Jüngling der Schwarzen Kunst – Leergut muss zurück

Dyckers hielt Hannes die leere Limonadenflasche hin.
„Also mach schon, Nettesheim!“
„Ich trau mich nicht!“
„Du hast es einmal gemacht, dann kannste es auch zweimal tun!“
„Komm jetzt her, Jüngling, ich werde gleich ärgerlich!“ sagte Kaumanns und stand schon bei den Bodoni-Setzkästen am Ende der Gasse, die wie Treppenstufen herausgezogen waren.
Es war wieder so ein glutheißer Arbeitstag. Es roch unangenehm nach altem Holz, bleihaltigem Staub und Schweiß. Nein, eigentlich war nicht klar, woraus sich der leicht säuerliche Geruch zusammensetzte. Manchmal meinte Hannes, eine der Geruchsquellen gefunden zu haben, beugte sich nieder, vergewisserte sich schnüffelnd und stellte erstaunt fest, dass es gar nicht roch. Im Glashaus flirrte die Luft und heizte den ganzen Setzereisaal auf. Völlig wirkungslos drehte der Ventilator in der Wand sein Kleeblatt, während die Uhr daneben stillzustehen schien.

Die Hitze hatte in ihren Hirnen Blasen geschlagen, denn Dyckers und Kaumanns waren auf die Idee gekommen, Hannes solle ihnen vom Balkon der Restaurantbesitzerin eine Limonade stehlen. Sie hatten ihn mit bösartiger Energie dazu gedrängt und sogar geschlagen, bis er nachgab, über die Setzkästen hochkletterte und sich aus dem Fensterchen wand. Auf dem Balkon war er blitzschnell gewesen, hatte kaum die abblätternde grüne Leimfarbe wahrgenommen, die dem Balkon einen Anflug von Feuchte und Kühle gab, hatte in den Kasten gegriffen, eine Flasche herausgezogen und war wieder in die Fensterluke eingetaucht, zurück in die Gluthitze ihres Treibhauses. Er hatte eine Orangenlimonade der Firma BRONNI erwischt. Dyckers hatte gemeckert, er wolle eigentlich lieber Zitronenlimonade.

Eben war Hannes wie besinnungslos gewesen, doch jetzt sah er das Ungeheuerliche dessen, was sie ihm angehängt hatten.
„Du verstehst doch, dass es auffällt, wenn eine Flasche fehlt!“,sagte Dyckers.
„Und glaubst du vielleicht, die Alte wird uns verdächtigen? Guck dir Herrn Dyckers an! Passt der vielleicht durch das Fenster?“
Hannes wagte einen abschätzigen Blick auf Dyckers Leibesfülle. Sie hatten Recht. Er selbst hatte sich kaum durch den Rahmen zwängen können. Niemandem außer ihm wäre das möglich. Wie schlau sie waren. Besonders Dyckers war so furchtbar gerissen. Ja, er hatte auch die mittlere Reife und war hier fast allen überlegen. Beinahe alles, was Kaumanns sagte und tat, hatte Dyckers ihm eingegeben.

Mit zitternden Knien stieg Hannes wieder auf die Bodonikästen. Kaumanns reicht ihm die leere Flasche. Der Balkon lag verlassen da, aber was wusste Hannes, wer hinter den Gardinen der vielen Fenster des Hinterhofs nach draußen lauert? Er streckte den Arm durchs Fenster und stellte die Flasche außen an der Setzereiwand ab. Nur nicht mit Diebesgut in der Hand erwischt werden! Jetzt kam das Schlimmste, denn sobald sein Oberkörper im Fensterrahmen steckte, war er so gut wie hilflos. Er wand sich rücklings hinaus, bis er, auf dem Fensterrahmen sitzend, von außen auf das Glasdach langen und sich hochziehen konnte. Dann zog er die Beine nach, stellt die Füße auf den Rahmen und sprang aus der Hocke ab. Dabei streift er die Flasche, so dass sie klirrend umfiel und leise ausklingend einen Halbkreis beschrieb. Er duckte sich erschrocken, nahm die Flasche und bewegte sich auf seinen Hacken zum Kastenstapel. Kurz davor strauchelt er und hatte seine liebe Mühe mit sich selbst, weil einer seiner Kittelschöße unter seinen Fuß geraten war. Der Kittel zog sich stramm und krachte in allen Nähten. Auch das noch. Er ließ die Flasche vorsichtig in den Kasten gleiten und glaubte sich fast außer Gefahr, als ihn ein entsetzliches Scheppern herumfahren ließ. Der Ventilatordeckel, der eben noch offen gestanden hatte, wippte albern auf und ab, und mit jedem Niedergehen schlugen die Ventilatorflügel gefährlich ratternd in das Deckelblech, kamen, indem es sich schloss, fast zum Stillstand, um sich sogleich wieder freizukämpfen und erneut durch die Blechdose zu ratschen. Es war wie ein alptraumartiges Weckerrasseln, das den Hinterhof aus seiner Verschlafenheit reißen und seine Augentore öffnen sollte.
Dann rief jemand zum Fenster hinaus:
„He, Jüngling, was machst du da draußen auf dem Balkon!? Kommst du wohl wieder rein!!“
Hannes geriet in Panik und quetschte sich derart kopflos durch den eisernen Fensterrahmen, dass er sich einen langen Striemen über sein mageres Brustbein schürfte.
Wieder auf dem Boden des Glashauses, stand er am ganzen Körper zitternd da und starrte die beiden fassungslos an. Wer von den vergnügten Gesellen gerufen und wer die Schnur der Ventilatorklappe gezogen hatte, war nicht mehr auszumachen, denn beide standen sie an ihren Setzkästen, mit den Winkelhaken in der Hand, und pfiffen sich eins. Hannes rannte aus der Gasse und weinte.

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