Jüngling der Schwarzen Kunst – Etikettenschwindel

„Wann soll ich das noch esssen?“, maulte Sigfried Hof, als Hannes ihm das Paket aus der Imbissbude mit Currywurst und Pommes auf den Tisch stellte, „die Pause ist gleich vorbei! Hast mal wieder überall herumgetrödelt. Beeil dich nächstens, du Lahmarsch!“ Hannes schluckte. Seine Pause war auch gleich vorbei. In der war er nur herumgelaufen und hatte überall warten müssen, Ewald hatte aus der Metzgerei Knoblauchwurst geordert, Winges hatte Zigaretten, Cola und den Mittag aus dem Kiosk gewollt, und für Hof hatte er 15 Minuten in der Imbissbude angestanden. Hannes setzte sich zu den anderen in den Pausenraum. Hastig löffelte er seinen Henkelmann leer. Er freute sich auf den neuen Lehrling, der für April angekündigt war. Der könnte dann den Laufjungen spielen. Selbst wenn Hannes ihm half, würden sich die Bestellungen der Gesellen auf zwei Lehrlinge verteilen. Auch wären sie mit dem täglichen Kehren des Setzereisaals rascher fertig, und das samstägliche Maschinenputzen könnte der Neue ganz übernehmen. Schöne Aussichten.
Es gab auch einen neuen Gesellen im Glashaus, einen Bayern oder Franken namens Ewald. Er studierte abends am katholischen Kollegium Marianum. Ewald war ein Spätberufener und wollte Priester werden. Seine Hauptspeise war Knoblauchwurst. Täglich schickt er Hannes in die Metzgerei. Ewald war ein dicklicher Mann mit Sattelnase, und es war nicht schön, mit anzusehen, wie unersättlich er die Wurstscheiben verschlang. Aber seine Engelsgeduld war schön. Hannes sprang wie ein Schneider um ihn herum und neckte ihn. Ewald ertrug das gleichmütig. Wenn es ihm zuviel wurde, ergriff er den Lehrling und versuchte, ihn in den Schwitzkasten zu nehmen. Beim Raufen wurde Ewald ganz unruhig. Er begann heftig zu schnauben und hielt Hannes viel länger in seine Arme gedrückt als schicklich. Hannes verstand nicht, was los war. Er sah Ewalds hochrotes Gesicht und sagte sich, dass es vielleicht typbedingt sei oder die Ernährung.

„Ja, Herr Ewald, ich bin Leptosome, aber Sie sind Pykniker!“, erklärte er altklug.
Ewald bezähmte sich. Er wollte das Vertrauen des Lehrlings nicht verlieren. Doch sein gieriger Blick beim Ablösen der Wurstpelle. Wehe, wenn diese Fleischeslust sich woanders Bahn brechen würde! Was sollte das werden, wenn Ewald erst einmal Priester wäre?

Der Junior kam und wies Hannes an, den Stehsatz der Weinetiketten aufzuräumen. Hannes zog das Brett aus dem Regal und beugte sich machtlos über das Chaos! Es musste ziemlich alter Stehsatz sein. Manches war ganz zum Eierkuchen zusammengefallen, weil jemand zuviel Blindmaterial herausgezogen hatte. Die Kolumnenschüre sicherten nicht mehr, sondern hingen laff herunter. Einige Etiketten waren gar nicht mehr ausgebunden, die Zeilen umgefallen. Hannes richtete eine Zeile in 28 Punkt Delphin auf. „Kröver Nacktarsch lieblich“ konnte er noch lesen. Er wusste nicht, ob er den Nacktarsch retten oder ablegen sollte und fummelte eine WEile daran herum. Daneben stand das beinah unversehrte Etikett für „Trittenheimer Altärchen.“ Seltsame Namen, dachte Hannes. In der Fußzeile stand in zehn und acht Punkt Bodoni „Weinhandlung Georg StüXgen Handelsgesellschaft mbH & Co. KG, Münsterplatz 5, 410 NeuX. Natürlich fehlt bei Stüßgen und Neuß überall das Eszett. Man hatte die Lettern nachlässig herausgezogen und sich nicht bemüht, sie blindzuschlagen. Sie alle zu ersetzen, war schier unmöglich. Das Eszett-Fach in der acht Punkt Bodoni war kaum gefüllt. Hannes verstand sowieso nicht, wozu die Etiketten gut waren. Bekam die Weinhandlung den Wein in Flaschen ohne Etikett geliefert und man klebte beliebige Etiketten auf? Hatte er hier die Zeugnisse eines Schwindels vor Augen?

Was ging es ihn an. Die Welt der Weine und Weintrinker war ihm fremd. Im Dorf wurde Bier getrunken, Kölsch oder Pils. Wein und andere exotische Getränke gab es höchstens mal zu Weihnachten. Hannes erinnerte sich an das traurige Weihnachtsfest, nachdem sein Vater gestorben war. Aus Düsseldorf von Onkel Hans, dem Bruder seines Vaters, war ein Weihnachtspaket gekommen. Es enthielt fast nur Konserven. Aus einer Lage mit zerknülltem Zeitungspapier kam noch eine Flasche mit dem Etikett Cinzano zum Vorschein. „Oh! Cinzano! Das ist was ganz Besonderes!“, hatte sich seine Mutter gefreut. Doch dann sah sie, dass der Schraubverschluss schon erbrochen war. Als sie den Inhalt prüfte, war in der Flasche nur billiges Kochöl. Hannes hatte noch gut in Erinnerung, wie enttäuscht seine Mutter gewesen war, so lieblos mit billigen Naturalien abgespeist zu werden. Das einzige, was edler wirkte, entpuppte sich als Täuschung .Von Onkel Hans fühlte sie sich im Stich gelasssen. Ihr verstorbener Mann hatte in seiner Kunstschlosserei gearbeitet, hatte täglich zweimal eine langwierige und umständliche Bahnfahrt auf sich genommen und wenig verdient. Wenn sie gesagt hatte, er könne doch im nahen Städtchen eine besser bezahlte Stelle finden, hatte sein Vater gesagt: „Ich kann doch meinen Bruder nicht im Stich lassen.“ Dann hatte er bei der Arbeit einen Herzinfarkt erlitten, war noch in der Nacht im Krankenhaus verschieden und hatte seine Frau und drei Kinder im Stich gelassen.

„Hannes, träumst du?“, fragte Ewald Knoblauchwurst urplötzlich, „spute dich, ich brauche die Bodoni!“ Hannes überließ ihm den Kasten. Er wusste sowieso nicht genau, was der Junior mit Aufräumen gemeint hatte. Es gab keine Auftragszettel, dass er hätte sehen können, welches Etikett druckfertig gemacht werden musste. Er wagte nicht, auf Verdacht alle Eszetts zu ersetzen. Man würde sie sowieso bald wieder herausziehen. Außerdem hasste er die Bodoni. Nicht wegen ihres Aussehens, denn diese klassizistische Antiquaschrift war sogar recht hübsch. Aber die Lettern lagen in Holzkästen mit grünen Plastikeinsätzen. Aus derlei Kästen zu setzen, machte ihm stets eine Gänsehaut, wenn die Letter, die er ergriffen hatte, mit einem leisen Quietschgeräusch am Plastik schrammte.

10 Kommentare zu “Jüngling der Schwarzen Kunst – Etikettenschwindel

  1. …oder man wählte das Goethezitat 😉 Ich habe Anfang der 70er meinem Onkel an der Mosel bei der Weinlese geholfen. Was der saure Moselwein nicht hergab, wurde aus Zuckersäcken „leiblich“ gemacht. Es gab dann auch ein paar Jahre später einen großen Panscherskandal. Ganz schrecklich war der Wein für den Export. „Blue Nun“, die blaue Nonne, war reines Zuckerwasser.

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