Unbehaust

Bei den Einkaufswagen des Supermarktes sitzt ein heruntergekommener Stadtstreicher, ein elender Mann, und mampft hungrig etwas für mich Undefinierbares. Ich schiebe den Einkaufswagen zurück und stecke die Verbindung in sein Schloss. Mein Zwei-Euro-Stück flutscht heraus zu Boden. Es will offenbar nicht mehr bei mir sein. Darum störe ich den Stadtstreicher beim Essen und halte ihm das Geldstück hin. Als er aufblickt, drücke ich es ihm in die Hand. Er ist verdutzt, schlingt hastig seinen Bissen herunter und bedankt sich. Während ich mein Fahrradschloss aufschließe, spricht er weiter, aber ist kaum zu verstehen, weil er den Mund noch immer voll hat. Ein Wort erreicht mich: „Ich lebe seit 1996 im Wald.“

Zu jener Zeit vor ziemlich genau 24 Jahren hatten wir in Aachen und in der Nordeifel einen Kälteeinbruch und ersten Schnee. Ich notierte es mit Behagen in mein Tagebuch. Derweil verlor in Hannover ein Mann seine Wohnung, seine bürgerliche Existenz und es verschlug ihn in den Wald. Er wird keine Zukunft darin gesehen haben, dachte vielleicht, er würde wieder hinausfinden aus seinem Los, aber er sollte für lange Jahre dort bleiben und verelenden.

Tagebucheintrag JvdL vom 24. November 1996

Der Lindener Berg hat seitlich der Schrebergärten hangabwärts ein Wäldchen mit einem Teich. Ich habe den Flecken erst kürzlich bei einem Bummel entdeckt. Ein versteckter Pfad führt vom Hauptweg zum Gewässer. Wir schlugen ihn ein, denn wir wollten den ringsum zugewachsenen Teich besser sehen, doch drangen nicht weit vor, weil unterhalb des Trampelpfads zwei vergammelte Zelte standen. Am Ufer oberhalb des Teiches gab es einen Tisch mit Bänken, über den eine Plane gespannt war. An einem Ast hing eine Tüte mit Äpfeln. Offenbar war das karge Lager bewohnt. Tage später sahen wir zwei Männer durch die Büsche hinabsteigen. Zu dritt standen sie hernach am Ufer des Teichs. Sie waren nach Hause gekommen.

Wo im Wald der elende Mann lebt, weiß ich nicht. Ich hatte keine Zeit, mich mit ihm zu unterhalten, denn ich wurde in einem hübschen heimeligen Haus zum Waffelnbacken erwartet, wozu ich Kirschen und Sahne gekauft hatte. Die unbehausten Männer gehen mir trotzdem nicht aus dem Kopf, besonders wenn die Nächte kalt werden. Doch davon haben Sie nichts.