Nachtbummel über den Königshügel

Einmal im Zustand innerer Aufruhr sei er in die frostklare Nachtluft hinaus und den Königshügel hinaufgelaufen, sagte Jeremias Coster, der dubiose Professor für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte an der Technischen Hochschule Aachen. Er sei so lange auf den hübschen Straßen dort oben unterwegs gewesen, bis sich seine Aufregung gelegt habe. Einiges mehr aber sei nötig gewesen, seinen Blick wieder von innen nach außen zu richten, ihn also innerlich neutral zu machen.

Die glitzernde Stadt unten in ihrem Talkessel habe ihn beeindruckt. Und er habe durchaus den Sternenhimmel gewürdigt, der sich über ihm wölbte. Doch zwischen den lockeren Reihen kaum noch beleuchteter Häuser des Königshügels habe er sich gedacht, so ein Sternenhimmel könnte ebenso gut ein nachtdunkles Tuch sein, in das man feine Löcher gestochen hat, durch die ein Licht fällt. Diese Theaterkulisse sei also nur beeindruckend, da wir dank neugieriger Wissenschaftler wüssten, dass die Sterne keine Löcher in einer nachtblauen Decke sind. Eigentlich aber wüssten wir nicht wirklich etwas darüber, soweit wir keine Astronomen wären. Wir müssten deren Angaben glauben, was wiederum zeige, dass Wissenschaft für den Laien eine Sache des Glaubens ist, wodurch sie sich kaum von Religion unterscheide.

Über die nächtlich glitzernde Stadt habe er gedacht, sie entziehe sich durch ihre Entfernung ja lediglich seinem feineren Urteilsvermögen. Wenn einem Menschen nur der Sinn des Fernsehens erlaubt sei, könne man ihm die schlimmsten Verbrechen wie eine blinkende und funkelnde Kulturäußerung vorführen.

„Wie meine Sie das, Coster?“, fragte ich.

„So ein aus der Ferne romantisch funkelndes Lichtlein bescheint vielleicht gerade eine Szenerie, in der jemand überfallen und seines Lebens beraubt wird.“

„Denken Sie nicht, dass das eher in dunklen Ecken passiert?“

„Ach, Schmarrn, dann verabreden eben drei Obergauner im Schein eines Kronleuchters, den Staat um Millionen zu betrügen. Kann ich jetzt fortfahren in meinem Bericht vom Nachtbummel, ohne mich der Gefahr deiner unqualifizierten Einwürfe auszusetzen?“

“Nur zu!“

„Wenn einem die nächtlich funkelnde Stadt ihren durchaus anheimelnden Anschein präsentiert, liegt das nur daran, dass die Betrachtung aus der Ferne keine näheren Einblicke ins Geschehen erlaubt. Die großen Inszenierungen – Wissenschaft, nächtlicher Sternenhimmel und glitzernde Stadt habe ich also beim Nachtbummmel philosophisch widerlegt. Dadurch hat er mir die innere Ruhe zurückgebracht.“

Ich sagte: „Es kann ebensogut an der kalten Nachtluft und der Mühe gelegen haben, die Steilheit der Straßen zu bewältigen. Dann wären die philosophischen Widerlegungen der Wissenschaft, der glitzernden Stadt und des Sternenhimmels nicht nötig gewesen.“

„Das ist das, was du glaubst“, entgegnete Coster und verschwand.

Es wird immer schwieriger, mit ihm zu diskutieren, seitdem er tot ist, dachte ich.