Zeitdehnung

An manchen Tagen leide ich an Zeitdehnung. Sie überfällt mich in ungünstigen Augenblicken, beispielsweise wenn ich für einen Termin das Haus verlassen muss. Plötzlich erkenne ich, welche Verrichtungen noch nötig sind, bevor ich aufbrechen kann. Dann sind deren so viele, und ich verzweifele vor dem, was noch getan werden muss. Die dazu benötigte Zeit dehnt sich, und wird zum Termin hin immer knapper.

Zeitdehnung kann aber nicht nur Menschen befallen, sondern ganze Gebäude wie etwa die Lindener Postfiliale. Ich kenne sie nur mit langen Schlangen, manchmal bis auf die Straße hinaus. Man hat das Gebäude bis vor kurzem aufwändig saniert, den Putz von den Wänden geklopft, Mauern eingerissen und an anderer Stelle neu errichtet – vergeblich. Die Zeitdehnung steckt so hartnäckig im Gemäuer wie der penetrante Gestank nach Schweinen in einem ehemaligen Saustall. Die Angestellten haben sich offenbar längst darein gefunden, dass bis ans Ende dieser Tage eine Schlange von Kunden vor ihnen dräut. Wie das Beutetier angesichts eines gefräßigen Beutegreifers erlahmt, so werden die Angestellten in ihren Bewegungen immer träger, je mehr ungeduldige Kunden warten.

Manches liegt wohl an der Organisation der Arbeitsabläufe. Man kann sie theoretisch optimieren lassen von Männer mit Klemmbrettern und Stoppuhr, die zum Berufsstand der REFA-Fachleute gehören. Derweil sie Menschen bei der Arbeit beobachten, halten sie in Tabellen einzelne Arbeitsschritte und die dazu benötigte Zeit fest. Weil REFA-Analysen in der Regel dazu führen, dass in kürzerer Zeit mehr gearbeitet werden muss oder Arbeitsplätze wegrationalisiert werden, hat gewiss eine kleine militante Postgewerkschaft dafür gesorgt, dass jene REFA-Analyse in der Postfiliale Hannover-Linden exakt ins Gegenteil verkehrt wird, mit folgendem Effekt:

Ein Kunde legt eine Benachrichtigung vor und möchte sein Päckchen abholen. Der bereits erlahmende Angestellte, prüft die Benachrichtigung, erbittet sich den Personalausweis und gleicht den darauf vermerkten Namen mit dem Namen auf der Benachrichtigung ab. Dann gibt er dem Kunden den Personalausweis zurück, nimmt die Benachrichtigung, wendet sich ab und strebt durch den Kassenraum einer hinteren Tür zu. Sie ist offen und zeigt einen halbdunklen Gang, der in die Tiefe des Gebäudes führt und den lahmen Angestellten verschlingt. So stellt es sich dem Beobachter dar.

Tatsächlich bewältigt der Angestellte den langen Gang bis zum letzten Büro, klopft an die Bürotür des Filialleiters und wartet auf ein „Herein!“ Nur wenige Schritte noch, dann ist er am Pult seines Vorgesetzten angelangt und legt ihm die Benachrichtigung vor. Der sucht im Jackett über der Stuhllehne seine Lesebrille hervor, setzt sie auf und prüft die Benachrichtigung auf Stimmigkeit. Datum, Lieferzeit, Adresse, Postbezirk müssen ihre Richtigkeit haben. Dann schiebt er seinem Untergebenen einen Anforderungszettel zu, den er ausfüllen muss, um den Schlüssel zum Paketaufbewahrungsraum in Empfang nehmen zu dürfen. Nach der Empfangsnahme erfolgt die korrekte Verabschiedung. Der Angestellte schreitet hinüber zum Paketraum, schließt ihn auf und begrüßt den dort wartenden Kollegen. Der fragt: „Was gibt’s?“, obwohl es nur den einen Grund gibt, weshalb man ihn aufsucht, nämlich um ein gelagertes Päckchen abzuholen.

    Liebe Leserin, lieber Leser, bitte denken Sie sich den Rest selbst, also wie der Schlüssel wieder zum Amtsleiter gebracht werden muss, die Quittung usw. Ich habe leider einen Termin und die noch zu verrichtenden Handlungen bilden schon lange Schlangen.