Jüngling der Schwarzen Kunst – Wissen wollen

Im Vorraum der Pfarrkirche St. Martinus zu Nettesheim hing am Schwarzen Brett ein Index für Zeitschriften. Er hatte sechs Rubriken von „anzuraten“ über „bedenklich“ bis „abzulehnen.“ „Anzuraten“ waren die Kirchenzeitung und das katholische Liboriusblatt. Alle Illustrierten standen in der Rubrik „Abzulehnen.“ Dabei war das darin abgedruckte Bildmaterial harmlos, soweit Hannes sie von den Friseurbesuchen kannte. Seine Tante Käthe hatte die Hör zu abonniert. Hannes blätterte gern darin, auch, um herauszufinden, warum sie auf dem Index in der 5. Rubrik „bedenklich“ stand. Den Grund konnte er nicht ausmachen. Er fand allerdings eine Anzeige der „famous artists school“, die als Zeichentest getarnt war. Man sollte eine Liniengrafik zeichnerisch erweitern und einschicken. Hannes hatte derlei schon gemacht, und zwar, als er beim renommierten Kölner Bachem Verlag die Aufnahmeprüfung für eine Schriftsetzerlehre gemacht und natürlich nicht bestanden hatte. Zu gering waren seine Kenntnisse nach achtjähriger Schulzeit in einer dreiklassigen Volksschule auf dem Land. Er hatte auf einem Prüfungsblatt ebenfalls etwas zeichnerisch erweitern sollen. Es waren auf dem Blatt einige Haken vorgegeben, und Hannes hatte ungelenke Selbstfahrer von der Kirmes daraus gemacht. Der Zeichentest in der „Hör zu“ bot mehr Freiheit. Hannes zeichnete ein Männlein so gut es ging auf dem glatten Papier der Illustrierten, schnitt das aus und klebte die Zeichnung auf eine Postkarte. Von Neuß aus sandte er die an eine Adresse in Amsterdam.

Wochen später kam Hannes eines Abends nach Hause, und in ihrer Dachwohnung saß bei seiner Mutter ein Vertreter der famous artists school (fa), behauptete, Hannes habe Talent bewiesen und bewarb einen Fernkurs für Grafiker. Er hatte drei DIN-A3-große, schwere ringgeheftete Lehrbücher bei sich, Band 1 in Weinrot, Band 2 in Blau, Band 3 in Gelb. Dazu gehörten drei kleinere Bücher mit den deutschen Übersetzungen der US-amerikanischen Lehrgänge. Geschickt blätterte der Vertreter den weinroten Band vor Hannes auf. Dessen neugieriger Blick fiel auf die Fotografien eines Aktmodells in verschiedenen Posen. Außer auf dem Foto im Kittel des Juniors hatte Hannes noch nie eine nackte Frau gesehen. Selbst die laut Index abzulehnenden Illustrierten bildeten allenfalls leicht bekleidete Filmstars und -sternchen ab. Jetzt wollte Hannes den Fernkursus unbedingt machen. Seine Mutter erwog, ob sie die monatlichen Raten von 29,90 DM aufbringen konnte. Eigentlich nicht, das war ein Drittel vom Monatslohn ihres Sohnes. Aber andererseits, wenn der Junge vorankommen wollte, brauchte er Unterstützung. Nach kurzem Zögern unterschrieb sie den Vertrag.

In den Büchern der fa waren Zeichnungen der Schulgründer, namhafter US-Grafiker wie Albert Dorne, Norman Rockwell, Al Parker, Ben Stahl, sehr gut analysiert vom Entwurf über mögliche Varianten hinsichtlich der Bildkomposition. Auch waren die jeweils nötigen Materialien dargestellt und erörtert. Vorgestellt wurden auch diverse Zeichentechniken durch Variationen des gleichen Motivs. Am Schluss jedes Kapitels waren gelbe Seiten beigeheftet mit Aufgaben des Fernkurs. Für die erste Lektion zeichnete Hannes eine Landschaft mit einer großen Tanne, sandte die Zeichnung nach Amsterdam und bekam sie zurück mit darübergelegtem Transparentpapier, worauf ein Zeichenlehrer einige Stellen hervorgehoben und korrigiert hatte. Dabei stand: „Für den Anfang ganz gut, Herr Overlack, weiter so!“

Hannes war froh, fand die Korrekturen hilfreich, ahnte aber schon, dass der Kurs über seine Möglichkeiten hinausging. Er hatte in seiner Dachstube keinen Arbeitstisch. Die Kommode, woran er unbequem saß und nur schlecht arbeiten konnte, stand an der Wand gegenüber dem Fensterchen, so dass er sich im Licht saß. Für Folgekurse benötigte er diverse Bleistifte mit verschiedenen Härtegraden, einen Knetradiergummi und Zeichenkarton, was er nur in Neuß bekommen konnte. Das Geld dafür hatte er nicht übrig, und er wollte seine Mutter nicht zusätzlich damit belasten. Außerdem war er nach der Arbeit und zwölfstündiger Abwesenheit von zu Hause zu erschöpft, und die wenigen Stunden Freizeit reichten kaum, noch etwas Sinnvolles zu tun. Er schaffte es nicht einmal, das tägliche Berichtsheft zu führen, zu schweigen vom obligatorischen Wochenbericht. Es blieb also vorerst bei dieser einzigen Einsendung an die Fernschule, und je länger Hannes die nächsten Aufgaben vor sich herschob, desto unwahrscheinlicher wurde, dass er sie bearbeiten würde. Seine Mutter drängte und kontrollierte ihn nicht. Sie dachte gewiss, dass sie den Fernkursus zu leichtfertig abgeschlossen hatte, denn sie ahnte die Schwierigkeiten ihres Sohnes. Gelegentlich machte Hannes autodidaktisch weiter, denn das Kursmaterial war hervorragend und durchaus motivierend, nicht nur, was die Aktzeichnungen betraf.

Seite aus Band 1 des Zeichenlehrgangs der famous artists school


„Was willst du werden, Jüngling, Grafiker?“, fragte Kaumanns und zwinkerte Dyckers zu. „Und was machst du, wenn der Graf tot ist?“
Die beiden lachten wiehernd. Doch Hannes wusste, wie sehr sie den Berufsstand der Grafiker beneideten. Das Schriftsetzerhandwerk war im Niedergang. Immer öfter wurden die Drucksachenentwürfe von Grafikern gemacht, und die Setzer mussten sich genauestens an deren Vorgaben halten.

In der Berufsschule bekam Hannes regelmäßig eine Fachzeitschrift.Graphisches abc war ein dünnes Heft im DIN-A5-Format mit Aufsätzen zur Schriftgeschichte, zur Typographie, zur Orthographie und dergleichen. Allmonatlich brachte Direktor Fischéll, bei dem sie Fachrechnen hatten, einen Stapel davon mit und pfefferte ihnen die Heftchen nachlässig auf die Tische. Ihn schien daran nur zu interessieren, wie genau er die Tische treffen konnte, wenn er die Heftchen vom Gang aus verteilte mit einer Geste, die Hannes an einen Sämann erinnerte. Fischélls ganzer Ehrgeiz war, dass die Heftchen auf die Tische segelten und zielgenau liegen blieben. Obwohl ihr Inhalt niemals Gegenstand des Unterrichts war, las Hannes die Aufsätze im Grafisches abc sorgfältig. Da erfuhr er Dinge über seinen Beruf, von denen die gewöhnlichen Schriftsetzer des Verlags offenbar keine Ahnung hatten. Wer den ganzen Tag Trauerbriefe, Vermählungsanzeigen oder Briefbögen setzte und den Maschinensatz für die Kirchenzeitung zusammenkloppte, musste freilich nicht wissen, wie lebendig die typografische Diskussion vor der Naziherrschaft gewesen war, musste die Namen Jan Tschichold, Paul Renner, Kurt Schwitters und El Lissitzky nie gehört haben. Freilich konnte man in der Zeit der typografischen Barbarei die Namen der Gestorbenen aus der Futura setzen, ohne etwas von ihrem Gestalter Paul Renner zu wissen. Renners klare Groteskschrift erschien 1928 und ist erkennbar vom Geist des Bauhaus geprägt, obwohl Renner in Frankfurt und später in München arbeitete, wo er die Meisterschule für Deutschlands Buchdrucker leitete.
Die streng geometrische Futura fußt auf den Grundformen Kreis, Quadrat und Dreieck. Die Futura war Hannes vertraut. Es war die erste Schrift, mit der er gearbeitet hatte. Doch er wunderte sich, dass niemandem in der Setzerei auffiel, wie unpassend die Futura ihrem Charakter nach für Trauerbriefe war. Irgendein ahnungsloser Schriftsetzer, vermutlich der Junior, musste einmal ein Trauerbriefmuster aus der Futura gesetzt haben, obwohl die Schrift eher für Schilder an Bahnhöfen geeignet war. Der Entwurf war in das Musterbuch geraten, das die Verlagssekretärin vorhielt, um Kunden zu beraten, und jetzt wurden die Trauerbriefe immer so gemacht. Kein Wunder, wenn bessere Drucksachen von Grafikern entworfen werden, dachte Hannes.

Die Gesellen redeten voller Ehrfurcht von besonderen Setzereien, die eng mit Grafikern zusammenarbeiteten und sich auf die Herstellung von Druckvorlagen spezialisiert hatten, die auf Barytpapier abgezogen wurden, das wegen einer Kreidebeschichtung besonders kontrastreich war. „Nettesheim, da arbeiten nur die besten!“, sagt Dyckers, und es war klar, dass er sich für so einen Edelschriftsetzer hielt, dem dort ein Platz angemessen wäre.