Jüngling der Schwarzen Kunst – Erste Küsse

Hannes und Pesch gingen von der Berufsschule zu Fuß zurück in die Stadt. Sie unterhielten sich über ihren Wunsch, nach Abschluss der Lehre, Grafiker zu werden. Pesch sagte: „Ein guter Grafiker kann einen Trauerbrief sogar in Rot gestalten.“
„Vielleicht, aber vergiss nicht, dass alle Farben was bedeuten“, meinte Hannes. „Schwarz ist die Farbe der Trauer, Rot die Farbe der Liebe.“
„Woher willst du das wissen?“
„Gelesen.“
„Liebe! Hast du schon eine Freundin?“
„Ja.“
„Und wie heißt sie?“
„Erika.“
„Erzähl!“
„Ich treffe sie jeden Morgen im Bus. Wir fahren zusammen nach Neuß.“
„Ihr fahrt nur zusammen Bus? So eine Freundin meine ich nicht, sondern eine, die man küsst. Hast du schon mal?“
„Ja, Kätchen, die kleine Schwester von meinem Freund Peter“, lachte Hannes. „Aber nur das eine Mal. Kätchen hatte mir ein Briefchen zugesteckt. Ich sollte sie abends um sieben Uhr in ihrer Straße treffen. Dort in einer dunken Ecke hat sie mich geküsst, und wenn dich Kätchen küsst, bist du im ganzen Gesicht gewaschen.“
Pesch lachte.

Sie durchschritten gerade die zum Bahnhof gehörende Unterführung. Hannes verschwieg die Sache mit Sonja. Er hatte sie mehrfach vom Zug abgeholt, wenn sie zur Berufsschule musste. Sonja war Friseurin im dritten Lehrjahr, eine Kollegin seiner Schwester. Sie hatte Sonja zu einer Party in Bergers neuem Partykeller mitgebracht. Sonja hatte ein enges Kleid im chinesischen Schnitt getragen, hoch geschlossen mit Stehkragen, und Hannes war hin und weg gewesen, wie sich íhr schlanker Körper unter dem glatten Stoff anfühlte, als sie sich beim Klammerblues an ihn geschmiegt und ihn geküsst hatte. Dass Sonja in Neuß Berufsschule hatte, war eine glückliche Fügung. Doch zuletzt hatte sie Hannes gesagt, er wäre ihr zu jung. Außerdem habe sie einen festen Freund. Sie vom Bahnhof abzuholen, wäre zwecklos.

Am Bahnhof verabschiedete sich Pesch, um mit der Bahn ins nahe Büderich zu fahren. Hannes bummelte alleine die belebte Oberstraße entlang Richtung Bushof. Er hatte Zeit. Sein Bus würde erst um 16:30 Uhr fahren. Dann wäre er immerhin eine Stunde früher als sonst zu Hause. Allmählich wurde ihm die Stadt vertraut. Dort war das Verlagshaus der Neuß-Grevenbroicher-Zeitung, daneben das Kino, dessen Aushang er letztens betrachtet hatte, als er auf Sonja wartete. Sie spielten noch immer „Psycho“, den neuen Hitchcock-Film, dessen schwarzweiße Standfotos im Aushangkasten schon schaurig genug wirkten. Der Film war ihm unzugänglich. Selbst wenn er in ihrem Dorfkino gezeigt werden würde, dann erst in der Spätvorstellung und ab 18.

Er musste einer Frau mit Kinderwagen ausweichen und trat mit einem Fuß auf die Fahrbahn. Plötzlich bekam er einen heftigen Schlag an die linke Schulter. Ein Bus hatte ihn gestreift und fuhr stoisch weiter. Es war als hätte ihm die Stadt gezeigt, dass er nicht hierher gehörte.

8 Kommentare zu “Jüngling der Schwarzen Kunst – Erste Küsse

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.