Jüngling der Schwarzen Kunst – Herr Ewald ist zu dick

„Sie, Sie und Sie, Sie sind entlassen!“ Hof zeigte weitausholend in die Runde der Setzerkollegen und schmiss alle raus. „Holt euch die Papiere, Ihr faulen Säcke!“
Der Junior hatte verdeckt in seiner Gasse gesessen. Jetzt erhob er sich und trat Hof entgegen: „Was soll das, Herr Hof?“
Hof stammelte: „Entschuldigung, war nur ein Scherz, Herr Eupen.“
„Unterlassen Sie das!“
„So ein Depp!“, brummelte Ewald.
„Der ist sicher sauer, weil der Brief bei ihm angekommen ist“, sagte Hannes.
„Wann hast du ihn abgeschickt?“
„Vorgestern in den Briefkasten gesteckt.“
„Doch hoffentlich nicht in eurem Dorf?“
„Ne, Herr Ewald, so blöd bin ich nicht, dass ich mich mit dem Poststempel von Nettesheim verdächtig mache. Ich habe ihn von hier abgeschickt, als ich mittags einkaufen war.“
„Dann dürfte Hof den Brief schon haben.“
„So richtig freuen kann ich mich über unseren Streich nicht“, sagte Hannes.
„Was ist los?“

„Als ich den Brief einsteckte, wunderte ich mich, wie viele Menschen in der Stadt unterwegs sind und offenbar nicht arbeiten müssen, jedenfalls nicht den ganzen Tag eingeschlossen sind wie ich in der Setzerei“, sagte Hannes.
„Fühlst du dich eingeschlossen?“, fragte Ewald.
„Und wie! Jetzt in der dunklen Jahreszeit ist es schlimm. Da gehe ich morgens im Dunkeln zum Bus und komme im Dunkeln heim. Essen, ein bisschen Fernsehen, und dann ist auch schon wieder Schlafenszeit. Und früh morgens geht’s von vorne los, sechs Tage die Woche.
„Wie lange bist du unterwegs?“
„Ganze zwölf Stunden, Herr Ewald. Manchmal fürchte ich, das Leben findet ohne mich statt.“
„Hier ist doch auch Leben.“
„Ich meine das Leben draußen.“
„Wo ist der Unterschied?“
„Ich weiß so wenig von der Welt. Ihnen kann egal sein, was passiert. Sie sind eine fromme Betschwester und wollen in den Himmel.“
„Ich geb dir gleich ‚fromme Betschwester’“, sagte Ewald und nahm ihn in den Schwitzkasten. Hannes wehrte sich. Im Gerangel japste er: „Wenn Sie sich an mir vergreifen, kommen Sie nicht in den Himmel!“
Ewald ließ schnaufend von ihm ab. Sein grauer Kittel war aufgesprungen und darunter waren die Knöpfe des cremefarbenen Nyltesthemds aufgeplatzt. Hannes starrte erschrocken auf Ewalds stattlichen Bauch.
„Was haben Sie da für Streifen?“
„Mein Arzt sagt ‚Schwangerschaftsstreifen‘.“
„Schwangerschaftsstreifen?! Sind Sie schwanger?! Hat das irgendwas mit der unbefleckten Empfängnis zu tun?“
„Quatsch, Hannes! Mein Arzt wollte mich ärgern. Er sagt seit Jahren, ich müsse abnehmen, aber ich nehme nicht ab, sondern habe noch zugenommen. Die Streifen sind Risse in der Unterhaut, quasi Dehnungsfugen, weil mein Bauch so dick ist – wie bei einer Schwangeren eben.“
„Das kommt von der ganzen Knoblauchwurst, die Sie immer essen“, sagte Hannes und wandte sich schaudernd ab.

Was bedeutet eigentlich ‚unbefleckte Empfängnis‘?, fragte er sich, während er wieder am Setzkasten stand. Er hatte es nur so daher gesagt. Welche Flecken? Etwa wie die ‚Sportflecken‘, die Dyckers mit der Sekretärin auf der Decke hinterlassen hat? Aber die war davon nicht schwanger geworden. Wieder ein Rätsel. Ewald könnte er nicht fragen. Der war zu verklemmt.

7 Kommentare zu “Jüngling der Schwarzen Kunst – Herr Ewald ist zu dick

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