Jüngling der Schwarzen Kunst – Betrüger betrügen

„Da bist du ja wieder, Hannes, ich hatte dich schon vermisst“, sagte Ewald.
„Leider musste ich eine Woche für Ganoven arbeiten. Aber gelernt habe ich eine Menge.“
„Was?“
„Dass die Schreibmaschinenschrift für Leutebetrug gedacht ist.“
Hannes berichtete, wie „Künstler“ Wilhelm W. Wienen seine Mädchenakte bewarb.
„Welche Mädchenakte?“, fragte Ewald. Hannes hatte nicht widerstehen können, sich einen Fehldruck des vierfarbigen Prospektes zu sichern, der dem Werbebrief beigelegt worden war. Da waren 12 verkleinerte Abbildungen verschiedenfarbiger Akte in vier Reihen. Obwohl die weiblichen Akte durch die knallige Farbgebung stark verfremdet waren, ging von ihnen ein erotischer Reiz aus. Angeboten wurden die Lithographien im Format 50 x 70 Zentimeter auf schwerem Büttenpapier zu je 300 DM.
„Na, die Bilder sind reichlich unkeusch!“, sagte Ewald schnaufend.
„Ich finde nichts dabei“, entgegnete Hannes, „ich habe nichts mehr am Hut mit der verklemmten katholischen Moral, aber für Sie als angehender Priester … Mich hat die gaunerhafte Werbeaktion geschockt. Aber der Neandertaler hat gesagt, es wäre alles bestens, weil diese moderne Werbestrategie aus Amerika kommt. Ich würde einfach nichts davon verstehen, weil ich vom Dorf komme. Er hat mich so von oben herab behandelt und mehr beleidigt als Ihr Vorgänger Dyckers es je gemacht hat, Herr Ewald.“
„Lass das locker an dir abtropfen!“
„Aber ich will mich rächen. Ich schlage ihn mit seinen eigenen Waffen. Wir haben doch letztens den Briefbogen der Pfarrei St. Quirinus gesetzt. Ich will mit Schreibmaschinenschrift diesen Text setzen und auf der Abzugspresse den Briefbogen damit bedrucken. Dann schicke ich ihm den Brief per Post.“ Hannes zeigte Ewald seinen Entwurf:

    Sehr geehrter Herr Hof, unseren Unterlagen entnehmen wir, daß Sie bereits 3 Jahre im Schatten des St.-Quirinus-Münsters arbeiten, aber den monatlich fälligen Domgroschen nicht entrichtet haben. Wir bitten Sie, den Betrag von 52x10x3 = 15,60 DM nachzuzahlen. (Nicht in den Opferstock werfen!)

    Mit freundlichen Grüßen
    gez. Schmiedbauer (Stadtdechant)

Ewald kicherte, dass sein dicker Bauch hüpfte. „O Hannes, du bist mir einer! ‚Domgroschen‘, das glaubt der Hof nie. Wenn wir ihn wirklich reinlegen wollen, dann muss der Brief glaubwürdiger sein. Und der Zusatz mit dem Opferstock ist zwar lustig, …“ Ewald kicherte schon wieder, „aber der macht den Brief auch zum Jux. Ich habe eine bessere Idee: Wenn ich morgens zur Arbeit komme, gehe ich über den Freithof am Büro der Diozöse vorbei. Dann sehe ich, dass Hof seinen SL immer ganz dreist auf einem der Mitarbeiter-Parkplätze abstellt. Daraus lässt sich etwas machen.“ Er nahm seinen Stift und redigierte den Entwurf.
„Aber das mit dem Opferstock muss drin bleiben, damit der Neandertaler die Chance hat, den Schwindel zu entdecken. Wenn er so schlau ist, wie er denkt …“
„Gut, wir machen es so:“


„Wenn Hof wirklich spendet, dient der Jux noch einem guten Zweck.“
„Ist Misereor seriös?“
„Natürlich, es ist die Hilfsorganisation der katholischen Bischöfe. Warum fragst du?“
„Ihr Verein hat mich schon mal reingelegt. Am Anfang der Adventszeit verteilte der Pastor solche Bastelbögen für Häuschen als Spardose. Wir sollten unser ganzes Taschengeld reinstecken, es wäre für die Diaspora. Das habe ich gemacht, denn ich dachte, Diaspora ist ein Land in Afrika. Aber Diaspora ist in Deutschland!“
„Nicht nur, aber du hast Recht, es ist da, wo Katholiken in der Minderheit sind, zum Beispiel in Niedersachsen.“
„Darum kriegen die Niedersachsen mein Taschengeld?“

10 Kommentare zu “Jüngling der Schwarzen Kunst – Betrüger betrügen

    • Mein Konzept sieht keinen Schelmenroman vor. Es soll ein Entwicklungsroman sein. Aus Freude, die anfänglich arg eingeschränkte Perspektive hinter mir zu haben, schießt dieses Kapitel ein wenig ins Kraut. Dankeschön für Ihr interesse.

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  1. Pingback: Jüngling der Schwarzen Kunst – Ewald ist zu dick

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