Jüngling der Schwarzen Kunst – Unheimliches

Jeden Werktag um 6 Uhr aufzustehen, fiel Hannes schwer, besonders in der dunklen Jahreszeit. Dann verließ er sein Zuhause bei Dunkelheit und kehrte im Dunkeln zurück. Sein Zuhause war eine Dachwohnung in der Dorfschule. Seine Mutter, die beiden Geschwister und er waren erst eingezogen, kurz bevor er die Lehre begann. Damals hatten die Lehrerwohnung auf der ersten Etage wie auch die dazu gehörenden Dachzimmer leer gestanden, weil Hauptlehrer Schmitz ein eigenes Haus bezogen hatte. Inzwischen war er verstorben und die Gemeinde suchte bereits eine Weile nach einem neuen Lehrer. Hannes Mutter entschied sich deshalb für die Dachwohnung, denn sie fürchtete, die Lehrerwohnung räumen zu müssen, sobald sich ein neuer Lehrer finden würde. Sie hatten drei Zimmer, zwei nebeneinander und eines über den Dachboden zu erreichen. Im vorderen der beiden Zimmer diente der große Wohnzimmerschrank dazu, nach hinten einen schmalen Bereich als Küche abzutrennen. Freilich gab es dort kein fließendes Wasser, aber seine Mutter kam gut zurecht. Sie hatte auf einem Tisch einen elektrisch betriebenen Herd mit zwei Kochplatten. Das reichte ihr zum Kochen und war bequemer als in der alten Wohnung, wo sie auf einem Kohlenherd gekocht hatte. Tageslicht kam aus einem Fenster in der Dachgaube, das gleichzeitig als Dunstabzug diente. Nebenan war das Schlafzimmer der Mutter und der jüngeren Schwester.

Im Dachzimmer, das Hannes sich mit seinem fünf Jahre älteren Bruder Wilhelm teilte, hatte zuvor der alte Vater von Hauptlehrer Schmitz geschlafen. Es lag ganz am Ende eines Speichers, der noch eine Treppe hinauf auf den Giebelboden hatte. Abgeschoben ins Speicherzimmer, war der Alte irgendwann glücklich verröchelt. Das Bett hatte Hauptlehrer Schmitz bei seinem Auszug nicht mitgenommen und die Matratzen auch nicht. Sie waren dreiteilig, dunkelblau mit einem gelben Blumenmuster. Hannes scheute sich, die Matratzen zu sehen. Wenn das Laken abgezogen war, kam ihm der Tote zu nah. Ihn gruselte, in einem Bett zu schlafen, in dem die Leiche gelegen hatte. Das Zimmer hatte nur ein winziges Fenster in einer Dachgaube, durch das manchmal die Abendsonne schien. Meistens lag es im Halbdunkeln. In einem laienhaften Gestaltungsversuch hatte sein Bruder die Wände gelb gestrichen. Die Mutter fand, dass ihre Söhne im Dämmerlicht des gelben Zimmers selbst eine erschreckende Leichenblässe hätten.

Hannes entwickelte Panik, allein in diesem Zimmer zu sein. Sein Bruder kam abends erst spät zu Bett. In den dunklen Abendstunden lag Hannes schon da, und beleuchtete mit der Taschenlampe die Türklinke, denn vom angrenzenden Dachboden knisterte und knackte es beunruhigend. Wenn es windig war, konnte Hannes es von oben heulen und pfeifen hören. Das alles entzündete seine lebhafte Phantasie. Er hätte nicht sagen können, was genau er befürchtete, doch um das Namenlose zurückzuhalten, achtete er ängstlich darauf, dass der Lichtkegel auf der Türklinke blieb. Wie war er erleichtert, wenn sein Bruder zu Bett kam. Oft schlief er vorher über dem Horchen, Starren und Mutmaßen ein, und seine Mutter fand ihn morgens mit der noch schwach leuchtenden Taschenlampe im Bett. Hannes sprach nicht über seine Ängste. Er hatte sich daran gewöhnt, die Dinge mit sich selbst auszumachen. So sehr er sich abends in seinem Bett fürchtete, so schwer fand er morgens hinaus.

Bald war auch ein neuer Lehrer gefunden, ein junger freundlicher Mann namens Schulz aus dem Ruhrgebiet. Lehrer Schulz wurde bei ihnen Kostgänger, kam allabendlich hoch, um mit der Familie zu Abend zu essen. Oft blieb er und spielte mit Wilhelm und seinem Freund Kurti Skat. Dann kam Wilhelm noch später zu Bett und erlöste Hannes aus seiner Furcht. Manchmal am Wochenende lockte Herr Schulz Hannes Mutter zu sich herunter, und wenn sie wieder hochkam, hatte sie rote Wangen und einen sitzen. Sonst war er einsam. In seinem Wohnzimmer lehnte ein Cello. Hannes konnte in seinem Dachzimmer hören, wenn er dem Cello von seiner Einsamkeit klagte. Hörte Hannes den klagenden Laut des Cellos, so war ihm, als hätten hundert Spezialisten des Wehklagens dem Erfinder des Cellos von ihrer Sehnsucht geklagt. Aus diesem Ozean von Wehmut schlugen die Wellen von unten in seine Dachstube. Es ist ungewiss, ob er schon Sehnsucht kannte. Ihn befiel nur ein diffuses Gefühl von Unwohlsein, wenn Lehrer Schulz Cello spielte. Ähnliches spürte er, wenn Freitags in der Metzgerei Dreckkötter Knochen gesägt wurden.

Hannes musste den ersten Bus um 6 Uhr 40 nehmen. Es gab auf dieser Linie zwei Busfahrer, die sich abwechselten, der dicke Hubert und das nervöse Karlchen. Obwohl er im nur zwei Kilometer entfernten Nachbardorf seine Schicht begann, kam Hubert fast immer zu spät. Kam mit derselben Selbstverständlichkeit zu spät, mit der er der dicke, Respekt einflößende Hubert war. Wie im Dorf erzählt wurde, war Hubert ein Frauenheld. Er war irgendwie tierhaft, immer unwirsch, wie es manche Frauen mögen. Im Sommer saß er im weißen Feinripp-Unterhemd hinterm Steuer. Es war auf ihn kein Verlass, nicht einmal auf seine Unpünktlichkeit. Fünf Tage lang kam er zwanzig Minuten zu spät, und am sechsten Tag auf die Minute, so dass, wer sich auf Huberts Unpünktlichkeit eingestellt hatte, den Bus verpasste. Im Winter, wenn es noch stockfinster war um diese Zeit, hatte man schon oft frierend auf Hubert gewartet, ein ganzes Häuflein an der Haltestelle im noch schlafenden Dorf, aber nie hatte es wer gewagt, Hubert wegen seiner Unpünktlichkeit zu ermahnen.

Dabei fuhr immer ein Ehepaar mit. Wenn er ein Kerl wäre, könnte der Mann mal was sagen, dachte Hannes. Insgeheim hegte er einen Groll auf das Paar. Irgendwann hatte er versäumt, die beiden zu grüßen, und jetzt war es immer peinlich, ungegrüßt mit ihnen an der Haltestelle zu stehen und auf Hubert und seinen Bus zu warten. Der Mann trug einen Bürstenhaarschnitt. Hannes vermutete, dass er die Haare hochföhnte, um wenigstens einen halben Zentimeter größer zu sein als seine durchaus kleine Frau. Das Paar saß im Bus natürlich nebeneinander, er am Fenster. Der Mann packte dann die Neuß-Grevenbroicher Zeitung aus, riss sie immerzu heftig auseinander und fuchtelt der Frau mit seiner zeitungsbewehrten Rechten unter ihrer Nase herum.

Das nervöse Karlchen, der schon bejahrte Mann, fuhr und verhielt sich so, als könnte er selbst nicht glauben, dass er den Busführerschein hatte. Karlchen kam fast immer ein klein wenig zu früh, besonders im Sommer. Auf den Dörfern nahe der Stadt wurde der Bus voll, und die Leute rannten von allen Seiten heran, wenn Karlchen wieder zu früh kam. Einmal hörte Hannes, warum Karlchen immer so zeitig war. Da sagte er zu einem Fahrgast: „Ich seh‘ so jern, wenn die Mädchen laufen müssen und die Äpfelchen hüpfen!“ Soll sich was schämen, dachte Hannes, so ein alter Mann!

Wie öde fand es Hannes, jeden Morgen in aller Früh über die Dörfer zu schaukeln, um dann eine halbe Stunde zu früh am Neußer Bushof anzukommen, wo er die Zeit bis kurz vor acht Uhr sinnlos in der Wartehalle verplempern musste. Die Abneigung gegen die Busfahrten änderte sich erst, als er Erika kennenlernte, die unterwegs an einem Weiler zustieg.

8 Kommentare zu “Jüngling der Schwarzen Kunst – Unheimliches

  1. Das mit der Leidenschaft des Busfahrers, „Äpfelchen“ betreffend, habe ich schon mal irgendwo so ähnlich gelesen…Macht ja nix. Nur `ne weitere hübsche Geschichte. Die Dachkammer und was da alles geschah, ganz wunderbar nah kommt mir das, bis zur Gänsehaut…

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    • Das könntest du hier im Teestübchen gelesen haben, denn das hier ist der xte Anlauf, das Manuskript zu vervollständigen. Ich verwende natürlich Versatzstücke aus früheren Versionen. Auch über die Dachkammer hatte ich schon anderswo geschrieben, was mir WordPress unter die Nase gerieben hat, indem es unter Beiträgen immer mit Ähnlichem verlinkt. Manches war dort besser erzählt, und ich habe die besseren Passagen übernommen, beispielsweise wie die gruseligen Matratzen aussahen. (Um Interferenzen zu vermeiden, habe ich den alten Beitrag jjetzt privat gestellt.)
      Danke für aufmerksame Begleitung und das Lob …

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  2. Die gruseligen Matratzen sind schön gruselig. Trotzdem habe ich den Jüngling bisher für couragierter gehalten. Und dann bereitest du einen Plot Point vor … Nimm es mir bitte nicht übel, aber ich habe das Gefühl, dass Du an dieser Stelle entweder zu viel oder zu wenig erzählst. Die beiden Busfahrer, dieses Ehepaar, … spielen die ein Rolle? Über den neuen Lehrer hätte ich dagegen von Anfang an gerne etwas mehr erfahren. Vielleicht kramst Du noch mal in deinen „Versatzstücken“.

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    • Ich erzähle, wie Hannes noch als Kind in die Erwachsenenwelt gestoßen wird, sich darin zu orientieren sucht und seine anfänglich enge Perspektive sich allmählich erweitert. Zu seiner Lebenswelt gehört die Weise, wie er zur Arbeit gelangt, und deshalb gibt es die Busfahrer und das Ehepaar als Staffage. Lehrer Schulz hat vorerst nur eine Funktion: Sein Wunsch nach Gesellschaft (Skatrunde) führt dazu, dass Hannes abends lange auf seinen Bruder warten muss.
      Hannes kindlichen Ängste zeigen seine ungleichmäßige Entwicklung. Er muss zu schnell wachsen, als dass es einheitlich geschehen könnte. Einerseits lernt er ein Handwerk, das Macht über Texte erlaubt, andererseits ist er noch zu klein, an die Großbuchstaben in den beiden oberen Reihen zu langen.

      Ein Blog ist kein guter Raum für die Veröffentlichung eines Entwicklungsromans, weil man den Text zerlegen muss auch an Stellen, wo es nicht passt. Das verlangt interessierten Leserinnen/Lesern einiges ab. Denn sie können die Taktung nicht beeinflussen wie ein Buchleser. Andererseits helfen die Reaktionen mir und motivieren mich.

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      • Die Absicht habe ich klar erkannt, lieber Jules, und mit der Schwierigkeit, ein Buch in Bloghappen aufzuteilen, also einerseits jeden Abschnitt irgendwie „rund“ zu bekommen, dabei aber nie das Ganze aus dem Auge zu verlieren, habe ich selbst meine nicht immer befriedigenden Erfahrungen gemacht. Dass der Weg zur Arbeit (ebenso wie der Schulweg) von einem Kind oder Jugendlichen viel stärker als etwas zu Bewältigendes empfunden wird, als von einem Erwachsenen, ist hier eine wichtige Beobachtung/Erinnerung. Dann also wohl doch in der Endfassung die „Staffage“ etwas ausführlicher. Der Leser kann doch ruhig glauben, dass einer der Busfahrer oder das Ehepaar besondere Bedeutung erhalten werden, bevor die Person in Erscheinung tritt, durch die sich dann etwas ändert. – Ich möchte hier nur mein Gefühl beim Lesen zum Ausdruck bringen: eine Übereilung. Tatsächlich habe ich die letzten Sätze dreimal gelesen, weil ich dachte, etwas überlesen zu haben. – Jetzt jedenfalls bin ich gespannt auf den Fortgang der Geschichte.

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