Jüngling der Schwarzen Kunst – Erika

Mittwochs, wenn er nach Neuß zur Berufsschule fuhr, saß auf der Rückbank des Busses der dicke Fleischhauer und hatte sein fettes Grinsen aufgesetzt. Er hatte sogleich den Kontakt zu Hannes gesucht. Hannes war froh, jemanden im Bus zu kennen, obwohl ihn mit Fleischhauer nicht wirklich etwas verband. Eher notgedrungen setzte sich Hannes zu ihm. Fleischhauer machte eine Lehre als Landmaschinenschlosser, roch demzufolge immer ein bisschen nach Motoröl und Schmierfett. Seine Hände würden wohl nie mehr richtig sauber werden. Fleischhauer kannte auch einen hageren Jungen, der im Gohrer Bruch zustieg und ebenfalls Schlosser werden wollte, den rothaarigen Peter Schipanski. Mit ihm stieg seine ältere Schwester Erika zu. Erika Schipanski fuhr täglich mit nach Neuß, und wenn die Schlosserlehrlinge nicht im Bus waren, setzte Erika sich zu Hannes. Sie trug ihre schwarzen Haare zum Bubikopf geschnitten und war ziemlich hübsch. Um schön zu sein, waren ihr Kinn zu kräftig und ihre Nase zu kurz, fand Hannes. Erika trug einen Verlobungsring, aber würde gewiss erst heiraten, wenn ihre Brüder volljährig wären. Trotz ihrer jugendlichen 19 Jahre hatte sie die Vormundschaft über ihre jüngeren Brüder Peter und Horsti. Ihre Eltern waren tödlich verunglückt, als die Familie gerade erst mit dem Auto zu einer Urlaubsreise aufgebrochen war. Welch eine tragische Geschichte, dachte Hannes. Er stellte sich vor, wie die Familie voller Vorfreude auf den Urlaub ins Auto gestiegen war. Der kleine Horsti trödelte, und aus dem Auto rief man ihm zu, er solle endlich einsteigen. Und dann fuhren sie los. Wären sie eine halbe Minute vorher weggekommen, aber so erwischte sie beim Einbiegen in die Bundesstraße der schwere LKW. Die beiden Eltern, weil sie vorne gesessen hatten, waren sofort tot.

Hannes mochte Erika gern, freute sich, wenn sie einstieg, durch den Gang des noch leeren Busses nach hinten kam und sich selbstverständlich neben ihn setzte. Für die Zeit ihrer gemeinsamen Busfahrten hatte sie ihn adoptiert. Erika sorgte sich um seine Bildung und brachte ihm Bücher mit, die er lesen sollte. Dabei war sie nicht besonders wählerisch. Mit dem Kriegsroman „Die Caine war ihr Schicksal“ von Herman Wouk konnte Hannes nicht viel anfangen. Militärisches Denken mit Befehls- und Gehorsamsketten sowie den Konflikten daraus blieben ihm fremd. Begeistern konnte er sich hingegen für ein Buch mit Ringelnatzgedichten im gelben Leineneinband. Den Gedichtband schenkte sie ihm. Hannes las oft darin und versuchte, im Stil von Ringelnatz zu dichten. Bei Erika verlor er seine Schüchternheit und traute sich sogar, sein Werk vorzutragen:

    Mein Bett, das kann mich prima wärmen,
    In meinem Bett, da bin ich frei.
    Ich könnt‘ noch lange davon schwärmen,
    Doch lassen wir’s dabei.

4 Kommentare zu “Jüngling der Schwarzen Kunst – Erika

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