Jammer zur Unzeit

„Sie waren ja schon lange nicht mehr hier“, sagte die Zahnärztin.
„Doch!, im ersten Lockdown im Frühjahr.“
„Ich erinnere mich an gar nichts.“
„Sie hatten mir prophezeit, dass ich bald wiederkommen würde, aber ich hätte es gerne vermieden, um das üble Jahr 2020 wenigstens vernünftig abzuschließen.“

Als einst die Gestapo von Dr. Freud verlangte, er solle schriftlich bestätigen, gut behandelt worden zu sein, bat er um die Erlaubnis, den diktierten Text zu erweitern. Er schrieb: „Ich kann die Gestapo jedermann empfehlen.“ Soweit die Legende.

Zahnweh kann ich keinem empfehlen, erst recht nicht Zahnweh mitten im Lockdown-Winter. Aus Gründen des Infektionsschutzes lag ich frierend auf der Pritsche im Durchzug. Die Tür im Wartezimmer hatte offengestanden und der Heizkörper war kalt gewesen. Im Behandlungsraum fiel glücklicherweise reichlich eisige Frischluft aus dem geöffneten Dachflächenfenster herein, fiel auf mich Bündel Schmerz und ließ mich unkontrolliert zittern. Das wärs noch, sich auf dem Zahnarztstuhl eine Erkältung zu holen. Vor einer Coronainfektion fürchtete ich mich nicht. Schon auf der Webseite wurde stolz auf diverse Hygienemaßnahmen verwiesen, deretwegen die Praxis sicher sei. Eine Helferin verwischte mit Desinfektionstüchern hinter mir alle meine Lebensspuren. Ärztin und Personal waren eingepackt wie für den nächsten Bummel auf dem Mond, wo auch die tückischsten Viren nicht überleben können. Obwohl sich unser Planet im Lockdown ähnlich unwirtlich anfühlt wie der Mond, werden wir wohl eher aufgeben als ein Virus. Wegen irdischer Kälte schwingt kein Virus die weiße Fahne, eher im Gegenteil.

Die Ärztin entschied sich für eine brachiale Notfallmaßnahme, damit sie und Kollegen Weihnachten Ruhe vor mir haben werden. Meine Schmerzen sind nun geringer als gestern Nacht. Schon in den qualvollen frühen Morgenstunden hatte ich mich gefragt, ob ich unter Zahnschmerz einen heiteren Text würde schreiben können, ob es mir gelänge, mich quasi mit Heiterkeit am eigenen Zahn aus dem Übel zu ziehen wie sich einst Baron von Münchhausen am eigenen Zopf aus der Misere zog. Ich fürchte, es ist mir nicht gelungen. Der Zahn zwingt mich morgen früh erneut in die Praxis. Dann wird er gezogen. Ich werde mich warm einpacken.

28 Kommentare zu “Jammer zur Unzeit

  1. Lieber Jules, mein mit Gefühl hättest du bei Zahnschmerzen in jedem Fall. Heute jedoch ganz besonders, da ich ebenfalls beim Zahnarzt war. Allerdings hatte meine Praxis etwas mehr Erbarmen.
    Das Behandlungszimmer war schön warm, und das dreimalige Stoßlüften gut auszuhalten. Nun hoffe ich, dass deine Schmerzen ganz schnell vergehen und du dann auch ganz ganz lange deine Ruhe hast. Falls dich das Schreiben nicht abgelenkt hat, freut dich vielleicht dass ich bewundere wie heiter du auch unter Schmerzen schreibst. Liebe Grüße

    Gefällt 2 Personen

    • Liebe Mitzi,
      ich hoffe, dass dein Zahnarztbesuch so glimpflich verlief wie die geschilderten Begleitumstände und dass du es nicht nötig hattest, dich durch Schreiben von Schmerzen abzulenken. Obwohl du sicher kennst, was es heißt, beim Schreiben alles andere zu vergessen.
      Lieben Gruß

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  2. Ob du’s glaubst oder nicht. Auch ich war gestern beim Zahnarzt. Dort zwitscherten virtuelle Vöglein unsichtbar im Hintergrund. Hab ich mir jedenfalls eingebildet. Kalt war es nicht, aber ein Zahn, so beschied man mir, müsse dennoch raus. Scheint die neueste Macke zu sein…

    Gefällt 2 Personen

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