Jüngling der Schwarzen Kunst – Aus zweiter Hand

„Ich habe mir die Filmplakate des neuen Hitchcock angesehen, Herr Ewald.“
„Du meinst ‚Psycho‘? So neu ist der nicht. Soviel ich weiß von 1960.“
„Aber das Kino auf der Oberstraße zeigt ihn gerade. Jedenfalls gehen mir die ausgehängten Fotos nicht aus dem Kopf. Ich muss dauernd rätseln, was es mit dem unheimlichen Haus auf sich hat.“
„Irgendwann wirst du es herausfinden.“
„Ein schwacher Trost für einen, der von allem immer nur die Außenbilder hat.“
„Geht’s wieder los mit der Leier: ‚Ich bin hier eingesperrt und erfahre so wenig von der Welt?‘ Wir alle haben von der Welt überwiegend Bilder, die im Aushangkasten hängen. Was wir unmittelbar mit unseren Sinnen erfassen können, ist minimal gemessen an dem, was uns aus zweiter Hand unter kommt.“
„Aus zweiter Hand?“
„Durch Film, Rundfunk, Bücher, Zeitungen. Du hast eben die neuste Ausgabe vom Mittag gekauft. Was berichten die auf der Titelseite? Lies mal den Aufmacher!“

    „Johnson vereidigt – In Washington wurde Lyndon B. Johnson erneut als Präsident der USA vereidigt. Er trat damit seine zweite Amtsperiode an.“

„Aha. Was im fernen Washington passiert und alles andere, was in der Zeitung steht, sind Informationen aus zweiter Hand. Man hat es nicht selbst erlebt, sondern ein anderer hats miterlebt und berichtet in der Zeitung davon.“
„Wissen Sie, was ich komisch finde, Herr Ewald? Es passiert immer soviel, dass es genau in eine Zeitung passt.“
„Na, du Trollo! Die wählen natürlich aus. Wenn zuviel passiert ist, drucken die nur das Wichtigste und lassen alles andere weg. Und wenn im Sommer zu wenig passiert, berichten die von der Gurkenernte, weshalb der Sommer die ‚Sauregurkenzeit‘ heißt.“
“Wer entscheidet, was das Wichtigste ist?“
„Die Redaktion. Die wissen, was sich am besten verkauft. Mit ihrer Auswahl bestimmen Redaktionen unser Bild von der Welt und bestimmen damit auch, was wir über die Welt denken.“
„Woher wissen Sie das, Herr Ewald?“
„Daheim habe ich als Metteur in der Zeitungssetzerei der Nürnberger Nachrichten gearbeitet“, sagte Ewald stolz.
„Bei uns im Dorf wird die Neuß-Grevenbroicher-Zeitung gelesen. Wir bekommen sie auch. Ich schneide Berichte über Katastrophen aus der NGZ aus und klebe sie in einen Schnellhefter“, sagte Hannes.
Ewald sah ihn zweifelnd an. „Du interessierst dich für Katastrophen? Warum?“
„Weil’s soviele sind?“
„Wenn du nur Katastrophen ausschneidest, besteht dein Weltbild aus Katastrophen.“
„Zu Weihnachten habe ich Stiefel bekommen, solche mit Fransen oben. Ich nenne sie meine Katastrophenstiefel.“
„Du bereitest dich also mit Stiefeln auf eine Katastrophe vor?“
Ewald musste schmunzeln.
„Wir hatten schon mal Hochwasser im Dorf. Der Gillbach ist über die Ufer getreten und stand in den Gärten. Bei einigen Nachbarn sind die Keller vollgelaufen, auch bei meinem Freund Föppes. Ich habe der Freiwilligen Feuerwehr geholfen, Sandsäcke zu füllen. Wir haben die mit der Schubkarre zu den Häusern gefahren. Der Vater von Föppes wollte keine Sandsäcke. Der stand im Garten, hat den Bach beobachtet und gesagte: ‚Ne, ne, bis zu mir kommt das nicht.‘ Kurze Zeit später schwappte das Wasser in seinen Keller, und alle haben ihn ausgelacht.“

Ewald schwieg. Der Junior näherte sich und betrat die Gasse. Er legte Hannes das handschriftliche Manuskript einer Visitenkarte auf den Tisch. Daran klemmte mit Büroklammer ein gedrucktes Muster.
„Setz‘ das nach Vorlage! Die Schrift im Muster ist Clarendon. Die haben wir nicht. Du nimmst die Volta. Das ist eine vergleichbare Egyptienne“, sagte er gewohnt wortkarg und verließ die Gasse. Hannes bestimmte per Augenmaß die Schriftgröße und stellte den passenden Kasten auf. Die Volta mochte er. Sie war kaum benutzt. Die Lettern lagen silbrig glänzend in den hellen Holzkästen eines ziemlich neuen Regals.

„Komisches Wort: ‚Egyptienne'“, sagte Hannes.
„Warum?“
„Ich muss dann immer an meinen Mitschüler Gerhard Warmke denken. Der sollte mal in der 3. Klasse ‚Ägypten‘ sagen und sagte immer wieder: ‚Ägyptien‘, bis die Lehrerin wütend wurde und ihn ohrfeigte. Sie sagte: ‚Warmke, wie heißt das?‘ Er: ‚Ägyptien.‘ Schon knallt sie ihm noch eine. Die dachte wohl, Warmke will sie veralbern. Ein Glück, dass sie nicht dabei war, als der Junior ‚Egyptienne‘ gesagt hat.

    Sie hebt drohend die Hand: ‚Eupen, wie heißt das?‘
    Der Junior schlau: ‚Serifenbetonte Linearantiqua.’“

2 Kommentare zu “Jüngling der Schwarzen Kunst – Aus zweiter Hand

  1. als typonerd musste ich sogleich die volta aufrufen, da ich in meinen geschäftspapieren eine clarendon nutze. ich werde wohl auf die volta umstellen. viel lustiger, gedehnter, kreisformiges o. die swingt! danke dafür! was ist denn ein metteur?

    Gefällt 1 Person

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