Jüngling der Schwarzen Kunst – Wurzelziehen

„Wie groß etwa ist Madagaskar?“, fragte Direktor Fischéll, der Lehrer für Fachrechnen.
„So groß wie England?“, vermutete Hannes.
Direktor Fischéll schnaubte verächtlich: „Overlack! Sie sind gelinde gesagt ein Träumer. Sie haben ja wohl auf der Zwergschule in Ihrem Kuhdorf rein gar nichts gelernt.“

Die ganze Schriftsetzer-Klasse lachte. Fischéll hatte Hannes schon oft vor der Klasse herabgesetzt. Die Verachtung war durchaus gegenseitig. Jemanden wegen seiner dörflichen Herkunft lächerlich zu machen, war einfach erbärmlich. Da kann einer hundert Mal Direktor der Neußer Berufsschule sein und sich mit einem Akzent schmücken, fand Hannes. Fischéll war vom gleichen Schlag wie Hauptlehrer Eugen Schmitz, der bis zu seinem Tod die dreistufige Oberklasse der Volksschule Nettesheim unterrichtet hatte. Bei ihm hatten sie fast nichts oder nur Unsinn gelernt. Sein Mitschüler Paul, ein Bauernsohn, der kaum etwas behalten konnte, hatte sich aus einem Lehrervortrag „die Fliege hat Facettenaugen“ gemerkt. Tatsächlich hatte er aber nur das Wort Facettenaugen behalten und war davon fasziniert gewesen. Wenn er fortan mit eigenen Worten wiedergeben sollte, was Hauptlehrer Schmitz im Naturkundeunterricht ins Heft diktiert hatte, glänzte Paul mit Facettenaugen. „Die Katze hat Facettenaugen“, sagte Paul, „der Storch hat Facettenaugen“; selbst der Frosch verfügte darüber. Das war nur gerecht, denn so sicherte Paul zumindest beim Schauen die Waffengleichheit zwischen Beute und Beutegreifer. Nichts davon wurde je richtig gestellt.

Wenn Schmitz einen Schülervortrag hörte, saß er mit geschlossenen Augen am Pult, und nur ein leichtes Fingertrommeln verriet, dass er nicht schlief. Das Fingertrommeln hatte Zeichencharakter. Solange Schmitz trommelte, musste vorgetragen werden. Allein auf die flüssige Rede kam es an. Sie durfte nicht enden, bevor die Finger aufhörten zu trommeln, weshalb es ratsam war, nach dem Ende des Vortrags wieder von vorne anzufangen, bis Schmitz zum Notenbuch griff und sein kryptisches Urteil hineinschrieb. „Facettenaugen, Facettenaugen, Facettenaugen“, wäre eine Option gewesen, ein fettes Sehrgut einzuheimsen. Leider hatte Hannes nicht daran gedacht, weshalb er bei Schmitz nicht über ein Ausreichend hinausgekommen war.

Schmitz hatte sich erspart, Wurzelziehen zu unterrichten, wie es im Lehrplan vorgesehen war. Er hatte gesagt: „Keiner, keiner von euch Dummbratzen, die ihr da seid, wird in seinem Leben je Wurzelziehen müssen. Also machen wir das nicht. Ihr würdet es doch nicht begreifen.“ Auch hatten sie bei Hauptlehrer Schmitz gelernt, wie es um Elektrizität bestellt ist. Er fragte: „Was ist Elektrizität?“, und der Dümmste in der Klasse riss sich einen Arm aus, so dass Schmitz wusste, der würde ihm die richtige Antwort liefern. Also: „Was ist Elektrizität? – Paul?“
„Das weiß man nicht.“
„Richtig. Gut aufgepasst, Paul.“

Die gröbste Untat war, dass Schmitz ihnen das Rechnen madig gemacht hatte, indem er willkürlich elend lange Kettenaufgaben als Kollektivstrafe aufgab. Hannes war gut in Geometrie gewesen, als er die Mittelklasse verließ. Schmitz verleidete ihm auch die Geometrie. Es blieb: „Das weiß man nicht“, „das braucht man nicht“, Mathematik ist eine Strafe. Welch ein Pech für Hannes, dass Fischéll letzteren Trugschluss bestätigte.

„Zum Verhältnisprinzip des DIN-Papierformats: Die längere Seite verhält sich zur kürzeren Seite wie eins zu Wurzel aus zwei“, dozierte Fischéll, und schon war sein Bruder im Geist widerlegt. Unter „eins zu Wurzel aus zwei“ konnte sich Hannes nichts vorstellen. Aber er begriff, was die Formel leistet: „Ein DIN-0-Bogen lässt sich ohne Verschnitt in kleinere Formate zerteilen, die alle die gleiche angenehme Proportion haben.“ Fischéll diktierte den Setzerlehrlingen ins Heft:

    „Der DIN-A-0-Bogen (841 x 1189 mm) entspricht gerundet einem Quadratmeter. Auf ihn beziehen sich alle Gewichtsangaben. Z.B. ist ein DIN-A-4-Bogen 1/16 des A-0-Bogens, wiegt folglich 1/16 von 80 Gramm = 5 Gramm. Die kleineren Formate des DIN-A-0-Bogens lassen sich durch Halbierung der jeweiligen Langseite ableiten:
    DIN A 0: 841 * 1189 – 80g
    DIN A 1: 594 * 841 – 40g
    DIN A 2: 420 * 594 – 20g
    DIN A 3: 297 * 420 – 10g
    DIN A 4: 210 * 297 – 5 g
    DIN A 5: 148 * 210 – 2,5g
    usw.“

„Overlack! Das habe ich mir gedacht“, sagte Fischéll, indem er in Hannes‘ Heft blickte. „Sie sollen nicht ‚usw.‘ schreiben, sondern die Größen und Gewichte von DIN A6 und DIN A7 selbst ausrechnen, Herrjeh! Dumm wie Brot.“

Fischéll wandte sich ab. Hinter seinem Rücken grinste Pesch, der Banknachbar. Er stieß Hannes an und tippte auf sein eigenes Heft. Pesch hatte ebenfalls „usw.“ geschrieben. Bislang hatte Pech sich gegenüber Hannes unfreundlich verhalten. Und Hannes hatte Pesch ebenfalls abgelehnt. Dass Pesch sich solidarisch zeigte, ließ Sympathie zwischen ihnen aufkommen. Hannes spürte, sie könnten Freunde werden.

2 Kommentare zu “Jüngling der Schwarzen Kunst – Wurzelziehen

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