Mein innerer Blockwart und ich

Ich war zu spät. Deshalb mied ich die großen Schleifen des Radwegs auf der Vennbahntrasse und wählte einen direkten Weg in den ländlichen Aachener Süden. Das war keine gute Idee, denn just vor mir sperrte ein Bauer die Straße mit einem Elektrodraht und trieb seine Kühe auf die Wiese. Er hatte deren zwei, getrennt durch einen Weg. Einige Kühe trotteten versehentlich auf die falsche Wiese. Als die Kühe der Herde das bemerkten, brüllten sie zu den Abweichlerinnen hinüber. Ich hatte Zeit, mir das unterwürfige Muhen und Blöken zu übersetzen: „He! Ihr seid falsch gegangen, kommt hierher! Der Bauer wird gleich sauer, und dann gibt’s was mit dem Knüppel auf den Arsch!“ Die Abweichlerinnen wandten sich nun um und trotteten zurück, um die falsche Wiese durch das Gatter zu verlassen. Dabei mussten sie gegen die Richtung des Herdenzugs laufen, was mir eine Verstandesleistung zu sein schien. Abweichler zu ermahnen, entspricht wohl eher dem ererbten Verhaltensmuster von Herdenvieh.

Wegen der Corona-Hygienemaßnahmen verlangt der Real-Supermarkt von Kunden, einen Einkaufswagen zu benutzen. Paare müssen laut Ansage je einen Wagen nehmen. Ich kaufe dort ungern ein, denn der Markt ist zu groß, und es ist mühsam, einen der überdimensionierten Wägen hindurchzuschieben. Ein mittelaltes Paar mit nur einem Einkaufswagen fällt mir auf. Sie lädt Produkte aus den Regalen in den Wagen, er steht teilnahmslos mit hinterm Rücken verschränkten Armen im Weg. Da steigen unangenehme Regungen in mir auf. Müssten die nicht beide einen Wagen haben?, fragt ein innerer Blockwart. Ich hätte nicht gedacht, dass so ein Kleingeist bei mir zu Untermiete wohnt. Die Logik wendet ein, dass ein träge herumstehender Kerl mit zusätzlichem Einkaufswagen erst recht den Weg versperren würde. Den inneren Blockwart stört das nicht. Er hat ältere Rechte als Madame Logik, stammt wohl aus der Frühzeit, als der Mensch noch näher am Tier war.

Damit auch einen Einkaufswagen nutzen kann, wer keine passende Münze bei sich hat, sind alle Wägen frei verfügbar. Das führt dazu, dass sie nicht mehr sauber zusammengeschoben werden. Manche nehmen ihren Einkaufswagen mit zum Auto, laden aus und lassen ihn einfach herumstehen. Auf dem Bürgersteig hat eine Frau ihren Einkauf aus dem Einkaufswagen in die Tasche geladen und strebt jetzt ihrem am Straßenrand parkenden Auto zu. Da setzt sich der Wagen auf dem leicht abschüssigen Bürgersteig in Bewegung. Ich rufe: „Vorsicht, Ihr Wagen!“
Sie dreht sich um und ruft fröhlich lachend:
„Der läuft mir hinterher. Wenn der Mann das doch auch machen würde.“
Dann schenkt sie mir ein Lächeln und sagt: „Schönen Tag noch!“
Das weist den Blockwart locker in die Schranken.