K wie Klotzarchitektur

Wenn man eine feine Nähnadel durch ein bisschen Haut an der Fingerkuppe schiebt, schwebt die Nadel frei am Finger. Mir träumte, dass ich an einer Schreibmaschine saß und tippte. Plötzlich verhakte sich mein rechter Zeigefinger an der K-Taste. Ich zog und zog, die Haut der Fingerkuppe zerrte sich lang, doch es nutzte nichts. Der Finger kam nicht mehr von der Taste los. Im Traum dachte ich, wenn ich das jetzt einfach in meinen Text einfüge, dieses Problem mit dem in der K-Taste verhakten Finger, wird sich manch Leser wundern.

Ich glaubte, gar nicht zu schlafen, noch immer nicht. So lange lag ich schon wach. Ich sah durchs Fenster in die Nacht hinaus. Gegen den Himmel hob sich schwarz das kahle Geäst der Eiche ab und mich überkam die Lust, mit einem Kamm hindurch zu fahren. Ein Haarschnitt muss nicht geschniegelt sein, aber es sollte ein Konzept deutlich werden, nicht wie bei der Eiche, wo jeder Ast, jeder Zweig macht, was er will, wächst hierhin, dahin, krümmt und dreht sich und verursacht das reinste Chaos. Nur das Eichhorn kann damit zufrieden sein. Es findet im Gewirr seine Laufwege und setzt seine Krallen derart geschickt auf noch die dünnsten Zweige, dass es eine Lust ist, seinen geschwinden Weg durch die Baumkrone zu verfolgen. Ich spürte, wie meine Beine sich bewegen. Gehe ich irgendwo hin? Nein, ich kurbele Pedale. Fahre mit dem Rad durch die Straßen einer abscheulichen Architektur dachloser Bauten der gehobenen Preisklasse, wie man mir versichert hat. Der Bauunternehmer, der das Viertel zu verantworten hat, sei eine große Nummer in der Stadt und bekannt dafür, dass er hochpreisig und luxuriös baut. Warum gönnt dieser hochpreisige Baulöwe seinen Kunden kein Dach?

Da ein großes hellgraues Gebäude wie eine überdimensionale Schuhschachtel. Ich lehne mein Rad mit dem Sattel an die gegenüberliegende Hausecke. Über dem Eingang ein Schild: „Wir können 1000 Kunden gleichzeitig barbieren!“ Ich gehe hinein, betrete eine der vielen Nischen und lasse mich im Friseurstuhl nieder. Sogleich eilt serviler Haarschneider herbei und sagt, mit meiner Kreditkarte sei etwas nicht in Ordnung. Man biete mir eine neue an. Ich sage: „Welch ein Unsinn, ich habe bei Ihnen noch gar nicht mit Kreditkarte bezahlt und beabsichtige es nicht“, und wie der Kerl nicht locker lässt, werfe ich mein eng in Schnur eingewickeltes Portemonnaie gegen die Wand. Sie ist aus Tuch und beult sich ein. „Ich verlange den Geschäftsführer!“ rufe ich aufgebracht. Und wie ein Lauffeuer geht es durch den Laden: „Er verlangt den Geschäftsführer.“ Der Ruf verliert sich, leiser werdend, in der Ferne, doch scheint eine Runde zu drehen, kommt näher, schwillt wieder an und kehrt in meinen Mund zurück. Was ist? Hat man etwa keinen? In diesem gigantischen Laden sollte doch einer die Geschäfte führen. „Ich habe nach dem Geschäftsführer gerufen!“, sage ich zornig ausspuckend, doch das einzige, was ich bekommen habe, sind die eigenen Worte, die mir den Mund stopfen. „Das liegt an Ihrer Kreditkarte“, sagt der Haarartist. „Habe ich Ihnen schon gesagt habe. Mit der stimmt was nicht.“ „Ich glaube eher, dass Ihr Sprachzentrum nicht mehr funzt“, sage ich. „Wieso beginnen Sie einen Satz mit „habe“ und schließen ihn mit „habe?“ Erbost verlasse ich den Friseurladen.

Und betrete einen Wohnblock. Der junge Architekt gesellt sich zu mir. Er fordert mich auf, mit ihm den Aufzug zu nehmen und nach ganz oben zu fahren. Unterwegs erklärt er mir das Konzept der Barrierefreiheit im Gebäude. Nur im ersten Stock ende der Aufzug. Ab da müssten Rollstuhlfahrer eine gewundene Rampe hinunterfahren. Ich sage: „Die funktionalen Aspekte scheinen sie bedacht zu haben, aber für den visuellen müssten Sie streng bestraft werden.“ Eine alte Dame im Rollstuhl wird mir vorgestellt. Sie beabsichtige, eine Musterwohnung im obersten Stock zu beziehen. Ich frage: „Wissen Sie, dass Sie von der ersten Etage eine gewundene Rampe nach unten rollen müssen, wenn Sie das Gebäude verlassen wollen?“
„Nein, davon weiß ich nichts und glaube auch nicht, dass ich mir das zutraue.“
„Schauen Sie nur, genießen Sie die schöne Aussicht!“, ruft der Architekt.
Derweil stelle ich fest, dass die gesamte Wohnung keine Türen hat. „Ein offenes Wohnkonzept“, erklärt der Architekt.
„Aber alte Leute wollen doch Zimmer mit Türen, so dass sie das Gefühl haben, zu Hause in ihren vier Wänden zu sein. Haben Sie das etwa nicht bedacht?“ Er schiebt mich auf den Balkon, dem noch die Brüstung fehlt. Er ist abschüssig, und ich gleite auf den Rand zu. Unter mir die unordentliche Krone einer Eiche. Ein Eichhorn springt von Ast zu Zweig. Während ich abrutsche, bezweifele ich, das zu können. Glücklicherweise hänge ich mit dem Finger am K.

10 Kommentare zu “K wie Klotzarchitektur

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