man mich nicht anspricht. Mir morgens einen Witz zu erzählen, wäre ein Grund für mildernde Umstände.

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    • Jetzt am Nachmittag wäre ich empfänglich für deinen Witz. Ersatzweise ich zu moderater Uhrzeit:
      Tünnes fährt mit einem neuen Motorrad vor und lädt den Scheel zu einer Probefahrt durch die Eifel ein. Nach einer Weile tippt ihm Scheel auf den Rücken und jammert: „Tünnes, mir is esu kalt!“ Tünnes hält und schlägt vor, Scheel solle die Jacke verkehrt herum anziehen, dann könne der Fahrtwind nicht in den Ausschnitt hineinblasen. Gesagt getan. Sie fahren wieder los. Nach einer Weile fragt Tünnes: „Wa Scheel, wie ist et?!“ Keine Antwort. Er dreht sich um und sieht, dass er den Scheel verloren hat. Er wendet und fährt zurück. In einer Kurve liegt Scheel am Boden, von einigen Leuten umstanden. Tünnes fragt: „Wie jeht et dem?“
      Sagt einer der Leute: „Zuerst war er noch ganz munter. Aber als wir ihm den Kopf richtig herum gedreht haben, hat er nichts mehr gesagt.“

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      • Nein, wie schrecklich! Zum später Lesen (ich muss es aber jetzt schreiben, denn später bin ich schon wieder ausgebucht): Tünnes hat in der Lotterie gewonnen und sich seither nicht mehr bei Scheel gemeldet. Endlich macht Scheel ihm einen Besuch. An der Haustür empfängt ihn der Butler und näselt: „Herr Tünnis [langes „i“] ist nicht zu sprechen. Er liegt gerade auf der Veranda.“ – Als Scheel nach Hause kommt, sagt er zu seiner Frau: „Der Tünnes ist vielleicht ein feiner Pinkel geworden. Der nennt sich jetzt nicht mehr Tünnes, sondern Tünnis, und seine Frau heißt nicht mehr Vera, sondern Veranda.“
        Ja, ja – ich weiß, der ist doof. Aber mit Witzen ist es wie mit Werbung: je blöder, desto mehr prägt es sich ein. Ich grübele immer, was das über das menschliche Gehirn aussagt.

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  3. Ich werde noch ein wenig an deiner Ferse kleben bleiben, lieber Jules. Das mit dem morgendlichen Witz und die Art wie er einem auf die Nerven gehen kann, kann ich sehr gut nachvollziehen. Und das obwohl ich ein absoluter Morgenmensch bin und nach dem Aufstehen sofort hellwach bin. Nur krampfhaft witzig sein, das ertrage ich in der Früh nicht. Liebe Grüße

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  4. @ »Damals gab es schließlich noch kein Internet mit Witzsammlungen«
    Aber Witzesammlungen jeglicher Coleur gab es ja schon vor dem Internet zahllose in Buchform oder als Broschüren. Mir war es stets ein Rätsel, wie solche Sammlungen damals zustande kamen: wo die Herausgeber wohl all die Witze hernahmen, wer ihnen die zutrug?
    (@ Banaler Witz aus der Kinderzeit, der sich mir eingebrannt hat und auf einem Wortspiel beruht:
    Was war der Heiland von Beruf? – Schneidermeister. Denn in der Bibel steht ja, die Jünger riefen: »Siehe, der Meister naht!«)
    [nahen = mdal. nähen]

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  5. im krankenhaus habe ich mir selbst witze ausgedacht. ich konnte mich auch nur an einen erinnern. der eigentlich ein typischer mikey-mouse-fragewitz ist: was ist blau, liegt im wald und stinkt? na? schlumpfkacke! und mir diesen tag und nacht zu erzählen war ein wenig erschöpfend. also erfand ich mir selber welche, die, bis auf einen regelmäßig bei meiner familie durchfielen. den erzähl ich aber nicht. ich erzähle meinen lieblingswitz. treffen sich ein inder und ein japaner. der japaner hat einen lebenden oktopus auf dem kopf. der inder feixt und sagt: „du haste schlecht kalma!“ der japaner sagt: „nein, oktopus!“. soviel zu witzen die man nur selbst lustig findet. 🙂 heiteremoji

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