Kurt Schwitters – Automayers (1924)

Guten Abend, liebe Hörerinnen und Hörer an den Empfangsgeräten. Heute einmal zur Abwechslung kein Text, sondern eine Tondatei in Ihrem Teestübchen Trithemius, nämlich das kuriose Stück „Automayers“ von Kurt Schwitters. Sein Werk ist seit dem Jahr 2019 gemeinfrei. Ich habe die Tondatei allerdings schon am 9. Dezember 2006 eingesprochen, also vor ziemlich genau 14 Jahren. Viel Vergnügen beim Hören.

13 Kommentare zu “Kurt Schwitters – Automayers (1924)

  1. Müde von der Diskussion darüber, ob das Auto vor oder hinter der Türe steht, öffnet sie, sichtlich genervt endlich die Türe. Draußen steht der erwartete Chauffeur in seiner perfekten Uniform, schaut sie treuherzig aus seinen südländisch wirkenden Augen an, und sagt mit einer Geste des Bedauerns: „Isch ’abe gar keine Auto, Signorina“

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  2. Danke für das schöne Hörstück, habe den im Internet ansonsten raren Text jetzt auch auf der Seite der Uni-Bibliothek Heidelberg als Originaltext gefunden:

    Heidelberg historic literature – digitized
    Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 15.1924
    https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/sturm1924/0024

    Automayers

    Mayers wollen per Auto in Gesellschaft fahren. Es ist schon hohe Zeit, und sie warten ungeduldig auf das bestellte Auto. Mayer dreht seinen Schnurrbart, sie zupft
    ihre Locken vor dem Spiegel. Plötzlich
    sagt sie: ,,lch verstehe nicht, Emil, warum das Auto nicht kommt“. Mayer dreht seinen Schnurrbart und bemerkt, dass das Auto schon lange dagestanden hatte. Da brüllt er vor Schreck: „Das Auto steht vor der Tür!“ Um zu widersprechen antwortet sie gereizt: „Du meinst wohl hinter der Tür?“ — „Nein, vor der Tür.“ — „Nein, hinter der Tür!“
    — „Also vor der Tür.“ — „Also hinter der Tür!“ — „Meinetwegen hinter der Tür.“ — „Nein, in diesem Falle selbstverständlich vor der Tür.“ — Pause. Mayer dreht seinen Schnurrbart wie eine Spindel. Sie zupft ihre Locken. Das Auto steht gross da. — Nach einer Weile versucht er wieder: „Das Auto steht vor der Tür.“ — Jetzt ist sie empört: „Nein, hinter der Tür!“ — „Nein, vor der Tür!“ — „Nein, hinter der Tür!“ — „Vor der Tür!“ — „Hinter der Tür“ — „Vor der Tür!“ — „Hinter der Tür!“ — „Das Auto steht vor der Tür!“ — „Das Auto steht hinter der Tür!“ — „Also vor der Tür!“ — „Also hinter der Tür!“ — „Meinetwegen hinter der Tür!“ — „In diesem Falle selbstverständlich vor der Tür!“ — Pause, Schnurrbartdrehen, Lockenzupfen, das Auto steht gross da.
    Sie überlegt, wie sie den Streit beenden kann, ohne nachzugeben. Plötzlich fragt sie: „Wer steht vor der Tür“ — Er: „Hinter der Tür.“ — Pause. — „Wer steht hinter der Tür?“ — Er: „Vor der Tür.“ — Ihr platzt die Geduld. „Schatz“, sagt sie, „ich glaube, ich werde verrückt.“ — Er: „Nein, Du.“ — Sie: „Ich glaube, Du wirst verrückt.“ — Er: „Nein, ich.“ — Pause. Das Auto steht gross da.
    Sie, verzweifelt, unter Tränen: „Aber das Auto steht doch vor der Tür.“ — Er: „Nein, hinter der Tür.“ — Sie: „Aber das Auto steht doch hinter der Tür!“ — Er: „Nein, vor der Tür.“ — Sie, schluchzend: „Aber das Auto wartet doch draussen!“ — Er: „Ruhig warten lassen.“

    Kurt Schwitters

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