Jüngling der Schwarzen Kunst – Heidnisch

Hannes musste endlich die Anordnung des Setzkastens lernen. Zu lange hatten sie ihn mit den Steckkästen hantieren lassen, wo das Alphabet noch herrscht. Es wurde Zeit, ihn die streng systematische Aufteilung zeichnen zu lassen, die mit dem überlieferten Alphabet gebrochen hatte. Sie geben ihm einen Tag für die Zeichnung und drei Tage, sich die Lage der Buchstaben einzuprägen.

Es gab zwei Setzkastengrößen. Die meisten Schriften lagerten in den kleineren Kästen. Im Glashaus lagen nur die schöne, klare Futura, die gefällige Times und die lügenhafte Schreibmaschinenschrift in den großen Kästen. Sie waren so breit, dass ein Mann sie gerade umspannen und heben konnte. Die Fächer der großen Kästen waren tief und fassten genug Lettern für umfangreiche Texte. Es waren die Kästen für die Brotschriften, die Schriftgrade 8, 9 und 10 Punkt, so genannt, weil der Setzer mit ihnen einst sein Brot verdient hatte, vor der Erfindung der Setzmaschine. Sechs Setzer waren damals nötig, um einen Drucker mit Arbeit zu versorgen. Später wurden große Textmengen von den Maschinensetzern erfasst. Die Handsetzer verdienten ihr Brot mit kleineren Arbeiten, sogenannten Akzidenzdrucksachen.

Der innere Bereich des Kastens, dort wo der Setzer zu stehen pflegte, war den häufigsten Buchstaben vorbehalten. Hannes fand einen Merkspruch für die elf Fächer in der Mitte: „turv-mino-a ed“. Den brummelte er den ganzen Tag daher. Das klang wie ein Bruchstück aus einer Heidensprache. Zu Recht, denn hatte nicht der Bruch mit der überlieferten Alphabetfolge etwas Heidnisches? [Setzkasten vergrößern: Bitte Klicken]

Die Setzer hatten den Juniorchef in ihren Reihen. Der Alte hatte ihn da hingestellt, denn er wünschte sich einen Nachfolger, der alles von der Pike auf gelernt hat. Eigentlich war der Junior Konditor gewesen. Doch sein älterer Bruder, auf dem die ganze Hoffnung des Verlags gelegen hatte, war nicht aus russischer Gefangenschaft zurückgekehrt. Der Junior hatte deshalb in die großen Fußstapfen seines Bruders treten und umschulen müssen. Als Hannes in die Lehre kam, bereitete der Junior sich gerade auf die Meisterprüfung vor. Sein Status war seltsam. Die Firmenleitung hatte uneingeschränkt der Alte. Den Posten des Setzereileiters konnte nur ein Schriftsetzermeister ausfüllen. Deshalb galt er als vakant. Der Junior hatte einen Arbeitstisch in der ersten Gasse, direkt bei der Abziehpresse für die Korrekturfahnen. Dort skizzierte er Entwürfe, bereitete Aufträge vor oder büffelte für den Meisterkurs. Manchmal setzte er auch, und deshalb trug er wie die anderen einen grauen Kittel. Er war ein verbissener Schweiger, ein schreckliches Vorbild für alle anderen, denn während der Arbeit waren Privatgespräche streng untersagt. Vielleicht dekoriert er im Geiste dreistöckige Hochzeitstorten oder formt Maumännchen aus Marzipan, vermutete Hannes. Solange der Junior im Setzereisaal war, lastete ein unheimliches Stillschweigen auf den Setzern, das nur durch arbeitsbedingte Äußerungen unterbrochen wurde. Alle warteten und hofften, dass er die Setzerei verlassen würde. Das geschah fast täglich einmal, wenn er fuhr, um Kunden zu besuchen. Sein Aufbruch kündigte sich jeweils lange vorher schon an, als ein quälend gleichförmig ablaufendes Ritual, dessen Ende die Setzer kaum noch erwarten konnten.

Zuerst eilte er durch die Gassen, um zu schauen, ob alle mit Arbeit versorgt waren. Dann wusch er sich die Hände, besuchte das Klosett, kam zurück, zog den grauen Kittel aus und hängte ihn neben das Waschbecken an einen unbenutzten Handtuchhaken. Wusch sich erneut die Hände, knuddelte ausgiebig das Handtuch, hielt mit einem eigenartig verlorenen Blick Umschau, ging dann endlich in seine Gasse und schlüpfte dort in das Jackett mit Fischgrätmuster. Dies alles geschah wie in großer Hast, als hätte er mit seinem Aufbruch bis auf den letzten Moment gewartet. Zweimal blitzte sein grauer Bürstenhaarschnitt noch auf: Nachdem er sich nebenan in der Buchbinderei abgemeldet hatte und wenn er endlich durch die zweiflügelige Pendeltür nach draußen stieß.

Alle atmeten auf. Für die Gesellen begann jetzt die Zeit schier unbegrenzter Machtfülle, und Hannes war der einzige Untertan.
Dreist durchsuchten Kaumans und Dyckers die Kitteltaschen des Juniors.
„Komm mal her, Jüngling!“ rief Kaumanns, „und guck dir an, was dein Chef in seinem Kittel hat!“
Sie breiteten den Inhalt der Brusttasche auf dem Tisch aus. Zwischen einigen gefalteten Papieren steckte ein Aktfoto, schwarzweiß, ein echter Abzug, kein Druck. Es klemmte, mit einer großen Büroklammer befestigt, hinter einem Papiermuster, auf dem „120 g/holzfrei chamois“ stand. Zu sehen war eine hübsche Frau mit kurzen Haaren, die auf dem Bauch lag und den Unterkörper leicht angehoben hielt. Sie war von hinten fotografiert und gab den Blick auf ihr blankes Geschlecht frei. Ihren Oberkörper hatte sie leicht zur Seite gebogen, so dass man ihre kleine rechte Brust sehen kann. Sie selbst schaut streng über ihre Schulter hinweg in die Kamera.
„Na, ist das wohl seine Frau?“ höhnte Dyckers.
„Nnnö“, stammelt Nettesheim verlegen und errötet.
„Und das hier dürfen wir dir überhaupt nicht geben!“, sagte Dyckers.
Er entfaltet vorsichtig die abgegriffene Fotokopie eines pornographischen Textes, die vom häufigen Auf- und Zufalten an den Knicken schon ganz brüchig und rissig ist. Das Blatt war eng mit Schreibmaschine beschrieben und voller Tippfehler, als hätte der Schreiber vor lauter Aufregung die rechten Tasten nicht getroffen. „Rosi dressiert einen Löwen“ lautete die Überschrift. Dyckers ließ Hannes nur einen kurzen Blick darauf werfen, doch das reichte, ihn heftige zu schocken, denn er war ein schneller Leser, und was er dort mit einem Blick erfasst hatte, erzählte in derben Worten von den ausgefallenen sodomitischen Praktiken einer Dompteuse. Das ist nun völlig abseits von allem, was Hannes je gehört hat. Er konnte nicht fassen, was dort über die Kunst des Löwenbändigens geschrieben stand.

2 Kommentare zu “Jüngling der Schwarzen Kunst – Heidnisch

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