Neue Nachrichten vom Nichtstun

Südkoreaner hätten keine Zeit für Hobbys, wurde in einer Arte-Dokumentation gesagt, weil die Gesellschaft derart vom Konkurrenz- und Leistungsgedanken durchdrungen sei. Da bin ich heilfroh, kein Koreaner zu sein. Mein Hobby ist, einfach nur dazusitzen. Eigentlich ist mir die Sache nicht geheuer. Indem ich sie zum Hobby erkläre, ist sie weniger unheimlich. Hier passt das eingewanderte Wort „Hobby“ besser als das deutsche „Steckenpferd.“ Ein Steckenpferd muss geritten werden. Zwar ist Reiten eine sitzende Tätigkeit, aber es verlangt körperlichen Einsatz. Wer hätte nicht schon einen herangaloppierenden Westernhelden vor Augen gehabt, wie er sich über den Hals seines Gauls hängt und ihn mit den Zügeln drischt oder eine Dressur-Reiterin in Frack und Zylinder, die albern mit dem Unterkörper wippt. Das alles will ich einfach nicht. Ich will nur da sitzen. Aber es ist nicht wirklich ein Willensakt. Immer öfter wüsste ich, was zu wollen ist, tue es aber nicht, sondern sitze da und bin unfähig, mich zu erheben, auch aus misslicher Lage nicht, wenn mir der Sitz unbequem wird, ein Fuß einschläft oder beides oder türelürelü.

Mein Blick gleitet dann zum Fenster hinaus ins nun kahle Geäst der Eiche und ich ertappe mich dabei, eine Ordnungsstruktur zu suchen. Unordentliches Gestrüpp mag ich nicht. Es beschäftigt meinen Geist, wenn ich eigentlich gar nichts tun will, nicht einmal Ordnungsstrukturen sehen. Meine Liebste hat eine Zimmerpflanze, die völlig wirr dahin wächst. Noch nie zuvor habe ich so ein Durcheinander im Blattwuchs gesehen, schlimmer als die zerwühlteste Bettfrisur. Mit Rücksicht auf mich wurde das Chaosgewächs in eine Ecke verbannt. Da auch in meinem Sprachsystem keine unaufgeräumten Stellen geduldet sind, habe ich eben nachgesehen, wie die Pflanze heißt, nämlich Beaucarnea recurvata, zu Deutsch „Elefantenfuß.“

Dieser Text hier könnte viel viel witziger sein. Ich könnte die Angelegenheit stärker ausmalen, kuriose Aspekte aufsuchen und sprühende Pointen zur Erheiterung der geneigten Leserschaft einbauen. Das aber widerstrebt meinem Hobby. Es tut mir nicht mal leid für die erwartungsfrohe Leserschaft, denn eigentlich will ich nichts anderes als Nichtstun.

Woher kommt nur mein Hang zum Nichtstun? Meinen Großvater habe ich in Erinnerung, wie er in seinem Lehnstuhl neben dem Ofen saß und gar nichts tat. Allein seine Finger trommelten leise auf den hölzernen Lehnen. Ich bin gewiss ein würdiger Nachfahre. Nur mit den Fingern trommle ich nicht. Ich sitze einfach nur da und verkörpere die Evolution der Tatenlosigkeit.

19 Kommentare zu “Neue Nachrichten vom Nichtstun

  1. das nichtstun erachte ich schon für eine geraume weile als eine der größten tugenden. nichts ist besser für geist und seele, als das nichtstun. darüber hinaus, wenn man sich auf einen sessel oder eine couch beschränkt, tuts keinem weh. kein arbeitsplatz ist in gefahr und der co2 ausstoß ist minimal.
    wenn ich so an die erinnerungen an großonkels und ebensolche tanten denke, dann hut ab, die konnten schon ganz schön nichts tun. zum beispiel mitten in einer wirtshausküche, auf einem schemel sitzend nichtstun. gelegentlich aus einer ganz alten kaffeetasse, sehr dünnwandig, ein schlückchen nehemen, kichern oder schmunzeln. und weiter nichtstun. ob leute blöd anreden zum nichtstun zählt oder den über jahrzehnte gehorteten birnenbrand schlückchen für schlückchen zu vernichten auch dazuzählt, mag ich mir nicht ausmalen müssen. aber ich finde, das hört sich sehr, sehr gut an.
    wie heisst diese serie von diesem eichhörnchen mit afro: the joy of doing nothing oder wars the joy of doing painting, ich glaub, ich ich sitz schon zu lange auf diesem schemel hier in der küche…

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