Rührstab für unterwegs

„Ohne meinen Pürierstab gehe ich nie aus dem Haus“, sagt Fernsehkoch Mirko Reeh im Interview mit dem Glüxmagazin. Unterwegs zum Bäcker lachte ich über die ungewollte Komik. Wenn ich aus dem Haus gehe, nehme ich Geldbörse, Maske und Schlüssel mit. Ich käme nicht darauf, einen Pürierstab einzupacken, wo es doch selten etwas ambulant zu Pürieren gibt. Selbst wenn jemand mit einer Schale Pommes aus der Tür des Dönerladens träte, wäre es unschicklich, ihm die Pommes zu pürieren. Versehentlich memorierte ich Reehs Aussage mit: „Ohne meinen Rührstab…“ Ein Rührstab wäre ein sinnvolles Utensil für unterwegs, wenn er auf zauberhafte Weise das bewirken könnte, was man unter „anrühren“ versteht.

Vor mir in der Schlange im Supermarkt stehend, verlangte eine alte Frau, ich solle einen Abstand „in der Länge einer Parkbank halten.“ Ich hatte mich getreu an den Markierungen am Boden orientiert und sagte: „Jetzt übertreiben Sie aber.“
„Nein!“, rief sie verzweifelt. „Wir haben einen ganz schlimmen Virus. Das können Sie in jeder Zeitung nachlesen.“ In seinem Wörterbuch des Teufels definiert Ambrose Bierce:

Derlei Zurückweisungen erfrischen nicht, sondern fühlen sich übel an, nicht nur, weil es ein mühsames Geschäft ist, eine Parkbank vor sich herzutragen. Und auch noch längs! Mein armer Rücken.

Bedingt durch die permanenten Aufforderungen zur sozialen Distanz ist die Begegnung im öffentlichen Raum unerfreulich geworden. Entgegenkommende warten vor Engstellen, um Nähe zu vermeiden, oder sie wenden den Kopf ab zur Seite. Ich ertappe mich dabei, für die Dauer der Begegnung die Luft anzuhalten. Das ganze Miteinander steht unter einem üblen Diktat. Ob das je wieder anders wird? Mir begegnete der Postbote von der blauen Post. Gerne hätte ich ihn gegrüßt, doch er schaute mit tieftraurigem Ingrimm zu Boden. Der Mann rührt mich immer wieder, auch ganz ohne Rührstab.

14 Kommentare zu “Rührstab für unterwegs

  1. Beim Sonntagsspaziergang begegnen uns auch einzelne Verängstigte, die sich mit einem Sprung in die Büsche retten, wenn wir nicht rechtzeitig daran dachten, unsere Hände zu lösen und hintereinander laufend weiträumig Platz zu machen. Froh stimmt mich dagegen die unverwüstlich gute Laune einiger Schüler, die ich in dieser Woche genießen durfte.

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    • Dein letzter Satz freut mein Herz. Im ersten Lockdown, als die Angstmache auf Hochtouren lief, sind zwei uns begegnende Radfahrer vor Panik beinah in einen Graben gefahren. Sie wollten sich lieber den Hals brechen als dem Virus begegnen, den ich zu diesem Zeitpunkt zuverlässig nicht hatte.

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  2. Die Dame hat das bestimmt falsch verstanden – da sagte ein Schwabe „Parkbänkle“, und die sind nur 1,5m lang.
    Es ist eine gewisse Leichtigkeit verloren gegangen; obwohl mir manchmal Leute begegnen, die sich alle Mühe geben, die nicht mehr sichtbare Mimik mit den anderen Möglichkeiten auszugleichen: da strahlen die Äuglein, Kopfwackel, die Stimme erhebt sich und es wird etwas mehr mit den Armen gerudert.
    Ich denke, das gibt sich ganz schnell wieder. Vielleicht auch zu schnell – denn jetzt spüren wir am eigenen Leib, wie wichtig persönliche Kontakte sind, da darf man sich ruhig länger dran erinnern.
    Allerdings finde ich eines schon famos: Mir ist schon lange keiner mehr vor der Kasse im Supermarkt in die Hacken gefahren 😁
    Liebe Grüße
    Sabine aus dem 🕷 🕸

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  3. »Lassen Sie mit unseren leistungsstarken Pürierstäben Ihrer Kreativität freien Lauf.« schlägt eine Google-Anzeige vor. Jetzt male ich mir gerade aus, was Herr Reeh mit seinem Pürierstab unterwegs wohl Kreatives anzustellen im Schilde führt.

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  4. Wir haben im Büro tatsächlich einen 1,5 m langen Holzstab bekommen, um die Abstände zum Mitmenschen kontrollieren zu können. Ich habe ihn noch nicht eingesetzt, da mir die Gefahr zu groß erscheint selbigen über den Schädel gezogen zu bekommen. Eine Parkbank ist unter diesem Gesichtspunkt nicht die schlechteste Option.

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  5. Das ist dann aber bestimmt ein mit einem Akku betriebener Pürierstab. Sonst würde es ausgesprochen wenig Sinn machen, so etwas mit sich zu führen. Man könnte so einen Pürierstab gar wunderbar als Waffe, als Drohung verwenden: „Halten Sie gefälligst den Rand, sonst pürier‘ ich Ihnen die …“ 😉

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