Jüngling der Schwarzen Kunst – Der Professor

Auch wenn Busfahrer Hubert verspätet losgefahren war, schaffte er es mit seiner ruppigen Fahrweise, pünktlich um 7:25 Uhr am Neußer Busbahnhof anzukommen. Da Hannes erst um acht Uhr in der Firma sein sollte, vertrödelte er seine Zeit im Wartesaal des Bushofs. Das Gebäude war noch recht neu und hatte ringsum viel Glas. An den Fensterfronten entlang waren Reihen mit untereinander verbundenen Sitzschalen aus blauem Plastik und gegenüber dem Eingang ein Kiosk mit zwei Stehtischen, die immer von zwei, drei Säufern belagert wurden. Im Busbahnhof verliebte sich Hannes in eine ebenfalls wartende Schülerin. Sie warfen sich gelegentlich Blicke zu, aber nur, wenn sie alleine wartete. Wenn Schulfreundinnen bei ihr waren, ignorierte sie Hannes. Er malte sich Begegnungen aus, war aber zu schüchtern, das Mädchen anzusprechen. Außerdem war sie als Gymnasiastin aus gewiss gutem Hause und schon deshalb für ihn unerreichbar fern. Die Freude, das Mädchen zu sehen, versüßte ihm trotzdem die Wartezeit. Seine Träumereien waren die kleine Freiheit, bevor er für einen endlos langen Arbeitstag bis 17 Uhr in der Setzerei stehen musste.

Gymnasiasten waren für Hannes eine bessere Klasse Mensch. Seine Freunde, Franz und Theo, gingen zum Gymnasium. Wenn er mit ihnen im Dorf unterwegs war und sie trafen ihren ehemaligen Volksschullehrer Ruß, fragt Herr Ruß immer nur nach deren Fortkommen. Nie erkundigte er sich, wie Hannes in der Lehre vorankam. Dann fühlte sich Hannes klein und unbedeutend. Was hätte er auch erzählen können? Dass der Seniorchef seines Lehrbetriebs von allen nur „der Professor“ genannt wurde, obwohl er kein Professor war, sondern ein Schweizerdegen. So hießen nämlich Leute, die sowohl einen Gesellenbrief im Drucken hatten wie auch im Setzen. Der Professor war sogar Drucker- und Setzermeister. Hannes bewunderte das. Er hatte den Professor bislang nur einmal aus der Ferne gesehen, da er sich selten in den Niederungen der Setzerei zeigte. Hannes kam gerade aus der Korrektorenstube, da querte der Professor die Setzerei durch die mittlere Gasse und ging hinüber zum Raum mit den Linotype-Setzmaschinen. Dabei wurde er von einem großen schwarzen Hund begleitet. Das hatte Respekt gebietend und sogar ein wenig bedrohlich ausgesehen. Es gab Gerüchte, der Professor sei eine große Nummer bei den Nazis gewesen. Irgendetwas aus dieser Zeit verband ihn mit einem der beiden Korrektoren, dem großspurigen Max Kloeppel. Der Professor und Kloeppel sollten sich damals schon gekannt haben. Mehr erfuhr Hannes nicht.

Im oberen Stockwerk, in dem sich das Reich des Professors befand, war Hannes noch nie gewesen. Angeblich war es nur über eine Wendeltreppe und durch das Büro der Vorzimmerdame Fräulein Schierp zu erreichen. Die Treppe durfte niemand nehmen, der nicht herbestellt war. Hinter dem Büro sollte in einer Art Penthouse die ausgedehnte Wohnung des Professors liegen. Dyckers will einmal im Chefbüro gewesen sein und berichtete von einem blauen Teppich, groß wie ein See. Weit am anderen Ende des Sees habe der Professor an seinem Schreibtisch gethront wie auf einer Insel. Der Teppich aber dürfe von gewöhnlichen Menschen nicht betreten werden. Nur Fräulein Schierp watete manchmal auf ihren flachen Schuhen durch den blauen Flor bis zum Schreibtisch. Dyckers behauptete auch, obwohl ihn Fräulein Schierp eindringlich ermahnt hätte, sei er nah an den Teppich herangetreten, habe die Kante sogar mit seinen Schuhspitzen eingedellt und Spuren von seiner Schuhwichse hinterlassen. Den Teppichfrevel nahm Hannes ihm ab. Dyckers war dreist genug. Er brüstete sich auch damit, unten in einem Raum hinter dem Papierkeller habe er die Weinvorräte des Professors entdeckt und habe eine Flasche geklaut. Die anderen Flaschen auf dem Regalbrett habe er so auf Lücke gelegt, dass der Diebstahl nicht auffallen konnte. Zum Glück ist der Obergauner Dyckers weg, dachte Hannes. Gewiss würde der Tag kommen, da er sich selber überzeugen konnte, ob seine phantastische Schilderung der Chefetage gelogen oder übertrieben war. Einstweilen war Hannes gespannt auf einen neuen Gesellen, den der Junior ihm angekündigt hatte.

13 Kommentare zu “Jüngling der Schwarzen Kunst – Der Professor

  1. Dieses „Kapitel“ war wieder etwas für mich! Der Blick des Nicht-Gymnasten auf die Gymnasiastin oder auf Gymnasiasten schlechthin, die Hannes für „eine bessere Klasse Mensch“ hält. Ich sage Dir: Wir hielten uns selbst dafür und müssen UNERTRÄGLICH gewesen sein. Die hochgezogenen Augen beim Sprechen konnte man hören! Als ich anfing, meine Mama „Mutter“ zu nennen (mit hochgezogenen Augenbrauen), ging sie an die Decke. Zu Recht! Auch der Teppichsee im Büro des Professors und die durch ihn hindurch watende Sekretärin sind wunderbar beschrieben. – Hannes sollte seine Neugier zügeln. „Geh nicht zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen würst!“ hat sich üblicherweise als kluger Rat erwiesen.

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    • Dankeschön für diese Auskunft. In damaliger Zeit wurde der elitäre Anspruch des Gymnasiums noch hochgehalten. Dünkel gab es auch im Druckgewerbe. Die Schriftsetzer hielten sich für Edelproletarier und blickten auf Vertreter anderer Berufe hinab. Das Zitat „Geh nicht zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen wirst!“ gefällt mir sehr.

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    • Damals schaffte es ja nur ein Bruchteil jedes Jahrgangs ans Gymnasium. Zeitweise war das ganz anders. Ich erinnnere mich an einen Fall in Aachen, wo eine komplette Grundschulklasse aufs Gymnasium gewechselt ist, zum Leidwesen aller Eltern und KollegInnen, die den elitären Charakter des Gymnasiums hochhalten wollten..

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  2. So, so, der Professor soll eine große Nummer bei den Nazis gewesen sein… Ja, dieses – Selbstzensur – ist ganz schnell und ganz viel wieder ganz weit oben gesessen… Die sogenannte Entnazifizierung ist ein Witz gewesen…
    Du machst es aber spannend bis zum Eintreffen des neuen Gesellen! ,-)

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    • Was soll ich einsetzen bei -Selbstzensur-? „dieses braune Pack“ würde sicher gut passen. Leider ist das so gegangen. Nazis waren ja fast alle gewesen, besonders die Eliten aus Wirtschaft, Verwaltung und Politik. Man brauchte sie für den Wiederaufbau des Landes, und so standen viele Altnazis in der neuen Bundesrepublik in Amt und Würden.

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  3. Der von Ihnen genannte Terminus “Schweizerdegen“ ließ mich an den Neulengbacher Druckereibesitzer Josef Geißler (†1912) und dessen umtriebiges Wirken denken, welcher seinerzeit als Gründer, Eigentümer, Herausgeber, Verleger, Redakteur sowie als Schriftsetzer und Drucker unterschiedlichster Periodika fungierte – u.a. auch der kuriosen Literaturzeitschrift “WIR LEBEN – Monatsschrift zur Pflege schöngeistiger und künstlerischer Bestrebungen“ ▶️

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    • Danke für den Hinweis auf einen Schweizerdegen. Überdies scheint ihr Josef Geißler den Typus des gelehrten Buchdruckers zu verkörpern, wie es ihn bis ins 19.Jahrhundert oft gegeben hat. Der verlinkte Beitrag ist mir wohl entgangen. Prima, einen Blick in den „Briefkasten der Redaktion“ werfen zu können.

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