Ruchloser Diebstahl in der Heiligen Nacht

„Wenn du liest, musst du fremde Gedanken denken“, sagte Coster, der ehemalige Professor für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte an der Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen und fuhr fort:
„Wenn du liest, bist du wie ein Kalb hinterm Karren angebunden und musst durch die Spur tappen, durch die der Karren rumpelt.“
„Halt oder Hüh!, um in Ihrem Bild zu bleiben, Coster. Ich bin nicht angebunden, sondern kann jederzeit stehenbleiben, also das Buch sinken lassen und das Stück, das ich dem Karren hinterher getrabt bin, als Denkanstoß nutzen, in eine andere Richtung zu denken, quasi eine eigene Karrenspur anlegen.“

„Ich sag doch, wenn du liest, nicht wenn du aufhörst zu lesen, du Trollo“, sagte Coster ungehalten. „Also wenn du liest und weiterliest, das Buch nicht auf die Knie sinken lässt, wenn du gefesselt bist vom Text, wie man landläufig sagt, was nichts anderes meint als hinterm Karren angebunden zu sein, dann hast du vermutlich längere Gedankenfolgen als du hättest, würdest du nicht lesen.“
„Da haben Sie Recht, Coster, lesend haben wir lange Gedankenfolgen, nämlich die ein Autor …“
„Oder eine Autorin, soviel Zeit muss sein.“
„ … immer schön der Reihe nach aufgeschrieben hat. Unser normales Denken ist kurzatmig:
– Habe ich das Fenster in der Küche zugemacht?
– Die Bürostuhllehne drückt mir links in die Weichteile.
– Ich könnte mal was trinken.
– In meinem rechten kleinen Finger leide ich am Tennisarmsyndrom. Kommt von der ergonomisch geformten neuen Maus. Witz.
– Nachdem ich das Schwittersplakat auf den Tisch tapeziert habe, wirft es Falten.“

„Und weiter?“
„Nichts weiter. Der Karren hat sich festgefahren.“
„Der Grund ist aber auch weich da in deiner Birne.“

„Na, erlauben Sie mal, Coster. Wussten Sie eigentlich, dass Coster im Niederländischen Küster bedeutet? Auf dem Grote Markt der Stadt Haarlem steht das Standbild von Laurens Janszoon Coster, einem Küster der Parochialkirche. Dieser Mann soll angeblich im Jahr 1428 das Drucken mit beweglichen Lettern erfunden und erste Bücher, sogenannte Costeriana, gedruckt haben, sagen die Haarlemer, nur ohne ’soll‘ und ‚angeblich.’“
„Weiß ich doch, Laurens Coster war ein Vorfahre von mir.“

„Hehe, Ihr Vorfahre! Jetzt glaube ich das auch noch. Genau wie die Legende, dass Laurens Janszoon Coster einen verderbten Gesellen namens Johannes Faust in seinem Haus hat wohnen lassen. Dieser finstere Gesell stammte ursprünglich aus Mainz. In der Heiligen Nacht des Jahres 1428, als alle in der Christmette waren, stahl der ruchlose Johannes Faust die Gießinstrumente für die Lettern und floh nach Mainz. Dort tat er sich mit dem arbeitslosen Kalligraphen Peter Schöffer zusammen. Sie gossen mit den gestohlenen Gießinstrumenten ihre ersten Lettern und druckten damit die Bibel.“

„Jetzt bist du wieder bei deinem Thema, Trithemius. Ich sehe förmlich die Stricke hinter deinem Karren lose herunterbaumeln von den Kälbern, die sich verzweifelt losgerissen haben.“

„Selber schuld. Die Klugen bleiben bei der Sache. Mit der Idee, dass Faust die Gießinstrumente in der Heiligen Nacht gestohlen hat, als alle in der Christmette waren, nur er nicht, beginnt bereits die Dämonisierung der Druckkunst. Nur ein Teufelsbündler würde wagen, die Heilige Nacht durch eine Untat zu entweihen. Doch Faust statt Gutenberg verweist auf das jüngere Datum der Legende. Der Diebstahl kann unmöglich bereits 1428 geschehen sein. Erst im Jahr 1455 ließ Faust den Erfinder Gutenberg pfänden und setzte sich so in den Besitz dessen Druckerei. Zum Entstehungszeitpunkt der Legende ist der wahre Erfinder Gutenberg offenbar bereits in Vergessenheit geraten.“

„Einspruch! Es ist ja nicht mal ausgemacht, ob man überhaupt von Gutenberg wusste. Dass er der Erfinder war und nicht Faust, hat die Geschichtswissenschaft erst Anfang des 19. Jahrhunderts herausgefunden.“
„Jedenfalls sehe ich schwarz für Ihren Uropa. Zumal man in Haarlem zum Beweis nichts als ein paar alte Zinnkrüge vorweisen kann.“
„Da wissen Sie mehr als ich“, sagte Coster zweifelnd und verschwand.
[Zum Fall Johannes Fust/Faust – Johannes Gutenberg lies gerne hier)

K wie Klotzarchitektur

Wenn man eine feine Nähnadel durch ein bisschen Haut an der Fingerkuppe schiebt, schwebt die Nadel frei am Finger. Mir träumte, dass ich an einer Schreibmaschine saß und tippte. Plötzlich verhakte sich mein rechter Zeigefinger an der K-Taste. Ich zog und zog, die Haut der Fingerkuppe zerrte sich lang, doch es nutzte nichts. Der Finger kam nicht mehr von der Taste los. Im Traum dachte ich, wenn ich das jetzt einfach in meinen Text einfüge, dieses Problem mit dem in der K-Taste verhakten Finger, wird sich manch Leser wundern.
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Sammeln – Sammler – Sammlung

Wenn einer weder Jäger noch Sammler ist, was ist er dann? Als Vegetarier kann ich schlecht Jäger sein, denn das Tofu-Tier ist ein Fabelwesen noch seltener gesehen als der Weiße Hirsch. Auch als Sammler bin ich nicht erfolgreich. Einst habe ich alte Duden-Ausgaben gesammelt. Aber eine Freundin ersteigerte mir so gut wie alle Ausgaben seit 1903 bei Ebay. Sie glaubte, mir einen Liebesdienst zu erweisen. Doch schenkt man einem Sammler die komplette Sammlung, wandelt er sich vom Sammler zum Besitzer. Sammlerglück wird zum Unglück, da Besitzen nicht wirklich eine erfüllende Tätigkeit ist. Es bliebe noch, den Besitz zu hüten. Demnach wäre, wer weder Jäger noch Sammler ist, ein Hirte.

Der zweite Gegenstand meiner Sammel-Leidenschaft sind Zuckertütchen. Hier habe ich als Hirte versagt. Wer beim Wort Hirte die Assoziation hat, ich würde mein Zuckertütchen hinaus auf fette Wiesen treiben, damit sie sich satt fressen können, dick und rund werden, einen schönen Wollpelz ansetzen und sogar ein wenig Milch geben, dem ersetze ich Hirte mit Hüter. Ich habe als Hüter versagt, weil ich heute morgen, als ich meinen Kaffee süßen wollte, meine Zuckertütchen-Sammlung angreifen müssen. Das könnte man Pech nennen, echtes Hüterunglück beklagen, doch was manche Unglück nennen, ist ja wie meistens nur mangelnde Umsicht. Ich hatte nämlich versäumt, neuen Zucker zu kaufen.

Der Schussligkeit geopferte Zuckertütchen, Foto: JvdL

Als umsichtiger Hirte habe ich nur solche Tütchen aufgerissen und in meinen Kaffee entleert, die sich ersetzen ließen, weil sie aus einem Café in meiner Nähe stammen oder unspezifisch sind, also keinen Herkunftshinweis geben. Falls jedoch aus Gründen des Infektionsschutzes fürderhin alle Cafés gesprengt oder in den Abgrund der Insolvenz gestoßen werden müssen (das habt ihr jetzt davon, ihr verfluchten Superspreader!), wird meine Sammeltätigkeit enden und ich kann die jüngst gerissenen Lücken in der Sammlung nicht mehr schließen.

Einladung zur Teestunde – heute mit Tee und Gebäck

In einem Kommentar zum Beitrag „The quick brown fox jumps over the lazy dog“ des Kollegen gnaddrig fragte Leser Achim, warum Russisch Brot lateinische statt kyrillischer Buchstaben hat. Ich bin der Frage schon Ende der 1980-er Jahre nachgegangen, im Zusammenhang mit Recherchen nach der magischen Praxis „Essen von Schrift“, und habe im Oktober 2015 folgenden Beitrag zu Russisch Brot und Tee veröffentlicht. Ich will ihn in Erinnerung rufen, zumal sich der Kreis der LeserInnen im Teestübchen gewandelt hat: teestunde im teestübchen
Früh sinkt dieser Tage die Dämmerung herab. Da tut es gut, sich gemütlich zum Tee zu versammeln. Teestunde ist eine neue Rubrik im Teestübchen. Darin will ich zum Nachmittagstee in loser Folge Plaudereien über Schrift und Sprache veröffentlichen, zu denen ich herzlich einlade. Ich habe nämlich nicht immer nur im Aldi-Prospekt gelesen, wie manche vielleicht vermuten, sondern mich gut 30 Jahre forschend, nachdenkend und schreibend mit der wunderbaren Welt von Sprache und Schrift beschäftigt.

1) T e a

Schauen wir uns zunächst das Teehaus oben an. Es scheint etwas für verspielte Menschen zu sein. In der Praxis bewährt sich die Form nämlich nicht. Nach dem Aufbrühen bekommt man den aufgequollenen Tee nicht recht aus dem Häuschen, was auch einen Hinweis darauf gibt, dass der Tee nicht genug Raum hat, sich zu entfalten.

Benutzt man das Teehaus, dann wird das Wasser zum Tee, indem die Teestoffe in Form des englischen Wortes für Tee austreten, um sich erst dann im Wasser zu verteilen. Der Vorgang ist sprachtheoretisch interessant. Gemeinhin hat die schriftliche Form eines Wortes nichts gemeinsam mit der Sache, die es bezeichnet. Das Wort „Teebeutel“ sieht beispielsweise nicht aus wie ein Teebeutel. Da aber die Löcher im Dach das Wort “TEA” formen, wird bei jedem Aufbrühen das Wort TEA ins Wasser geschrieben. Hier liegt also ein schriftmagischer Gedanke zu Grunde. Das Zeichen für “Tee” vermischt sich mit der bezeichneten Flüssigkeit Tee. Eine Steigerung dieser magischen Idee wäre es, eine Schreibfeder in den so aufgebrühten Tee zu tunken, um das Wort “Tee” damit zu schreiben. Weiterlesen

Buttermilchbohnensuppe

Trithemius
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Frau Nettesheim

Alles in Ordnung mit Ihnen?

Trithemius
Selbstverständlich, Frau Nettesheim. Ich teste mit dieser Schwindeformel, wie oft ich das Wort „sinnlos“ sagen kann, bevor es sinnlos wird.

Frau Nettesheim

Und? Es ist doch ein bekanntes Phänomen, dass die Lautfolge ihren Sinngehalt verliert, wenn man sie häufig hintereinander weg sagt.

Trithemius
Ja, Wörter nutzen sich ab, wie Sprachen und Ideen sich abnutzen. Denn der Mensch ist ein großer Banalisierer. Immerzu macht er aus Gold Scheiße, wenn ich das Wort Gold einmal frech benutzen darf.

Frau Nettesheim
Nur zu, Sie sagen sowieso, was Sie wollen. Doch was ist der aktuelle Anlass für Ihre Wortwahl?

Trithemius
Frau Nettesheim, im Blog-Universum fragt einer: „Stell dir mal vor, das Universum findet den Grund seines Seins – und hört somit auf zu existieren.“

Zu diesem banalen Eintrag bekommt er unzählige Kommentare. Eine fragt sogar, ob er Philosophie studiert hätte. Ich könnt mich beömmeln, denn dem ganzen liegt doch eine Idee von Douglas Adams zu Grunde. Sie wissen doch, in diesem satirischen SF-Zyklus, der mit Per Anhalter durch die Galaxis beginnt. Die Erde wird zu Beginn des Romans gesprengt, weil sie einer intergalaktischen Autobahn weichen muss. Dabei war die Erde ein Riesencomputer, der nur dem einen Zweck diente, nämlich den Sinn des Universums zu berechnen.

Frau Nettesheim
Und was ist der Sinn des Universums?

Trithemius
42.

Frau Nettesheim
Dachte ich mir.

Trithemius
Ja, und in einem der Folgebände, „Das Restaurant am Ende des Universums“, schreibt Adams:

    „Es gibt eine Theorie, die besagt, wenn jemals irgendwer genau rausfindet, wozu das Universum da ist und warum es da ist, dann verschwindet es auf der Stelle und wird durch etwas noch Bizarreres und Unbegreiflicheres ersetzt. Es gibt eine andere Theorie, nach der das schon passiert ist.“

Frau Nettesheim
Witzig, sind Sie jetzt fertig? Denn ob das Universum im nächsten Augenblick durch noch etwas Irrwitzigeres ersetzt wird oder nicht, ich muss Kartoffeln schälen. Heute gibt es Buttermilchbohnensuppe.

Trithemius
Ich werde verrückt, Frau Nettesheim. Welch ein lukullischer Genuss erwartet mich. Wenn Sie mich fragen, ist mit Buttermilchbohnensuppe der Sinn des Universums erfüllt. Dann nur noch ganz kurz. Es ist mit allen Ideen so. Es gibt Vorreiter: Maler, Dichter, Musiker, Architekten, Philosophen und so weiter, die beglücken die Menschheit mit ihren Ideen. Doch im Laufe der Zeit nutzen sich die Ideen ab, werden zuerst epigonenhaft, dann manieristisch und zum Schluss gänzlich platt und banal. Was am Ende von der Idee noch übrig bleibt, ist so schaurig, dass man sich wünscht, die ursprüngliche Idee wäre niemals geboren worden. Nehmen Sie nur die architektonischen Ideen des Bauhaus. Die Epigonen und deren Nachfahren haben die Bauhaus-Architektur so missverstanden und verhunzt, dass nur noch der rechte Winkel übrig blieb, und was kam dabei heraus?

Frau Nettesheim
Plattenbauten.

Trithemius
Frau Nettesheim, ich liebe Sie. Niemand bringt die Dinge so auf den Punkt wie Sie. Und jetzt ran an die Kartoffeln!

Unter Spitzbuben

Die weiter unten in drei Schriftvarianten zu lesende Klage aus dem Philobiblon, dem berühmten Buch der Bücherliebe, im Jahr 1344 verfasst vom Bischof und Gelehrten Richard de Bury, vermittelt einen Eindruck, wie schwer im 14. Jahrhundert Beschreibstoffe wie Pergament oder Papier zu bekommen waren, dass manche nicht davor zurückschreckten, die Ränder wertvoller Bücher abzuschneiden. Das handschriftliche Zitat hat beim Mitmachprojekt Schreiben wie im Mittelalter Blogkollege Emil geschrieben.

Auch sich eine Gänsefeder zu besorgen und zurecht zu schneiden (Anleitung im Bild unten), war eine mühsame Angelegenheit und erforderte Geschick. Vor allem hielten die Federn nicht lange, sondern faserten rasch aus.

aus: Wolfgang Fugger; Ein nutzlich und wolgegrundt Formular Manncherley schöner Schriefften, 1553 (größer: Bitte klicken)

Zeitsprung in den Dezember des Jahres 2020: Beim Discounter gab es ein 24-teiliges Kalligrafie-Set, inklusive papierene Übungsblätter zum schamlos niedrigen Preis von nicht mal fünf Euro. Mit Schreibwaren ist offenbar kein Geld mehr zu verdienen. Dass unsere Schreibkultur so verramscht wird, tut mir in der Seele weh. Gerade deswegen habe ich mir ein Schreib-Set zum Spottpreis gekauft.

Nebenbei: Ich habe das Zitat aus dem Philobiblon in drei Schriftvarianten gezeigt, weil heutigen Leserinnen/Lesern die Fraktur und ihre Handschriftvariante Kurrent ganz fremd sind. Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) hingegen schreibt die gegenteilige Erfahrung, denn zu seiner Zeit waren deutsche Texte überwiegend in Fraktur gedruckt und Antiquaschrift wirkte befremdlich: Lichtenberg: „Wenn ich ein deutsches Buch mit lateinischen Buchstaben [Antiqua] lese, so kommt es mir immer vor, als müsste ich es mir erst übersetzen, eben so wenn ich das Buch verkehrt in die Hand nehme und lese, ein Beweis, wie sehr unsere Begriffe selbst von diesen Zeichen abhängen.“

Neue Nachrichten vom Nichtstun

Südkoreaner hätten keine Zeit für Hobbys, wurde in einer Arte-Dokumentation gesagt, weil die Gesellschaft derart vom Konkurrenz- und Leistungsgedanken durchdrungen sei. Da bin ich heilfroh, kein Koreaner zu sein. Mein Hobby ist, einfach nur dazusitzen. Eigentlich ist mir die Sache nicht geheuer. Indem ich sie zum Hobby erkläre, ist sie weniger unheimlich. Hier passt das eingewanderte Wort „Hobby“ besser als das deutsche „Steckenpferd.“ Ein Steckenpferd muss geritten werden. Zwar ist Reiten eine sitzende Tätigkeit, aber es verlangt körperlichen Einsatz. Wer hätte nicht schon einen herangaloppierenden Westernhelden vor Augen gehabt, wie er sich über den Hals seines Gauls hängt und ihn mit den Zügeln drischt oder eine Dressur-Reiterin in Frack und Zylinder, die albern mit dem Unterkörper wippt. Das alles will ich einfach nicht. Ich will nur da sitzen. Aber es ist nicht wirklich ein Willensakt. Immer öfter wüsste ich, was zu wollen ist, tue es aber nicht, sondern sitze da und bin unfähig, mich zu erheben, auch aus misslicher Lage nicht, wenn mir der Sitz unbequem wird, ein Fuß einschläft oder beides oder türelürelü.

Mein Blick gleitet dann zum Fenster hinaus ins nun kahle Geäst der Eiche und ich ertappe mich dabei, eine Ordnungsstruktur zu suchen. Unordentliches Gestrüpp mag ich nicht. Es beschäftigt meinen Geist, wenn ich eigentlich gar nichts tun will, nicht einmal Ordnungsstrukturen sehen. Meine Liebste hat eine Zimmerpflanze, die völlig wirr dahin wächst. Noch nie zuvor habe ich so ein Durcheinander im Blattwuchs gesehen, schlimmer als die zerwühlteste Bettfrisur. Mit Rücksicht auf mich wurde das Chaosgewächs in eine Ecke verbannt. Da auch in meinem Sprachsystem keine unaufgeräumten Stellen geduldet sind, habe ich eben nachgesehen, wie die Pflanze heißt, nämlich Beaucarnea recurvata, zu Deutsch „Elefantenfuß.“

Dieser Text hier könnte viel viel witziger sein. Ich könnte die Angelegenheit stärker ausmalen, kuriose Aspekte aufsuchen und sprühende Pointen zur Erheiterung der geneigten Leserschaft einbauen. Das aber widerstrebt meinem Hobby. Es tut mir nicht mal leid für die erwartungsfrohe Leserschaft, denn eigentlich will ich nichts anderes als Nichtstun.

Woher kommt nur mein Hang zum Nichtstun? Meinen Großvater habe ich in Erinnerung, wie er in seinem Lehnstuhl neben dem Ofen saß und gar nichts tat. Allein seine Finger trommelten leise auf den hölzernen Lehnen. Ich bin gewiss ein würdiger Nachfahre. Nur mit den Fingern trommle ich nicht. Ich sitze einfach nur da und verkörpere die Evolution der Tatenlosigkeit.

Nachtfahrt

In der Titanic-Rubrik Humorkritik hat sich das Sammelpseudonym Hans Mentz über bellende Hunde in der Literatur ausgelassen und schreibt:
„Als typischer Anfängerfehler, den minderqualifizierte Autorinnen und Autoren durchaus bis ins Spätwerk mitzuschleppen nicht vermeiden können, gilt die Verwendung des auf eine Stimmung quasi existenzieller Verlorenheit abzielenden Satzes »Irgendwo bellte ein Hund«. Ja, dieser Satz ist geradezu zur Chiffre für handwerkliche (und freilich auch gedankliche) Autoren-Unfähigkeit geworden.“

Man kann leichthin so urteilen, wenn man mit einem Glas Wein an der Tastatur sitzt, quasi am Besserwissertisch, der aber eigentlich die Katzenbank ist, auf der ein Ahnungsloser hockt, der vom nächtlichen Durchqueren einer Einöde nur gelesen, sich folglich noch nie im Leben „existenziell verloren“ gefühlt hat. Weiterlesen