Waidmannsheil – Auf die Wildsau gehen

Kollege Noemix zitiert hier einen kuriosen Dialog aus der ARD-Telenovela “Sturm der Liebe“- es geht um eine verletzte Wildsau. Das erinnerte mich an einen Wildsaujäger, den ich vor fast acht Jahren in Bad Godesberg in der Kur kennengelernt habe. Er war ein kleiner stämmiger Rheinländer, vierschrötig mit grober ewig triefender Säufernase, Bauunternehmer im Ruhestand, bodenständig und von keinerlei Selbstzweifeln angefächelt. Er hatte im Vorjahr stolze 86[!] Wildschweine geschossen und mit besonders stattlichen Exemplaren schon zwei Goldmedaillen gewonnen.
„Un dies Jahr krieje isch och die Goldmedaille“, sagt er selbstbewusst. Der Keiler wäre schon erlegt. „Bei uns im Vorgebirge ham mir ja jute Böden, wenn man in der Eifel Wildschweine schießt, sind die Waffen oft abgebrochen von den Steinen.“
Was sind denn die Waffen, die Hauer etwa?
„Jo, jo!“

Um diese frühe Morgenstunde käme er normalerweise schon aus dem Wald. Wenn er eine Wildsau erlegt habe, würde er sie an Ort und Stelle aufbrechen und ausweiden, aber nicht zum Ausbluten umdrehen, dazu wäre sie noch immer zu schwer, dann lege er seine Gummijacke drüber und würde erst einmal nach Hause fahren, um zwei Stunden zu schlafen. Schließlich sei er die ganze Nacht unterwegs gewesen. „Meistens schieß ich ein Wildschwein gegen drei Uhr. Dann hab ich dat schon paarmal gesehen, aber der Wind stand ungünstig. Dann verdrücken die sich wieder.“

Was denn des Bauunternehmers Frau dazu sage, wenn er nächtelang unterwegs ist.
„Die kennt dat ja nich anders von Anfang an, als wir noch nich verheiratet waren.“
Das muss Liebe gewesen sein, einen Mann zu heiraten, der seine Nächte bei den Wildsäuen verbringt und morgens blutverschmiert nach Hause kommt.

Er ist schon auf der ganzen Welt unterwegs gewesen, um Tiere abzuknallen. In Afrika “Krokodile“ und „Geparde, die hatten jerade ein Rind gerissen“, Wildsäue in der Türkei „Denen schneid ich den Kopf ab, und den Rest werfe ich den Berg erunter.“ Ihm gehe es nur um die Trophäen. „Die hängen bei mir im Bürro alle an der Wand! Und im Keller!“ Davon zeigt er Fotos und sagt stolz: „WA! Dat is ene Dicke?“, als hätte er sich gerade eine fetten Popel aus der Nase gezogen. Entschuldigung für diesen Vergleich. Jetzt wieder zum echten, sauberen Waidwerk ohne despektierliche Bemerkungen. Denn Jäger schützen ganz selbstlos die Erde vor dem Überhandnehmen der Tiere, damit sie nicht zur Landplage werden, stehen dazu nächtens auf und schlagen sich die Nacht um die Ohren. Wenn unsereiner ganz egoistisch an der Matratze horcht oder säuisch der Wollust frönt, sitzen die Waidmänner stundenlang im Anstand, fangen sich laufend Zecken ein und sind überhaupt ständig in großer Gefahr. Und eigentlich ist der Bauunternehmer ein freundlicher Mann und irgendwie rührend, beinah putzig in seiner Naivität. Er kommt halt von einem ganz anderen Planeten als ich Vegetarier, besitzt auch Felle der in Kanada und Alaska geschossenen Bären.

„Die Rehe in Sibirien sind ja viel größer als unsere Rehe.“ Egal. Die hat er auch totgeschossen. Und in Österreich hat er auch was erlegt. „Aber ich bin eigentlich ein Wildsaujäger. Isch jehe auf Wildsäue!“ Wann denn die Jagdsaison beginne. „Erster Aujust! Vorher schieße mir nur Kleine. Aber nur da, wo die Schäden machen. Dann kann et schonma passieren, dat man eine Mama schießt.“ Nicht schlimm. Denn ungeborene Frischlinge sind auch nicht ohne. Irgendwann würden sie „Schäden“ machen. Die können ja nicht anders. Ihre Eltern und Großeltern, die ganze Wildschweinsippe zurück bis in die Steinzeit hat schon „Schäden“ gemacht. Sobald der Mensch den Wald gerodet hat, um sich anzusiedeln, und Ackerbauer wurde, haben die anderen Waldbewohner „Schäden“ gemacht. Wer bestimmt, wer Schädling ist? Der die besten Waffen hat, am besten keine abgebrochenen, sondern Ballerbüchsen, die aus sicherer Entfernung umhauen.

“Aus dem Rapsfeld kam nur dä Kopf eraus. Da hab ich sie erwischt. Un da hab ich mir so ne Markierungsstang mitjenommen, ich wusst ja unjefähr, wo die liegen musste, und da lag sie auch und war mausetot. Da hab ich die Stang in den Boden gerammt. Un am Morjen, ein Freund hat sone Pickup, sin wir hinjefahren, ävver nur durch die Spritzspuren (wo der Traktor zum Spritzen der Rapspflanzen gefahren ist, man will ja keine „Schäden“ machen. Gut, dass die Sau so rücksichtsvoll war, tot in eine Spritzspur zu fallen) un do hämme die Sau aufgeladen un jlich zum Metzger jebracht. Dat jab 96 Dosen Gulasch.“

„Verlassen Sie den Hochstand, wie Sie ihn vorzufinden wünschen!“ – Graffito und Foto: JvdL

Überarbeitete Fassung der Erstveröffentlichung von 8/2013 im Teppichhaus Trithemius.

18 Kommentare zu “Waidmannsheil – Auf die Wildsau gehen

  1. Einer von der ganz besonders abstoßenden Sorte Jäger. Da gibt es ja schon auch welche, die mit den Geschenken der Natur nicht so widerlich herumaasen. Wenn er sich einen Fuchsbandwurm gefangen hat, wird er vielleicht gerade von Innen heraus aufgefressen. Dann kann seine Frau sich bei Gelegenheit den Kopf als Trophäe zu den Keilern in den Keller hängen.

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  2. Ein widerliches Exemplar von Mensch. Das mag vielleicht hart klingen, aber das töten um des Töten willens oder noch ekelhafter um sich eine Trophäe in den Schrank zu hängen, das ist etwas das ich nicht verstehen kann und will. Wenn so ganz der Respekt fehlt, dann ist es schwer das gegenüber auch nur ansatzweise zu verstehen. Der mag es genauso schwer gefallen sein, lieber Jules.

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  3. jäger scheinen ja allgemein hart im nehmen zu sein. der einzige, den ich kennenlernte, berichtete, dass sein bestes wildschein das gewesen sein, das er erlegt und dann hinterm haus aufgehängt habe. aus gründen des brotjobs sei er erst zwei wochen später dazu gekommen, es abzuhängen. da seien schon die würmer drin gewesen, die er ordentlich ausgespült habe.

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  4. Gestern sah ich einen ganz gewöhnlichen Jägernsmann, erkennbar an seiner Flinte, der neben seinem Auto stand und auf den nächstbesten Vogel wartete, um ihn abzuschießen. Sein Sohn schaute von der anderen Straßenseite her zu, um das Handwerk auch zu lernen.

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  5. um einen senf abzugeben. im meinem atelier-rückgebäude bin ich von jägern umzingelt. grundsätlich finde ich das jagen nicht schlecht. dass aber genug zu schießen da is, muss das wild gefüttert werden. damit hat mehr tiere als so eine flur und so ein wald ernähren kann und das wiederum führt unter anderem dazu, dass es viel verbiss an trieben gibt und in derfolge sich ein wald kaum natürlich entwickeln kann. da wirds dann blöd mit dem jagen. auch interessant ist, daß gerade in bayern wildschweine immernoch auf verstrahlung getestet werden müssen, bevor der waidmann seinen schuss verkaufen oder essen darf. eine folge der tschernobylschen strahlungswolke, die weit ins bayernland lugte. kurzum, wild zu erlegen oder totzuschießen kann sinn machen, wild zu füttern irgendwie nicht. das sind seltsame worte, die daaus mir herauspurzeln…

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