Jüngling der Schwarzen Kunst – Bleiläuse

„Heute zeigt Herr Kaumanns dir Bleiläuse“, kündigte Dyckers an.
„Bleiläuse?“
„Ja, ist dir noch nie aufgefallen, wieviel Dreck in den Setzkästen liegt? Der kommt von den Bleiläusen.“
Sie gingen hinüber in Kaumans Gasse.
Auf einem Setzschiff war in der linken Ecke mit Eisenstegen aus der Druckerei ein Karree gebildet, in das Kaumanns Wasser gegossen hatte. Obendrauf schwamm etwas Staub aus den Kästen.
Kaumanns stand in Betrachtung davor.
„Die Dinger sind ganz klein“, sagte er.
Dyckers schob Hannes voran.
„Ja, du musst nah rangehen, wenn du sie überhaupt sehen willst!“
Hannes beugte sich neugierig hinunter, sah aber nur Wasser und Staub.
„Hier schwimmt eine“, sagte Kaumanns und wies mit der Pinzette darauf. „Man muss schräg von der Seite her aufs Wasser gucken!“
Hannes brachte seine Nase nah an die Wasseroberfläche und schaute angestrengt. Gerade als er glaubte, da bewege sich etwas, packte Kaumanns den oberen Verschlusssteg und stieß ihn mit einer raschen Bewegung nach unten, wodurch das Wasser heraus und Hannes ins Gesicht schwappte.
„Das waren die Bleiläuse“, sagte Dyckers, und die beiden lachten sich schippelig.
Hannes spuckte.
„Bah, was seid ihr gemein!“
„Was fällt dir ein, uns zu ihrzen!“
„Für dich immer noch `Sie‘, `Herr Kaumanns‘ und `Herr Dyckers‘!“
„Wenn einer wie du aus Nettesheim kommt, muss er froh sein, dass man sich überhaupt mit ihm abgibt.“
Der Junior bog um die Ecke, fragte barsch: „Was zum Teufel ist denn hier los?“ und sprach damit den längsten Satz aus, den Hannes bislang von ihm gehört hatte, wodurch die Frage umso bedrohlicher wirkte.
Keiner antwortete. Kaumanns versank mit der Nase in einem Setzkasten, und Dyckers schob sich geschickt hinter dem Rücken des Juniors aus der Gasse. Der Junior besah kurz den Lehrling, dann drehte er sich ohne ein weiteres Wort auf dem Absatz um und ging.

Hannes wischte sich aufatmend mit dem Kittelärmel das Gesicht und strich sich mit den Fingern die nasse Haarfrisur zurecht. Die hatte wohl früher bei seinem Dorffriseur „Caesarschnitt“ geheißen. Doch dann hatte man ihn anderswo belehrt: „Von wegen, Caesarfrisur! Dein Friseur hat keine Ahnung!“ nein, das sei ganz klar eine Beatlesfrisur, die er da auf seinem Kopf habe. Über Nacht war sie also sozusagen mutiert, zuerst gegen seinen Willen, doch dann fügte er sich. Wirklich bedauerlich fand Hannes dagegen, dass sich in den elenden Bleiwüsten der Schriftkästen nun also doch kein Leben regen sollte.