„Ich bin ein Berliner Pfannkuchen“

Die Besucher brachten am Silvesterabend eine Tüte Krapfen mit. Sie würden traditionell am Neujahrsmorgen genossen, auch in Hannover, erfuhr ich. Bei Christa Hartwig las ich, dass Berliner wegen dieses „Pfannkuchen“ genannten Schmalzgebäcks morgens beim Bäcker Schlange stehen. Wir Leute aus dem Westen kennen die Sitte nicht. Bei uns heißt das Schmalzgebäck „Berliner.“ Bei dieser Gelegenheit sei noch einmal an die moderne Volkssage erinnert, J.F.Kennedy betreffend.

Am 26. Juni 1963 hielt der damalige Präsident der USA, John F. Kennedy, auf Englisch eine Rede vor dem Schöneberger Rathaus, in deren Verlauf er zweimal den deutschen Satz sprach: „Ich bin ein Berliner.“ Kennedy löste damit in Deutschland eine Welle der Begeisterung und anhaltender Verehrung aus. Man muss die besondere Situation des damaligen Berlin als eingeschlossene Stadt bedenken, wenn man die Wirkung des Ausspruchs verstehen will. Er ist seither tausendfach zitiert worden und ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingedrungen, so dass man noch 30 Jahre später mit einer speziellen Münzprägung Geschäfte machen konnte, wie die Anzeige aus der kostenlosen TV-Programm-Beilage Prisma von 1993 zeigt.

In den USA (dagegen) entstand in den 1980-er Jahren eine moderne Sage, nach der sich Kennedy durch unsauberen Gebrauch der deutschen Grammatik zum Gespött der Berliner gemacht habe. Der Sage nach habe der grammatisch korrekte Satz ‚Ich bin Berliner‘ heißen müssen (ohne unbestimmten Artikel), und Kennedys Wendung sei von den Berlinern als ‚Ich bin ein Berliner (Pfannkuchen)’ verstanden worden, worauf großes Gelächter ausbrach. Sind Berliner solche Grammatikbiester, dass ihnen Kennedys falscher Artikel spontan aufgefallen wäre? Unwahrscheinlich, zumal Berliner in Berlin nicht Berliner, sondern Pfannkuchen heißen. Obwohl Kennedy nicht ausgelacht wurde, erfreut sich die Behauptung in den USA immer noch großer Beliebtheit und wird meist als ‚I am a jelly(-filled) doughnut‘ zitiert.

Foto aus der Berliner U-Bahn und Gif-Animation: JvdL

„Die älteste bekannte Fundstelle dieser modernen Sage ist der 1983 erschienene Roman Berlin Game (deutsch: Brahms vier, 1984) des britischen Autors Len Deighton, in dem die Behauptung aber vermutlich nicht ernst gemeint ist. Sie wurde allerdings in der Rezension des Buches in der New York Times aufgegriffen und dort wohl für wahr gehalten. In einem Artikel in der New York Times aus dem Jahr 1988 erscheint die Behauptung dann erstmals losgelöst von dieser Quelle. Sie wurde auch weiterhin in seriösen Medien kolportiert wie in der BBC, The Guardian oder NBC“ (Quelle: Wikipedia)

Lustiger Weise erfand also ein britischer Autor diese Sage; in Deutschland hörte ich sie nie. Zudem ist aus der Szenesprache der 1968-er der Artikel vor einem Namen längst in den allgemeinen Sprachgebrauch eingedrungen und wurde durch den Comedy-Hit von Diether Krebs „ich bin der Martin, ne“ allgemein bekannt. Will sagen: Den meisten Deutschen fällt die falsche Verwendung des Artikels vor Namen nicht auf, so dass sie die Komik in Kennedys Satz nicht erkennen.

13 Kommentare zu “„Ich bin ein Berliner Pfannkuchen“

  1. Als Berlinerin muss ich diesen (republikanischen?) Schmäh weit von mir weisen, dass hier irgend jemand Kennedys Satz so verstanden hat, als habe er behauptet, ein Pfannkuchen zu sein. Kein amerikanischer Präsident wurde hier je wieder so verehrt. Mal davon abgesehen, dass es ja grammatikalisch gar nicht falsch ist, zu sagen: Ich bin ein Hamburger. Nur eben missverständlich – jedenfalls in USA. Viel blöder finde ich, mich vorzustellen mit den Worten: Ich bin die Christa. Egal wie grammatikalisch korrekt das sein mag.

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    • Dies zur Ehrenrettung der Berliner 😉 „Ich bin die Christa“ ist sicher grammatisch korrekt, weil zumindest das grammatische Geschlecht mit dem biologischen übereinstimmt. Standardsprachlich haben Namen keinen Artikel, was deutlich wird bei Vornamen, wie du richtig betonst. Es ist wohl eher ein stilistisches Problem, wie ich an anderer Stelle beschrieben habe: „Bekanntlich zerfällt das deutsche Substantiv in Name und Klassenbezeichnung. Bei der Klassenbezeichnung steht ein Artikel (die Rose, das Schnitzel, der Hund), Namen jedoch bezeichnen Einzelwesen und keine Klasse von Wesen. Deshalb benötigen sie keinen Artikel; Es heißt Rosie, nicht die Rosie; TIna, nicht „Ich bin eine Tina.“ Es klingt seltsam selbstentfremdet, wenn eine Frau sich vorstellt: „Ich bin die Sandra.“ Gehört sie also einer Klasse der Sandras an? Was kennzeichnet diese Klasse? Sind alle Sandras blond, aufgebrezelt und arbeiten in einem Fingernagelstudio? Wer solche Vermutungen nicht aufkommen lassen will, sollte den Vornamen nicht unnötig mit einem Artikel belasten.“

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