Jüngling der Schwarze Kunst – Fliegenkopf

Ein weiterer Text wurde von frechen Fingern offengelegt, noch mehr Pornographie, in Versform gehalten. Ein schweinisches Leipogramm. Er enthielt, obwohl beträchtlich lang, tatsächlich kein einziges „E“. He! Ein Text ohne e, das faszinierte Hannes. Wo doch das E sonst so häufig vorkommt. In allen Setzkästen war das E-Fach am besten gefüllt, es sei denn, man hat lange nichts mehr abgelegt. Wenn man einen längeren Text zu setzen hatte, konnte es vorkommen, dass plötzlich alle E aufgebraucht waren. Es gehörte zum täglichen Brot der Setzer, in ausgedruckten Formen nach dem E zu suchen. Manchmal mussten sie in der Not sogar E aus Stehsatz herausziehen.

In diesem Fall wurd dann das E durch eine gleichbreite Letter ersetzt, die aber zur Kennzeichnung auf den Kopf gestellt werden musste. Blieb ein derartig „blindgeschlagener“ Buchstabe einmal versehentlich in einer Form und wurde mitgedruckt, so hatte man einen „Fliegenkopf“ fabriziert. Hannes hätte gerne ausführlich über Texte ohne e nachgedacht, aber Rosi, die Domptöse, spukte ihm durch den Kopf und machte alle Gedanken wirr. Das also trug der Junior in seinem grauen Kittel auf dem Herzen spazieren.

Drei Dinge fielen dem neuen Lehrling besonders schwer: Morgens ein Gebäude zu betreten und es erst am späten Nachmittag wieder verlassen zu dürfen; das Verbot, während der Arbeit Privatgespräche zu führen; und besonders das Stehen den ganzen langen Arbeitstag über. Der Geselle Dieter Monitz erzählte, er habe mal eine moderne Setzerei gesehen, in der die Setzer auf fahrbaren Stühlen saßen und in der Gasse herumglitten, wobei sie sich immer mit den Füßen abgestoßen hätten und herumgesaust seien. Die Setzkästen hätte man dort aus dem Magazin anfordern müssen, und sie wären dann über ein Fördersystem an den Arbeitsplatz des Setzers transportiert worden. Und alles sei in bequemer Sitzhöhe arrangiert gewesen. Hannes erfuhr nie, ob es diesen Schriftsetzerhimmel tatsächlich gab oder ob er nur ein Mythos war. Er musste stehen, egal wie die Beine schmerzten. Es gab keinen Stuhl in den Regalgassen, damit die Setzer erst gar nicht in Versuchung gerieten. Gegen müde Beine riet man ihm, die Unterschenkel gelegentlich abwechselnd anzuwinkeln, ruckartig mit den Hacken gegen das Gesäß zu schlagen. Das helfe, die Durchblutung wieder anzuregen. Hannes fand das entwürdigend, als trete sich der Arbeitsmann selbst in den Hintern und treibe sich zur Arbeit an, als ob dieses Geschäft nicht schon ausreichend genug die Chefs besorgten.

Dyckers zeigte ihm, wie sich ein beinahe bequemer Sitz improvisieren ließ. Man zog zunächst einen Setzkasten unterhalb der gewünschten Sitzhöhe zur Hälfte aus dem Regalfach. Dann konnte man den Kasten darüber unbedenklich zu Dreiviertel herausziehen und sich auf ihm niederlassen, da er von dem Kasten darunter ausreichend gestützt wurde. So saßen sie oft, mit den Unterarmen auf den Knien, ließen die Hände baumeln, und Dyckers erklärte Hannes die Welt. Dyckers gehörte überhaupt zu den Typen, die es sich überall mit den zur Verfügung stehenden Mitteln bequem zu machen verstehen, egal wie gering sie auch den meisten Leuten erscheinen.

Im Glashaus gab es einen Schrank, worin diverse Materialien gelagert waren. Ganz unten lag eine ockerfarbene Decke. An einem glutheißen Augusttag ließ Dyckers sich von Hannes mit dieser Decke ein Zeltdach improvisieren. Er legte den grauen Kittel ab und hockte sich wie ein feister geölter König unter den Baldachin, allein mit knappen schwarzen Boxershorts bekleidet. Als Hannes am späten Nachmittag die Decke wieder zusammenfaltete, sagte Dyckers: „Siehst du die Flecken da?“
„Wo?“
„Na, da in der Mitte!“
Er zeigte sie ihm.
„Das sind Sportflecken! Auf der Decke habe ich schon die Sekretärin gevögelt!“
„Unsere Sekretärin!?“
Hannes war entsetzt. Dieses rehäugige sanfte Mädchen sollte mit Dyckers im Glashaus gelegen haben! Mit dem Kerl?! Auf dieser schäbigen Decke? Ja, war denn die ganze Welt aus den Fugen?
„In der Pause. Die war schon die ganze Zeit hinter mir her. Und wenn ich wollte, könnte ich die jederzeit wieder vögeln.“
„Jederzeit? Aber ich dachte, die will nächsten Monat heiraten?“
„Na, dann natürlich nicht, Nettesheim! Aber danach wieder. Den Verlobten von ihr, den kenne ich. Das ist ein richtiger Brathahn. Bei dem macht die doch, was sie will, die geile Schlampe!“
Nettesheim sah noch einmal auf die Decke. Da waren unverkennbar Flecken. Aber wusste er, wie „Sportflecken“ aussahen, besonders alte Sportflecken? Pfui Teufel, und er musste mit der Decke herummachen! Warum hatte Dyckers sie nicht in die Wäsche gegeben? Etwa aus dem gleichen Grund, aus dem andere die Hand nicht mehr waschen, nachdem sie ihnen ein Prominenter geschüttelt hat?
„Hier! Ungewaschen! Uuungeewaschen!“