Wintersonne, ein Versehen

Auf der Nordseite meiner Wohn- und Arbeitsstube habe ich zwei Fenster, eines ist zweiflüglig. Wenn ich im Sommer den Kopf wende und hinausschaue, sehe ich in das dichte Laub einiger Bäume, so dass es nicht viel Vorstellung bedarf zu glauben, dort wäre der Waldrand. Wenn die Bäume jedoch kahl sind wie derzeit, sehe ich durch sie hindurch wie durch einen unsauber gezimmerten Knüppelverhau. Weit hinten ziehen Autos über den Schnellweg, und just dahinter scheinen sich Häuser zu erheben. Ich schreibe bewusst „scheinen sich zu erheben“, denn ich habe diese Häuser noch nie gefunden. Bei Tag und bei Nacht bin ich in ihre Richtung gegangen, fand eine wenig verlockende Straße, die durch den Tunnel einer Unterführung strebt als hätte sie ein Ziel, fand Zäune und Ziegelmauern, einen weitläufigen Parkplatz, der durch ein stählernes Tor versperrt ist, große Plakatwände, noch mehr Plakatwände, doch warum? Wo sind Augen, sie zu sehen? Menschen leben hier nicht. Ich will es nicht wahr haben.

Und wieder schaue ich hinüber, sehe die Dächer, die roten Dachschindeln und kann mir darunter einen Dachboden denken, wo zwischen aufgespannten weißen Bettlaken junge Menschen sitzen und Plakate malen. Welch ein Idyll, so hoffnungsfroh. Doch da! Es poltern Schritte die Stiegen hinauf. Die Jugendlichen räumen rasch ihre Sachen weg. Zu spät. Grimmige Schergen stürmen herein und ergreifen sie. Die sich wehren, werden von schweren Stiefeln zu Boden getreten. Dann zerrt man sie hinaus und hinab.

Die Dächer wieder so friedlich unter der Wintersonne. Ich habe versehentlich eine Taste berührt, so dass ich ab -sonne in Fettschrift schreibe. Kurios.

„Ich bin ein Berliner Pfannkuchen“

Die Besucher brachten am Silvesterabend eine Tüte Krapfen mit. Sie würden traditionell am Neujahrsmorgen genossen, auch in Hannover, erfuhr ich. Bei Christa Hartwig las ich, dass Berliner wegen dieses „Pfannkuchen“ genannten Schmalzgebäcks morgens beim Bäcker Schlange stehen. Wir Leute aus dem Westen kennen die Sitte nicht. Bei uns heißt das Schmalzgebäck „Berliner.“ Bei dieser Gelegenheit sei noch einmal an die moderne Volkssage erinnert, J.F.Kennedy betreffend.

Am 26. Juni 1963 hielt der damalige Präsident der USA, John F. Kennedy, auf Englisch eine Rede vor dem Schöneberger Rathaus, in deren Verlauf er zweimal den deutschen Satz sprach: „Ich bin ein Berliner.“ Kennedy löste damit in Deutschland eine Welle der Begeisterung und anhaltender Verehrung aus. Man muss die besondere Situation des damaligen Berlin als eingeschlossene Stadt bedenken, wenn man die Wirkung des Ausspruchs verstehen will. Er ist seither tausendfach zitiert worden und ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingedrungen, so dass man noch 30 Jahre später mit einer speziellen Münzprägung Geschäfte machen konnte, wie die Anzeige aus der kostenlosen TV-Programm-Beilage Prisma von 1993 zeigt.

In den USA (dagegen) entstand in den 1980-er Jahren eine moderne Sage, nach der sich Kennedy durch unsauberen Gebrauch der deutschen Grammatik zum Gespött der Berliner gemacht habe. Der Sage nach habe der grammatisch korrekte Satz ‚Ich bin Berliner‘ heißen müssen (ohne unbestimmten Artikel), und Kennedys Wendung sei von den Berlinern als ‚Ich bin ein Berliner (Pfannkuchen)’ verstanden worden, worauf großes Gelächter ausbrach. Sind Berliner solche Grammatikbiester, dass ihnen Kennedys falscher Artikel spontan aufgefallen wäre? Unwahrscheinlich, zumal Berliner in Berlin nicht Berliner, sondern Pfannkuchen heißen. Obwohl Kennedy nicht ausgelacht wurde, erfreut sich die Behauptung in den USA immer noch großer Beliebtheit und wird meist als ‚I am a jelly(-filled) doughnut‘ zitiert.

Foto aus der Berliner U-Bahn und Gif-Animation: JvdL

„Die älteste bekannte Fundstelle dieser modernen Sage ist der 1983 erschienene Roman Berlin Game (deutsch: Brahms vier, 1984) des britischen Autors Len Deighton, in dem die Behauptung aber vermutlich nicht ernst gemeint ist. Sie wurde allerdings in der Rezension des Buches in der New York Times aufgegriffen und dort wohl für wahr gehalten. In einem Artikel in der New York Times aus dem Jahr 1988 erscheint die Behauptung dann erstmals losgelöst von dieser Quelle. Sie wurde auch weiterhin in seriösen Medien kolportiert wie in der BBC, The Guardian oder NBC“ (Quelle: Wikipedia)

Lustiger Weise erfand also ein britischer Autor diese Sage; in Deutschland hörte ich sie nie. Zudem ist aus der Szenesprache der 1968-er der Artikel vor einem Namen längst in den allgemeinen Sprachgebrauch eingedrungen und wurde durch den Comedy-Hit von Diether Krebs „ich bin der Martin, ne“ allgemein bekannt. Will sagen: Den meisten Deutschen fällt die falsche Verwendung des Artikels vor Namen nicht auf, so dass sie die Komik in Kennedys Satz nicht erkennen.

Jüngling der Schwarzen Kunst – Betrüger betrügen

„Da bist du ja wieder, Hannes, ich hatte dich schon vermisst“, sagte Ewald.
„Leider musste ich eine Woche für Ganoven arbeiten. Aber gelernt habe ich eine Menge.“
„Was?“
„Dass die Schreibmaschinenschrift für Leutebetrug gedacht ist.“
Hannes berichtete, wie „Künstler“ Wilhelm W. Wienen seine Mädchenakte bewarb.
„Welche Mädchenakte?“, fragte Ewald. Hannes hatte nicht widerstehen können, sich einen Fehldruck des vierfarbigen Prospektes zu sichern, der dem Werbebrief beigelegt worden war. Da waren 12 verkleinerte Abbildungen verschiedenfarbiger Akte in vier Reihen. Obwohl die weiblichen Akte durch die knallige Farbgebung stark verfremdet waren, ging von ihnen ein erotischer Reiz aus. Angeboten wurden die Lithographien im Format 50 x 70 Zentimeter auf schwerem Büttenpapier zu je 300 DM.
„Na, die Bilder sind reichlich unkeusch!“, sagte Ewald schnaufend.
„Ich finde nichts dabei“, entgegnete Hannes, „ich habe nichts mehr am Hut mit der verklemmten katholischen Moral, aber für Sie als angehender Priester … Mich hat die gaunerhafte Werbeaktion geschockt. Aber der Neandertaler hat gesagt, es wäre alles bestens, weil diese moderne Werbestrategie aus Amerika kommt. Ich würde einfach nichts davon verstehen, weil ich vom Dorf komme. Er hat mich so von oben herab behandelt und mehr beleidigt als Ihr Vorgänger Dyckers es je gemacht hat, Herr Ewald.“
„Lass das locker an dir abtropfen!“
„Aber ich will mich rächen. Ich schlage ihn mit seinen eigenen Waffen. Wir haben doch letztens den Briefbogen der Pfarrei St. Quirinus gesetzt. Ich will mit Schreibmaschinenschrift diesen Text setzen und auf der Abzugspresse den Briefbogen damit bedrucken. Dann schicke ich ihm den Brief per Post.“ Hannes zeigte Ewald seinen Entwurf:

    Sehr geehrter Herr Hof, unseren Unterlagen entnehmen wir, daß Sie bereits 3 Jahre im Schatten des St.-Quirinus-Münsters arbeiten, aber den monatlich fälligen Domgroschen nicht entrichtet haben. Wir bitten Sie, den Betrag von 52x10x3 = 15,60 DM nachzuzahlen. (Nicht in den Opferstock werfen!)

    Mit freundlichen Grüßen
    gez. Schmiedbauer (Stadtdechant)

Ewald kicherte, dass sein dicker Bauch hüpfte. „O Hannes, du bist mir einer! ‚Domgroschen‘, das glaubt der Hof nie. Wenn wir ihn wirklich reinlegen wollen, dann muss der Brief glaubwürdiger sein. Und der Zusatz mit dem Opferstock ist zwar lustig, …“ Ewald kicherte schon wieder, „aber der macht den Brief auch zum Jux. Ich habe eine bessere Idee: Wenn ich morgens zur Arbeit komme, gehe ich über den Freithof am Büro der Diozöse vorbei. Dann sehe ich, dass Hof seinen SL immer ganz dreist auf einem der Mitarbeiter-Parkplätze abstellt. Daraus lässt sich etwas machen.“ Er nahm seinen Stift und redigierte den Entwurf.
„Aber das mit dem Opferstock muss drin bleiben, damit der Neandertaler die Chance hat, den Schwindel zu entdecken. Wenn er so schlau ist, wie er denkt …“
„Gut, wir machen es so:“


„Wenn Hof wirklich spendet, dient der Jux noch einem guten Zweck.“
„Ist Misereor seriös?“
„Natürlich, es ist die Hilfsorganisation der katholischen Bischöfe. Warum fragst du?“
„Ihr Verein hat mich schon mal reingelegt. Am Anfang der Adventszeit verteilte der Pastor solche Bastelbögen für Häuschen als Spardose. Wir sollten unser ganzes Taschengeld reinstecken, es wäre für die Diaspora. Das habe ich gemacht, denn ich dachte, Diaspora ist ein Land in Afrika. Aber Diaspora ist in Deutschland!“
„Nicht nur, aber du hast Recht, es ist da, wo Katholiken in der Minderheit sind, zum Beispiel in Niedersachsen.“
„Darum kriegen die Niedersachsen mein Taschengeld?“