Die Wildgänse sind ganz durcheinander

Zum zweiten Mal zogen über meinem Kopf Wildgänse südwärts durch den Himmel. Ein unentwegtes Schreien wie aus zerbeulten Trompeten ließ mich aufblicken. Warum können Wildgänse nicht fliegen, ohne zu schreien? Dient es der lockeren Kommunikation untereinander – wie Jogger sich nur so anstrengen sollen, dass sie sich noch unterhalten können? Freilich hätte ich einen Laufpartner, der nur zerbeulte Blechtöne hervor krächzt, würde ich mich fragen, ob er der richtige Umgang für mich ist. Schließlich lehrt die Gestalttheorie: „Paarung wirkt auf die Partner.“ Am Ende kultiviert sich sein Gekrächze zu einem elaborierten Parlieren, und ich tröte meinen Mitmenschen die Ohren voll.

Wildgänse fliegen in Form einer Eins, immer schön hintereinander im Windschatten. Ist die vordere Gans erschöpft, weicht sie zur Seite aus und die folgende übernimmt die Führung, wodurch die kürzere Strecke der Eins immer länger wird. Im Weiterflug schreiben die Gänse eine spiegelverkehrte Eins in den Himmel und wieder richtig, immer abwechselnd – aus dem arktischen Sibirien bis in unsere gemäßigten Breiten. An der Eins und der spiegelverkehrten Eins könne man Kraniche und Wildgänse unterscheiden, habe ich mal gelernt – oder ich habe es mir ausgedacht. Jedenfalls wusste ich das.

Es war einmal: Wildgänse im perfekten Formationsflug

Es stimmt nur leider nicht, wie ich oben festgestellt habe. Kraniche wie Gänse schreiben mal eine Eins oder eine spiegelverkehrte Eins, je nachdem, in welcher Phase man sie beobachtet. Als ich den Kopf hob, sah ich weder eine Eins noch eine spiegelverkehrte Eins, sondern ungeordnete Wildganshaufen und sogar versprengte Grüppchen, die den Anschluss verloren hatten. Aus dem Radsport weiß ich, dass ein einmal verlorener Anschluss kaum noch herzustellen ist. Versprengte Haufen am Himmel sind keine schöne Sache. Sie könnten niedergehen. Warum halten die Gänse die kräftesparende Einserformation nicht mehr ein? Im Klimawandel konfus geworden wie der Mensch? Könnte ich aus dem Vogelflug wahrsagen wie unsere Alten [Ornithomantie] fände ich einen schönen Schluss für meine Betrachtung. So aber gibt es nur ein Kuriosum: In den Niederlanden trug sich ein seltsamer Jagdunfall zu. Nachdem ein Jäger in den Himmel geschossen hatte, stürzte eine Wildgans herab und erschlug nicht den Jäger, sondern einen Vogelschützer.

Teestübchen Musiktipp
Toxic – Walk off the Earth

Jüngling der Schwarzen Kunst – Fataler Eierkuchen

Eines Morgens stand ein Fremder im Glashaus, ein blasser, schwarzhaariger Mann mit dünnen, stark behaarten Armen und eckigen Schultern. „Wingens, mein Name, ich bin der neue Geselle“, sagte er und reichte Hannes eine schmale Hand.
„Ich bin Hannes Overlack, Lehrling im ersten Lehrjahr“, sagte Hannes.
„Ja, ich habe schon von dir gehört“, sagte Wingens. „Herr Eupen hat gut von dir gesprochen.“
„Na ja, ich lerne noch, Herr Wingens“, sagte Hannes errötend. Wingens wandte sich ab, griff nach dem obersten Manuskript vom Stapel auf seinem Arbeitstisch und sagte: „Dann woll’n wir mal.“

Er stand mit dem Rücken zu Hannes am alten Arbeitsplatz von Dyckers, so dass ihn Hannes nicht beobachten konnte. Doch Wingens schien sich rasch zu orientieren, wusste bald, welche Schriften wo in ihrer Gasse lagen. Er sollte einen Passus in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen einer Versicherung ändern, und Hannes zeigte ihm, wo der Stehsatz zu finden war, in einem Regal mit Setzschiffen aus Aluminium für großen Stehsatz. Die Form war zweispaltig in der 6 Punkt Helvetica kompress gesetzt. Dyckers hatte damals einen ganzen Tag an den Geschäftsbedingungen gearbeitet, freilich auch viel herumgetrödelt.

Wingens zog das Schiff hervor, und als hätte er nicht mit seinem Gewicht gerechnet, sackte ihm das Schiff nach vorne, die Geschäftsbedingungen glitten hinunter und stürzten zu Boden. Da sich zwischen den Zeilen keine Regletten befanden, die den Satz hätten stabilisieren können, brach alles auseinander. Hannes erschrak, als die Lettern krachend zu Boden prasselten. Aus der Nebengasse schaute Siegfried Hofmann hoch und rief „O je! Der Neue hat `nen Eierkuchen 1 fabriziert!“ Der Neue stand fassungslos und kreidebleich vor dem wirren Haufen Bleimaterial am Boden.
Der Junior kam hinzu, besah den Schaden, stieß die Luft durch die Nase und schwieg, obwohl die Arbeitsleistung eines ganzen Tages am Boden lag.

„Das tut mir Leid, Herr Eupen“, stammelte Wingens, „ich werde das selbstverständlich aufräumen.“
„Kann der Lehrling machen“, sagte der Junior und wollte sich schon abwenden, als Wingens fortfuhr: „Ich, ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Ich habe noch nie etwas fallen lassen. Das müssen Sie mir glauben, Herr Eupen! Sie müssen!“
Wingens war in höchster Aufruhr. Seine Stimme wurde höher, lauter und begann sich in der Aufregung zu überschlagen: „Sie können jeden fragen, Herr Eupen!“ Der Junior runzelte die Stirn und sagte: „Schon gut.“ Wingens war nicht zu beruhigen, wollte sich offenbar erklären, doch was er noch sagte, war nicht mehr zu verstehen. Die heraus gestoßenen Silben und Wörter glichen mehr und mehr einem heiseren Bellen.
„So beruhigen Sie sich doch, Herr Wingens!“, sagte der Junior. Aber Wingens war nicht aufzuhalten, sondern musste laut und anhaltend bellen. Es klangt so unheimlich und gleichsam jämmerlich, dass es alle in der Setzerei verstörte.
Hannes duckte sich erschrocken weg. Im Bellen war Wingens schrecklich anzusehen. Seine blasse Haut wurde von hektischen rosaroten Flecken überzogen. Das kläffende Gesicht war zur Grimasse verzerrt. Die schwarzen pisseligen Haare klebten ihm auf der blanken Stirn, und plötzlich war die Luft vom sauren Gestank seines Angstschweißes erfüllt.

Wingens verstummte, stützte sich auf seinen Arbeitstisch und schluchzte. Selbst in der angrenzenden Buchbinderei hatte man ihn gehört. Frau Meisel, die Vorarbeiterin, kam herüber und näherte sich vorsichtig. „Geht es wieder?“, fragte sie und legte Wingens beschwichtigend die Hand auf den Oberarm. „Nein, es geht nicht“, stieß er hervor. „Ich hatte so gehofft, es geht, aber es geht nicht.“

„Herr Eupen, was haben Sie mit dem gemacht?“, fragte Frau Meisel vorwurfsvoll.
„Ich habe doch gar nichts gemacht – oder Hannes?“, sagte der Junior verunsichert.
„Nein, Sie sind ganz ruhig geblieben“, sagte Hannes und begann, den Eierkuchen aufzuklauben. Er rätselte, was mit Wingens los war. Offenbar war er gemütskrank und nicht arbeitsfähig. Tatsächlich sollte er nicht wieder im Betrieb auftauchen.

1 Eierkuchen (Druckersprache) – eine zusammengefallene Bleisatzform

Jüngling der Schwarzen Kunst – Einer soll setzen

Geeigneten Ersatz für Dyckers und Kaumanns zu finden, war nicht leicht. Einmal kam Lenz aus dem Kerzenhaus Eupen, dem Laden für katholische Devotionalien, in die Setzerei gelaufen. Man hörte sein überdrehtes Organ schon auf der Treppe. Der Junior trug Hannes gerade auf, einen Rechnungsvordruck für einen Installationsbetrieb getreu der gedruckten Vorlage zu setzen. Als er Lenzens Stimme hörte, verdrehte er die Augen und stöhnte leise. Lenz stieß die Pendeltür zum Setzereisaal auf, sah sich nach dem Junior um und eilte zu ihnen ins Glashaus.

„Hehe, Theo, das muss ich dir erzählen. Gerade kommt ein seltsamer Vogel in meinen Laden und sagt: ‚Guten Tag! Ich soll hier setzen.‘ Ich so: ,Aha! Sie wollen sich setzen‘, schiebe ihm einen Stuhl hin und sage: ‚Bitteschön‘! Er setzt sich mit offenem Maul und glotzt mich sprachlos an. Es dauerte eine ganze Weile, bis der begreift, dass er sich in der Tür geirrt hat. Er ist wohl noch nicht bei dir gewesen?“

„So ein Trottel braucht sich hier gar nicht vorzustellen“, sagte der Junior wegwerfend, wandte sich brüsk ab und ließ Lenz mit Hannes allein. Wie unhöflich, dachte Hannes. Auch wenn Lenz ein unangenehmer Patron ist, lässt man ihn nicht so einfach stehen. Sein Bericht war doch witzig. Aber der Junior sah das völlig humorlos. Lenz schaute Hannes an und wiederholte: „So ein Dummlack! Kommt in meinen Laden und sagt ‚Guten Tag, ich soll hier setzen.‘ Ich schiebe ihm einen Stuhl hin: ,Aha! Sie wollen sich setzen.‘ Und der Tünnes setzt sich auch noch. Meine Frau hat sich krummgelacht!“

„Das ist ulkig, Herr Lenz“, bestätigte Hannes und dachte sich , dass Lenz auch gemein gewesen war, weil er sogleich gewusst hatte, wohin der Mann wollte. Er war vermutlich vom Arbeitsamt geschickt worden. „Ich soll hier setzen“ kündete jedoch nicht von Arbeitswille.

Zwischendurch eine Frage der Moral

In einem Möbel- und Einrichtungshaus erstand ich eine Tischlampe. Nach dem Auspacken erwies sich der Glaskörper als zersprungen. Ich ging mit der kaputten Lampe hin und reklamierte. Die Frau an der Annahme moserte, sie brauche den Karton. Zudem stehe die Lampe nicht auf meinem Kassenzettel. Draußen besann ich mich. Den Karton hatte ich entsorgt, den richtigen Kassenzettel auch? Also ging ich wieder in den Laden und kaufte die Lampe erneut. Zu Hause packte ich die defekte in die neue Verpackung und trug sie zurück. Nach einigen Unterschriften bekam ich mein Geld. War das jetzt ein kleiner Betrug oder war ich nur gewitzt gewesen?

Jüngling der Schwarzen Kunst – Der Professor

Auch wenn Busfahrer Hubert verspätet losgefahren war, schaffte er es mit seiner ruppigen Fahrweise, pünktlich um 7:25 Uhr am Neußer Busbahnhof anzukommen. Da Hannes erst um acht Uhr in der Firma sein sollte, vertrödelte er seine Zeit im Wartesaal des Bushofs. Das Gebäude war noch recht neu und hatte ringsum viel Glas. An den Fensterfronten entlang waren Reihen mit untereinander verbundenen Sitzschalen aus blauem Plastik und gegenüber dem Eingang ein Kiosk mit zwei Stehtischen, die immer von zwei, drei Säufern belagert wurden. Im Busbahnhof verliebte sich Hannes in eine ebenfalls wartende Schülerin. Sie warfen sich gelegentlich Blicke zu, aber nur, wenn sie alleine wartete. Wenn Schulfreundinnen bei ihr waren, ignorierte sie Hannes. Er malte sich Begegnungen aus, war aber zu schüchtern, das Mädchen anzusprechen. Außerdem war sie als Gymnasiastin aus gewiss gutem Hause und schon deshalb für ihn unerreichbar fern. Die Freude, das Mädchen zu sehen, versüßte ihm trotzdem die Wartezeit. Seine Träumereien waren die kleine Freiheit, bevor er für einen endlos langen Arbeitstag bis 17 Uhr in der Setzerei stehen musste.

Gymnasiasten waren für Hannes eine bessere Klasse Mensch. Seine Freunde, Franz und Theo, gingen zum Gymnasium. Wenn er mit ihnen im Dorf unterwegs war und sie trafen ihren ehemaligen Volksschullehrer Ruß, fragt Herr Ruß immer nur nach deren Fortkommen. Nie erkundigte er sich, wie Hannes in der Lehre vorankam. Dann fühlte sich Hannes klein und unbedeutend. Was hätte er auch erzählen können? Dass der Seniorchef seines Lehrbetriebs von allen nur „der Professor“ genannt wurde, obwohl er kein Professor war, sondern ein Schweizerdegen. So hießen nämlich Leute, die sowohl einen Gesellenbrief im Drucken hatten wie auch im Setzen. Der Professor war sogar Drucker- und Setzermeister. Hannes bewunderte das. Er hatte den Professor bislang nur einmal aus der Ferne gesehen, da er sich selten in den Niederungen der Setzerei zeigte. Hannes kam gerade aus der Korrektorenstube, da querte der Professor die Setzerei durch die mittlere Gasse und ging hinüber zum Raum mit den Linotype-Setzmaschinen. Dabei wurde er von einem großen schwarzen Hund begleitet. Das hatte Respekt gebietend und sogar ein wenig bedrohlich ausgesehen. Es gab Gerüchte, der Professor sei eine große Nummer bei den Nazis gewesen. Irgendetwas aus dieser Zeit verband ihn mit einem der beiden Korrektoren, dem großspurigen Max Kloeppel. Der Professor und Kloeppel sollten sich damals schon gekannt haben. Mehr erfuhr Hannes nicht.

Im oberen Stockwerk, in dem sich das Reich des Professors befand, war Hannes noch nie gewesen. Angeblich war es nur über eine Wendeltreppe und durch das Büro der Vorzimmerdame Fräulein Schierp zu erreichen. Die Treppe durfte niemand nehmen, der nicht herbestellt war. Hinter dem Büro sollte in einer Art Penthouse die ausgedehnte Wohnung des Professors liegen. Dyckers will einmal im Chefbüro gewesen sein und berichtete von einem blauen Teppich, groß wie ein See. Weit am anderen Ende des Sees habe der Professor an seinem Schreibtisch gethront wie auf einer Insel. Der Teppich aber dürfe von gewöhnlichen Menschen nicht betreten werden. Nur Fräulein Schierp watete manchmal auf ihren flachen Schuhen durch den blauen Flor bis zum Schreibtisch. Dyckers behauptete auch, obwohl ihn Fräulein Schierp eindringlich ermahnt hätte, sei er nah an den Teppich herangetreten, habe die Kante sogar mit seinen Schuhspitzen eingedellt und Spuren von seiner Schuhwichse hinterlassen. Den Teppichfrevel nahm Hannes ihm ab. Dyckers war dreist genug. Er brüstete sich auch damit, unten in einem Raum hinter dem Papierkeller habe er die Weinvorräte des Professors entdeckt und habe eine Flasche geklaut. Die anderen Flaschen auf dem Regalbrett habe er so auf Lücke gelegt, dass der Diebstahl nicht auffallen konnte. Zum Glück ist der Obergauner Dyckers weg, dachte Hannes. Gewiss würde der Tag kommen, da er sich selber überzeugen konnte, ob seine phantastische Schilderung der Chefetage gelogen oder übertrieben war. Einstweilen war Hannes gespannt auf einen neuen Gesellen, den der Junior ihm angekündigt hatte.

Jüngling der Schwarzen Kunst – Erika

Mittwochs, wenn er nach Neuß zur Berufsschule fuhr, saß auf der Rückbank des Busses der dicke Fleischhauer und hatte sein fettes Grinsen aufgesetzt. Er hatte sogleich den Kontakt zu Hannes gesucht. Hannes war froh, jemanden im Bus zu kennen, obwohl ihn mit Fleischhauer nicht wirklich etwas verband. Eher notgedrungen setzte sich Hannes zu ihm. Fleischhauer machte eine Lehre als Landmaschinenschlosser, roch demzufolge immer ein bisschen nach Motoröl und Schmierfett. Seine Hände würden wohl nie mehr richtig sauber werden. Fleischhauer kannte auch einen hageren Jungen, der im Gohrer Bruch zustieg und ebenfalls Schlosser werden wollte, den rothaarigen Peter Schipanski. Mit ihm stieg seine ältere Schwester Erika zu. Erika Schipanski fuhr täglich mit nach Neuß, und wenn die Schlosserlehrlinge nicht im Bus waren, setzte Erika sich zu Hannes. Sie trug ihre schwarzen Haare zum Bubikopf geschnitten und war ziemlich hübsch. Um schön zu sein, waren ihr Kinn zu kräftig und ihre Nase zu kurz, fand Hannes. Erika trug einen Verlobungsring, aber würde gewiss erst heiraten, wenn ihre Brüder volljährig wären. Trotz ihrer jugendlichen 19 Jahre hatte sie die Vormundschaft über ihre jüngeren Brüder Peter und Horsti. Ihre Eltern waren tödlich verunglückt, als die Familie gerade erst mit dem Auto zu einer Urlaubsreise aufgebrochen war. Welch eine tragische Geschichte, dachte Hannes. Er stellte sich vor, wie die Familie voller Vorfreude auf den Urlaub ins Auto gestiegen war. Der kleine Horsti trödelte, und aus dem Auto rief man ihm zu, er solle endlich einsteigen. Und dann fuhren sie los. Wären sie eine halbe Minute vorher weggekommen, aber so erwischte sie beim Einbiegen in die Bundesstraße der schwere LKW. Die beiden Eltern, weil sie vorne gesessen hatten, waren sofort tot.

Hannes mochte Erika gern, freute sich, wenn sie einstieg, durch den Gang des noch leeren Busses nach hinten kam und sich selbstverständlich neben ihn setzte. Für die Zeit ihrer gemeinsamen Busfahrten hatte sie ihn adoptiert. Erika sorgte sich um seine Bildung und brachte ihm Bücher mit, die er lesen sollte. Dabei war sie nicht besonders wählerisch. Mit dem Kriegsroman „Die Caine war ihr Schicksal“ von Herman Wouk konnte Hannes nicht viel anfangen. Militärisches Denken mit Befehls- und Gehorsamsketten sowie den Konflikten daraus blieben ihm fremd. Begeistern konnte er sich hingegen für ein Buch mit Ringelnatzgedichten im gelben Leineneinband. Den Gedichtband schenkte sie ihm. Hannes las oft darin und versuchte, im Stil von Ringelnatz zu dichten. Bei Erika verlor er seine Schüchternheit und traute sich sogar, sein Werk vorzutragen:

    Mein Bett, das kann mich prima wärmen,
    In meinem Bett, da bin ich frei.
    Ich könnt‘ noch lange davon schwärmen,
    Doch lassen wir’s dabei.

Jüngling der Schwarzen Kunst – Unheimliches

Jeden Werktag um 6 Uhr aufzustehen, fiel Hannes schwer, besonders in der dunklen Jahreszeit. Dann verließ er sein Zuhause bei Dunkelheit und kehrte im Dunkeln zurück. Sein Zuhause war eine Dachwohnung in der Dorfschule. Seine Mutter, die beiden Geschwister und er waren erst eingezogen, kurz bevor er die Lehre begann. Damals hatten die Lehrerwohnung auf der ersten Etage wie auch die dazu gehörenden Dachzimmer leer gestanden, weil Hauptlehrer Schmitz ein eigenes Haus bezogen hatte. Inzwischen war er verstorben und die Gemeinde suchte bereits eine Weile nach einem neuen Lehrer. Hannes Mutter entschied sich deshalb für die Dachwohnung, denn sie fürchtete, die Lehrerwohnung räumen zu müssen, sobald sich ein neuer Lehrer finden würde. Sie hatten drei Zimmer, zwei nebeneinander und eines über den Dachboden zu erreichen. Im vorderen der beiden Zimmer diente der große Wohnzimmerschrank dazu, nach hinten einen schmalen Bereich als Küche abzutrennen. Freilich gab es dort kein fließendes Wasser, aber seine Mutter kam gut zurecht. Sie hatte auf einem Tisch einen elektrisch betriebenen Herd mit zwei Kochplatten. Das reichte ihr zum Kochen und war bequemer als in der alten Wohnung, wo sie auf einem Kohlenherd gekocht hatte. Tageslicht kam aus einem Fenster in der Dachgaube, das gleichzeitig als Dunstabzug diente. Nebenan war das Schlafzimmer der Mutter und der jüngeren Schwester.

Im Dachzimmer, das Hannes sich mit seinem fünf Jahre älteren Bruder Wilhelm teilte, hatte zuvor der alte Vater von Hauptlehrer Schmitz geschlafen. Es lag ganz am Ende eines Speichers, der noch eine Treppe hinauf auf den Giebelboden hatte. Abgeschoben ins Speicherzimmer, war der Alte irgendwann glücklich verröchelt. Das Bett hatte Hauptlehrer Schmitz bei seinem Auszug nicht mitgenommen und die Matratzen auch nicht. Sie waren dreiteilig, dunkelblau mit einem gelben Blumenmuster. Hannes scheute sich, die Matratzen zu sehen. Wenn das Laken abgezogen war, kam ihm der Tote zu nah. Ihn gruselte, in einem Bett zu schlafen, in dem die Leiche gelegen hatte. Das Zimmer hatte nur ein winziges Fenster in einer Dachgaube, durch das manchmal die Abendsonne schien. Meistens lag es im Halbdunkeln. In einem laienhaften Gestaltungsversuch hatte sein Bruder die Wände gelb gestrichen. Die Mutter fand, dass ihre Söhne im Dämmerlicht des gelben Zimmers selbst eine erschreckende Leichenblässe hätten.

Hannes entwickelte Panik, allein in diesem Zimmer zu sein. Sein Bruder kam abends erst spät zu Bett. In den dunklen Abendstunden lag Hannes schon da, und beleuchtete mit der Taschenlampe die Türklinke, denn vom angrenzenden Dachboden knisterte und knackte es beunruhigend. Wenn es windig war, konnte Hannes es von oben heulen und pfeifen hören. Das alles entzündete seine lebhafte Phantasie. Er hätte nicht sagen können, was genau er befürchtete, doch um das Namenlose zurückzuhalten, achtete er ängstlich darauf, dass der Lichtkegel auf der Türklinke blieb. Wie war er erleichtert, wenn sein Bruder zu Bett kam. Oft schlief er vorher über dem Horchen, Starren und Mutmaßen ein, und seine Mutter fand ihn morgens mit der noch schwach leuchtenden Taschenlampe im Bett. Hannes sprach nicht über seine Ängste. Er hatte sich daran gewöhnt, die Dinge mit sich selbst auszumachen. So sehr er sich abends in seinem Bett fürchtete, so schwer fand er morgens hinaus.

Bald war auch ein neuer Lehrer gefunden, ein junger freundlicher Mann namens Schulz aus dem Ruhrgebiet. Lehrer Schulz wurde bei ihnen Kostgänger, kam allabendlich hoch, um mit der Familie zu Abend zu essen. Oft blieb er und spielte mit Wilhelm und seinem Freund Kurti Skat. Dann kam Wilhelm noch später zu Bett und erlöste Hannes aus seiner Furcht. Manchmal am Wochenende lockte Herr Schulz Hannes Mutter zu sich herunter, und wenn sie wieder hochkam, hatte sie rote Wangen und einen sitzen. Sonst war er einsam. In seinem Wohnzimmer lehnte ein Cello. Hannes konnte in seinem Dachzimmer hören, wenn er dem Cello von seiner Einsamkeit klagte. Hörte Hannes den klagenden Laut des Cellos, so war ihm, als hätten hundert Spezialisten des Wehklagens dem Erfinder des Cellos von ihrer Sehnsucht geklagt. Aus diesem Ozean von Wehmut schlugen die Wellen von unten in seine Dachstube. Es ist ungewiss, ob er schon Sehnsucht kannte. Ihn befiel nur ein diffuses Gefühl von Unwohlsein, wenn Lehrer Schulz Cello spielte. Ähnliches spürte er, wenn Freitags in der Metzgerei Dreckkötter Knochen gesägt wurden.

Hannes musste den ersten Bus um 6 Uhr 40 nehmen. Es gab auf dieser Linie zwei Busfahrer, die sich abwechselten, der dicke Hubert und das nervöse Karlchen. Obwohl er im nur zwei Kilometer entfernten Nachbardorf seine Schicht begann, kam Hubert fast immer zu spät. Kam mit derselben Selbstverständlichkeit zu spät, mit der er der dicke, Respekt einflößende Hubert war. Wie im Dorf erzählt wurde, war Hubert ein Frauenheld. Er war irgendwie tierhaft, immer unwirsch, wie es manche Frauen mögen. Im Sommer saß er im weißen Feinripp-Unterhemd hinterm Steuer. Es war auf ihn kein Verlass, nicht einmal auf seine Unpünktlichkeit. Fünf Tage lang kam er zwanzig Minuten zu spät, und am sechsten Tag auf die Minute, so dass, wer sich auf Huberts Unpünktlichkeit eingestellt hatte, den Bus verpasste. Im Winter, wenn es noch stockfinster war um diese Zeit, hatte man schon oft frierend auf Hubert gewartet, ein ganzes Häuflein an der Haltestelle im noch schlafenden Dorf, aber nie hatte es wer gewagt, Hubert wegen seiner Unpünktlichkeit zu ermahnen.

Dabei fuhr immer ein Ehepaar mit. Wenn er ein Kerl wäre, könnte der Mann mal was sagen, dachte Hannes. Insgeheim hegte er einen Groll auf das Paar. Irgendwann hatte er versäumt, die beiden zu grüßen, und jetzt war es immer peinlich, ungegrüßt mit ihnen an der Haltestelle zu stehen und auf Hubert und seinen Bus zu warten. Der Mann trug einen Bürstenhaarschnitt. Hannes vermutete, dass er die Haare hochföhnte, um wenigstens einen halben Zentimeter größer zu sein als seine durchaus kleine Frau. Das Paar saß im Bus natürlich nebeneinander, er am Fenster. Der Mann packte dann die Neuß-Grevenbroicher Zeitung aus, riss sie immerzu heftig auseinander und fuchtelt der Frau mit seiner zeitungsbewehrten Rechten unter ihrer Nase herum.

Das nervöse Karlchen, der schon bejahrte Mann, fuhr und verhielt sich so, als könnte er selbst nicht glauben, dass er den Busführerschein hatte. Karlchen kam fast immer ein klein wenig zu früh, besonders im Sommer. Auf den Dörfern nahe der Stadt wurde der Bus voll, und die Leute rannten von allen Seiten heran, wenn Karlchen wieder zu früh kam. Einmal hörte Hannes, warum Karlchen immer so zeitig war. Da sagte er zu einem Fahrgast: „Ich seh‘ so jern, wenn die Mädchen laufen müssen und die Äpfelchen hüpfen!“ Soll sich was schämen, dachte Hannes, so ein alter Mann!

Wie öde fand es Hannes, jeden Morgen in aller Früh über die Dörfer zu schaukeln, um dann eine halbe Stunde zu früh am Neußer Bushof anzukommen, wo er die Zeit bis kurz vor acht Uhr sinnlos in der Wartehalle verplempern musste. Die Abneigung gegen die Busfahrten änderte sich erst, als er Erika kennenlernte, die unterwegs an einem Weiler zustieg.

Schmutziger Eintrag zum Weltputzfrauentag

Am heutigen 8. November ist der Weltputzfrauentag. Da erinnere ich mich, dass ganz hinten im Teestübchenlager eine Gif-Animation liegt, die mal dringend abgestaubt werden muss. Die Fotovorlage stammt übrigens aus einer Anzeige in der längst eingestellten Zeitschrift Kristall aus den 1950-er Jahren, die ich einmal antiquarisch im Aachener Zeitungsmuseum erstanden habe – mitsamt ihrer antiquierten Rollenbilder. Ich veröffentliche den „Schmutzigen Eintrag“ auch als kleine Atempause von „Jüngling der Schwarzen Kunst.“ Da geht es morgen weiter.

Gif-Animation JvdL

Jüngling der Schwarzen Kunst – Erleichterung

„Guck mal, wie der Jüngling horcht!“, sagte Kaumanns und lachte glucksend.
„Jüngling, hör mal eben weg!“
„Geh mal aufs Klo, Nettesheim!“

Sie besprachen fast täglich in allen Einzelheiten, wie sie mit ihren Verlobten gevögelt hatten. Sie hatten noch andere Bezeichnungen: „Fegen“, „Nageln“, „Poppen“, o, was für Wörter! Kaumanns berichtete von Jolandas Gewohnheiten beim Geschlechtsverkehr, und Dyckers lobte die sexuelle Regsamkeit seiner Gabriele. Sie wetteiferten, wessen Frau geiler sei. Sie tauschten Tipps und Erfahrungen aus, wie die Lust noch zu steigern sei. Ihre „Frauen“ freundeten sich an, man war gemeinsam unterwegs, nächtigte in derselben Pension, es kam bei den Männern der Wunsch nach einem Partnertausch auf. Die Frauen seien auch nicht abgeneigt. Dyckers erzählte, Kaumanns habe ja gar nicht mitbekommen, dass er, Dyckers, einmal mit beiden Frauen allein im Hotelzimmer gewesen sei und sich dann vor ihren Augen fürs Baden habe umziehen müssen. Weil sie keine Anstalten machten, aus dem Raum zu gehen, habe er einfach die Unterhose heruntergelassen. Sie hätten gelacht und ironisch erklärt, das sei ihnen aber jetzt peinlich. Warum er denn nichts gesagt habe? Auf ein Wort von ihm wären sie so lange vor die Tür gegangen. Aber Jolanda habe doch interessiert auf seinen Schwanz geguckt, so dass er gleich einen Ständer bekommen habe. Ja, ein gemixtes Doppel, das müsse man doch einmal ausprobieren. Am übernächsten Wochenende vielleicht?
Aber plötzlich einte sie zusätzlich ein gemeinsames Problem. Die Regel bei beiden Frauen blieb aus. Was konnte man tun?
Heiß baden soll helfen, vorher heißen Rotwein trinken!
Nein, schon ausprobiert, hat nichts genutzt.
Fünf Tage schon.
Bei Jolanda sieben!
Geraunte Rezepte.
Busfahren?
Ja, die Linie 23, immer am Hafenbecken entlang, über Kopfsteinpflaster, bis zur Endstation und zurück!
Glaubst du wirklich, das hilft?
Kaumanns und Jolanda waren sogar in der Kirche und hatten am Altar der Mutter Maria eine Kerze aufgestellt. Jolanda war eine fromme Belgierin. Dyckers erwog das auch zu tun, obwohl er eigentlich nie in die Kirche ging.

Die Kerze half, aber Dyckers „musste“ heiraten! Jetzt brauchte er mehr Geld. Er musste sich nach einer besseren Stelle umsehen. In einer Druckerei in Düsseldorf sei ihm die Setzereileitung angeboten worden. Dyckers kündigte!
„Dann hau ich auch in den Sack!“ sagte Kaumanns. Und plötzlich waren beide weg, zu Hannes Erleichterung und zum Leidwesen des Juniors, der keine neuen Leute finden konnte.

Jüngling der Schwarzen Kunst – Bleiläuse

„Heute zeigt Herr Kaumanns dir Bleiläuse“, kündigte Dyckers an.
„Bleiläuse?“
„Ja, ist dir noch nie aufgefallen, wieviel Dreck in den Setzkästen liegt? Der kommt von den Bleiläusen.“
Sie gingen hinüber in Kaumans Gasse.
Auf einem Setzschiff war in der linken Ecke mit Eisenstegen aus der Druckerei ein Karree gebildet, in das Kaumanns Wasser gegossen hatte. Obendrauf schwamm etwas Staub aus den Kästen.
Kaumanns stand in Betrachtung davor.
„Die Dinger sind ganz klein“, sagte er.
Dyckers schob Hannes voran.
„Ja, du musst nah rangehen, wenn du sie überhaupt sehen willst!“
Hannes beugte sich neugierig hinunter, sah aber nur Wasser und Staub.
„Hier schwimmt eine“, sagte Kaumanns und wies mit der Pinzette darauf. „Man muss schräg von der Seite her aufs Wasser gucken!“
Hannes brachte seine Nase nah an die Wasseroberfläche und schaute angestrengt. Gerade als er glaubte, da bewege sich etwas, packte Kaumanns den oberen Verschlusssteg und stieß ihn mit einer raschen Bewegung nach unten, wodurch das Wasser heraus und Hannes ins Gesicht schwappte.
„Das waren die Bleiläuse“, sagte Dyckers, und die beiden lachten sich schippelig.
Hannes spuckte.
„Bah, was seid ihr gemein!“
„Was fällt dir ein, uns zu ihrzen!“
„Für dich immer noch `Sie‘, `Herr Kaumanns‘ und `Herr Dyckers‘!“
„Wenn einer wie du aus Nettesheim kommt, muss er froh sein, dass man sich überhaupt mit ihm abgibt.“
Der Junior bog um die Ecke, fragte barsch: „Was zum Teufel ist denn hier los?“ und sprach damit den längsten Satz aus, den Hannes bislang von ihm gehört hatte, wodurch die Frage umso bedrohlicher wirkte.
Keiner antwortete. Kaumanns versank mit der Nase in einem Setzkasten, und Dyckers schob sich geschickt hinter dem Rücken des Juniors aus der Gasse. Der Junior besah kurz den Lehrling, dann drehte er sich ohne ein weiteres Wort auf dem Absatz um und ging.

Hannes wischte sich aufatmend mit dem Kittelärmel das Gesicht und strich sich mit den Fingern die nasse Haarfrisur zurecht. Die hatte wohl früher bei seinem Dorffriseur „Caesarschnitt“ geheißen. Doch dann hatte man ihn anderswo belehrt: „Von wegen, Caesarfrisur! Dein Friseur hat keine Ahnung!“ nein, das sei ganz klar eine Beatlesfrisur, die er da auf seinem Kopf habe. Über Nacht war sie also sozusagen mutiert, zuerst gegen seinen Willen, doch dann fügte er sich. Wirklich bedauerlich fand Hannes dagegen, dass sich in den elenden Bleiwüsten der Schriftkästen nun also doch kein Leben regen sollte.