Blätter, Blattwerk, Laub, Gedöns und Coster

Tatsächlich jongliere ich derzeit mit drei Brillen, was bedeutet, dass ich je nach Anforderung eine andere aufsetze. Die Gleitsichtbrille ertrage ich nur kurze Zeit, denn wo ich früher Laub gesehen habe, erblicke ich jetzt einzelne Blätter. Zu viele Details in meinem Leben, das ermüdet, weil es nicht zu bewältigen ist. Der Mensch muss abstrahieren, muss Erscheinungen bündeln wie beispielsweise Blätter zu Laub. Akademische Maler der Vergangenheit beherrschten den Eichen- oder den Buchenschlag, jene Form der raschen Pinselführung, mit der sich das Typische von Blattwerk darstellen ließ, ohne jedes Blatt einzeln malen zu müssen.

Trotzdem wäre was zum Fallen einzelner Blätter zu sagen. Wenn der Wind nur ein Weniges weht, dann regnen die Blätter unentwegt von den Bäumen. Man könnte einwenden, regnen sei das falsche Verb, der Regen regnet, also Wasser, obwohl es manchmal Hunde und Katzen regnen soll, und die Weather Girls sogar von regnenden Männern sangen, was überaus befremdlich wäre, wenns tatsächlich beobachtet würde, außer natürlich in Wirtschaftskrisen.

Über das Befremdliche regnender Blätter wird sich zu wenig gewundert. Ja, wäre man jetzt nicht von hier, sondern käme von einem Planeten eines fernen Sonnensystems, wo Bäume gänzlich unbekannt sind, dann würde man sich wundern über diese Verschwendung. Ist nicht schon die Herkunft eines Blattes ein Wunder? Da sprosst aus hartem Holz eine Blattknospe. Hallo? Brauchen sich nicht gleich zu schütteln, Herr Außerirdischer! Aber verstehen kann ich ihn wohl. Ob Ast oder Zweig, so festgefügt im Winter. Kaum zu glauben, dass das harte Holz im Frühjahr aufbrechen wird, Knospen gleich Geschwüren austreibt, und für Menschenaugen viel zu langsam entfaltet sich ein feingeädertes Blatt, das in der Lage ist, Photosynthese zu betreiben. Und diese filigranen Miniaturkraftwerke werden im Herbst nochmal frisch in Rot, Gelb und Braun eingefärbt, bevor sie sich von ihren angestammten Plätzen lösen und zu Boden segeln.

Gelöschte Pixel – Foto: JvdL

Genug geschaut. Mein Schreibtischstuhl ächzte und knarrte fürchterlich.
„Gnade, Coster! Wie schaffen Sie es nur, meinem Bürostuhl solchen Krach zu entlocken?“

Costers Geist grinste. „Pataphysik, was sonst?“

„In meiner Diele steht ein Paket mit einem neuen Bürostuhl. Ich muss ihn nur noch zusammenbauen, dann kann ich Ihnen das Handwerk legen.“

Coster schaute desinteressiert aus dem Fenster. „Ich sehe die ersten Blätter fallen. Die Bäume werfen ihre Augen ab.“

„Eine schöne Metapher.“

„Gar nicht metaphorisch. Die Eiche dort drüben, als im Frühling ihre empfindlichen Blätter grünten, nahmen sie mit Licht und Schatten ihre Umgebung wahr, und nach und nach prägte sich ins Laub ein Abbild der Straße, der Litfaßsäule auf der Ecke, des Hauses hier, der Hausreihe gegenüber – wie auf ungezählten photographischen Platten. Das Abbild wird Pixel für Pixel ausgewischt, wie die Blätter fallen. Die Bäume verschließen die Augen vor der Welt, gehen in sich und hoffen auf ein besseres Bild im nächsten Frühjahr.“

„Mag ja sein, dass die Blätter Licht und Schatten registrieren, aber es fehlt dem Baum ein Nervenzentrum, worin die Eindrücke koordiniert werden, so dass sie überhaupt was erkennen können. Und hoffen können sie folglich auch nicht.“

„Das ist das, was du glaubst, Trithemius, weil du in menschlichen Kategorien denkst.“

„Man hat in Bäumen noch kein Nervenzentrum gefunden.“

„Man hat im Menschen auch noch keine Seele gefunden. Trotzdem glauben Millionen Menschen, sie hätten eine. Nimm allein die Erkenntnis der Biologie, dass die Bäume des Waldes über ihr Wurzelwerk miteinander kommunizieren. Dabei wirken auch die Pilzgeflechte im Boden mit. Viele Pilze bilden mit Bäumen eine Symbiose. Vielleicht ist das Nervenzentrum eines Baumes ein Myzel oder ein Schleimpilz. Eines jedenfalls lässt sich sagen. Bäume wie alle Pflanzen außer den zuschnappenden Fleischfressern vielleicht sind langsam in der Zeit. Gehst du vor einem Baum vorbei, ist es für ihn ein rasendes Dahinwischen. Nur aus menschlicher Sicht bist du langsam. Für die Bäume bist du ein dahin wischender Geist. Redest du mit deiner Zimmerpalme, hört sie ein hohes Zwitschern.“

Der dubiose Ex-Professor für Pataphysik an der Technischen Hochschule Aachen lehnte sich zufrieden zurück und ließ meinen Bürostuhl ordentlich knarzen. “Na, Trithemius? Wieder was dazu gelernt“, sagte er leise lachend und verschwand.

Was zum Lachen

Ich kann keine Witze erzählen, weil ich die Pointe immer verlache. Dabei heißt es doch, man könnte sich selbst keinen Witz erzählen, weil man die überraschende Pointe schon kennt, sie folglich nicht überraschend kommen kann. Bei mir geht das schon. Verlacht habe ich auch das Gedicht Himmelsklöße von Joachim Ringelnatz, als ich es meiner Freundin vorlesen wollte. Es ist zu lustig. Lesen Sie selbst [Abdruck in originaler Orthographie]:

Himmelsklöße
(Das Spiel, das Frau Geheime Hofrat Anette von Belghausen Berlin S. W., Königgrätzerstr. 77I, als Kind so gern gespielt hat.)

Je mehr Kinder dabei mitmachen,
Umso mehr giebt es nachher zu lachen.

Dicke Papiere sind nicht zu gebrauchen.
Man muß Zeitung oder Briefe von Vaters Schreibtisch nehmen.
Keiner darf sich schämen,
Das Papier mit der Hand in den Nachttopf zu tauchen.
Wenn es ganz weich ist, wird es zu Klößen geballt
Und mit aller Wucht gegen die Decke geknallt.
Man darf auch vorher schnell noch Popel hineinkneten.
Solche Klöße bleiben oben minutenlang kleben.
Jedes Kind muß nun unter einen der Klöße treten
Und den offenen Mund nach der Decke erheben.
Vorher singen alle im Rund:
„Lieber Himmel tu uns kund,
Wer hat einen bösen Mund.“
Bis der erste Kloß runterfällt
Und trifft zum Beispiel Fannis Gesicht.
Dann wird die Fanni umstellt.
Und alle singen (nur Fanni nicht):
„Schweinehündin, Schweinehund!
Himmelsklöße taten kund:
Du hast einen bösen Mund.
Sperrt sie in den Kleiderschrank
Wegen ihrem Mordsgestank.“

Steckt eurem Vater frech die Zunge
Heraus. Und ruft: „Prost Lausejunge!“
Dann — wenn er vorher auch noch grollte —
Vergißt er, daß er euch prügeln wollte
(1924)

Herbstabend in Moll

Die bequeme Zufahrt zum Überweg ist durch fünf Exemplare der Scheuer-Idiotie verstellt. Ich halte seitlich ein wenig oberhalb, von wo ich die beiden Fahrspuren und die Straßenbahngleise überblicken kann. Als frei ist, rolle ich hinüber. Vom Herrenhausener Schloss donnert ein Lastenfahrrad heran. Dem lasse ich lieber die Vorfahrt. Eine Kollision wäre fatal. Der sonst belebte Vorplatz des Großen Gartens ist verwaist. Auch die Straße zwischen Georgengarten und der Graft des Großen Gartens scheint menschenleer zu sein. Doch da! Auf Höhe des Kassenhäuschens quert plötzlich ein Brautpaar die Straße, als wären sie geradewegs aus dem siebten Himmel gefallen.

Wo, zum Teufel, kommen die her? Die Kasse ist längst geschlossen. Im Weiterfahren schaue ich dem Paar hinterher. Das weiße Brautkleid wirkt im Dämmer fast grau, und er sieht in seinem schwarzen Frack aus wie ein Leichenbitter. Selten habe ich so ein trauriges Bild gesehen. Als wären schon am „schönsten Tag des Lebens“ alle Hoffnungen und Illusionen von ihnen abgefallen und vom Dämmer verschluckt worden. Vielleicht sind sie einbestellt gewesen von einem boshaften Hochzeitsfotografen. Jedenfalls sind ihr die Füße schwer und auch er kriegt sie nicht ordentlich hoch. Was jetzt noch kommen kann, ist Tristesse.

Jene Stunde der Dämmerung an einem stillen Herbstabend, wenn aus den Niederungen der Dunst aufstiegt und die Luft die Töne in Moll überträgt, mag ich nicht. Es ist jedenfalls keine Zeit für Hochzeitsfotografie.

Ich nähere mich der Autobahn. Wie ein zäher Brei aus unerschöpflicher Quelle zieht der Autolärm dahin, völlig gleichmäßig und eintönig, ohne je abzuebben oder anzuschwellen. Da möchte man gar nicht glauben, dass der Klangbrei von verschiedenen Automobilen erzeugt wird, die von einander völlig fremden Fahrern gesteuert werden. Wie viele müssen dicht auf dicht folgen, um gerade den Lärmbrei mit just dieser Konsistenz zu formen? Wer rührt den Brei an? Wer überwacht seine Klangfarbe? Wer ruft den sorgenden Familienvater weg vom Abendtisch und befiehlt ihm, seinen Platz in der Reihe einzunehmen? Jede Sekunde muss doch einer „Du bist gleich dran!“ hören, den Löffel auf den Esstisch fallen lassen oder von sonst wo sich erheben und in sein Auto springen, wo er den Zündschlüssel dreht und das Gaspedal trampelt, um seine gesellschaftliche Pflicht als Autofahrer zu erfüllen und Teil des Breis zu werden.

Glücklich zu Hause. Ich zünde ein Lichtlein an.

Mal was stapeln

Einmal fuhr ich mit dem ICE von Hamburg nach Hannover. Mit mir im Zugabteil saßen eine junge Frau und ein junger Mann. Beide kramten ihre Laptops hervor und im Nu war das Abteil erfüllt vom Prasseln der Tastaturen. Schon in den 1980-er Jahren schwärmte Umberto Eco davon, der Computer ermögliche, so schnell zu schreiben wie man denkt. Namentlich die junge Frau vor mir schien mir schneller zu schreiben als ich denke. Vielleicht beschleunigt sich das zielgerichtete Denken mit der Schreibgeschwindigkeit. Ich sehe das Denken dem Wirbel der Finger hinterherhecheln, und am Ende verliert es ganz die Bodenhaftung und wird atemlos mit fortgerissen. Eventuell macht man aber auch einfach zu viele Worte.

Ich habe mal zu lernen versucht, mit zehn Fingern zu schreiben, besorgte mir Übungshefte und übte auf einer mechanischen Schreibmaschine, wo die verquere Anordnung des Tastenfeldes besonders auffällt. Die Übungsbücher geben keine Auskunft über den Grund für die unhandliche Tastaturanordnung, sondern lehren tumb die Anpassung des Menschen an die Maschine. Ich begann in der Bibliothek zu recherchieren, und als ich den banalen Grund herausgefunden hatte [nachzulesen hier], verließ mich die Lust, das 10-Finger-System zu üben. Wissen kann manchmal hinderlich sein.

Bis zum Schlaganfall kamen wenigstens einige meiner Finger zum Einsatz. Seither tippe ich mit dem Zeigefinger der rechten Hand nach dem polizeibekannten Terroristensystem (jede Sekunde ist mit einem Anschlag zu rechnen). Der Daumen hat die Ehre, das Nichts hervorzubringen, nämlich den Wortzwischenraum. Benutze ich auch Finger der linken Hand, häufen sich die Fehler, und ich muss fast jedes Wort nachbearbeiten. Die technische Schrift, wie sie sich hier darstellt, tilgt all die expressiven Spuren, an denen man sonst leicht ablesen könnte, wie mühsam das Tippen für mich ist.

Mir ist jedoch klar, dass nur Herausforderungen den Menschen voran bringen. „Mit Material kann jeder arbeiten“, sagte der Geselle in meiner Lehrzeit zu mir, wenn ich mich über fehlendes Setzmaterial beklagte. Abgewandelt: „Unter guten Bedingungen etwas zu leisten, ist keine Kunst.“ Ich habe einen Berg Arbeit vor mir, weshalb ich mich ein bisschen in die Emigration zurückziehen muss. Denn ich werde wieder mit der Hand zeichnen. Seit Tagen versuche ich mich innerlich darauf einzustellen, war kürzlich im Laden für Künstlerbedarf und habe mir neues Zeichengerät und -material besorgt. Gut zehn Illustrationen werden nötig sein.

Mal was stapeln

Vor Jahren fand ich dieses ermutigende Foto. Der Brikettberg ist ein einziges Chaos. Man darf sich davon nicht abschrecken lassen, muss es machen wie der Mann, der sich heiter auf dem Berg niedergelassen hat und einfach irgendwo zu stapeln anfängt. An ihm will ich mir ein Beispiel nehmen. Wünschen Sie mir eine glückliche Hand. Ich werde gelegentlich berichten.

Wir lesen uns, Ihr

Wenn Fußböden sich erheben

Einmal wurde mir für eine Untersuchung Blut abgezapft. In der Praxis bat man mich, die Reagenzgläser beim Hinausgehen mitzunehmen und ins Labor auf der gleichen Etage zu bringen. Ich trug arglos mein Blut hin. Draußen wurde mir speiübel. Ich überquerte die Straße und strebte einer Sitzbank zu. Doch dann spürte ich, dass ich sie nicht mehr erreichen würde und fragte eine Passantin: „Können Sie mir helfen, mir wird schlecht?“ In diesem Augenblick erhob sich der Bürgersteig und klatschte mir ins Gesicht. Ich spürte keinen Schmerz. Alle Sinne waren in Ohnmacht gefallen, der Sinn des Sehens zuletzt. Als ich erwachte, hörte ich eine Männerstimme: „Ruhisch, janz ruhisch, jlich kütt Hilfe!“

Ich bin doch ruhig, dachte ich, hob den Kopf und sah auf der anderen Straßenseite einen Arzt im weißen Kittel. Bei ihm war die Frau von eben. Die beiden warteten auf eine Lücke im Verkehr und eilten auf mich zu. Der Arzt beugte sich zu mir herab und fragte, was passiert sei. Ich erklärte, dass ich mein Blut spazieren getragen hätte und mir davon schlecht geworden sei. Man half mir auf, und ich bedankte mich für die Hilfe. Die Frau hatte übrigens den Nächstbesten geholt. Es war ein Frauenarzt.

Gestern habe ich erneut den Boden geküsst, ohne zu wissen, wie ich hingekommen war. Dass er sich gegen mich erhoben hätte wie damals der Bürgersteig, will ich nicht behaupten, denn es war finstre Nacht, als es geschah. Alles hatte ganz romantisch an einem Feuer im Garten begonnen, wozu uns zwei junge Leute eingeladen hatten. Sie grillten etwas und rösteten Kartoffeln in der Glut. Meine Lebenspartnerin und ich saßen in Decken gehüllt auf einer Bank, denn es war eine herbstlich kalte Nacht. Ich trank reichlich Pinot Grigio. Den hätte ich nur so in mich hineingeschüttet, sagte sie später. Aber ich hatte keine Bedenken, denn einst hatte mein lebenskluger Freund Herr Leisetöne zu mir gesagt: „Mit Pinot Grigio machst du nichts falsch.“

Aber zuviel davon macht mir nächtliche Wadenkrämpfe. So auch in dieser Nacht. Ich setzte mich auf und stellte den Fuß auf den Boden, damit der Krampf sich löste. Kurz darauf küsste ich den Dielenboden, sehr zu meinem Erstaunen und zum Schrecken meiner Partnerin. Die Blessuren halten sich glücklicherweise in Grenzen, und ich habe beschlossen, auch beim Alkohol engere Grenzen zu ziehen. Von Mahnschreiben und erhobenen Zeigefingern bitte ich abzusehen.

„Muchas gracias. ?Como puedo iniciar sesion?“

Irgendwo auf der Welt sitzt ein lästiger Mensch, der einen Spam-Bot so eingerichtet hat, dass er mir ständig den Kommentarbereich zumüllt mit „Muchas gracias. ?Como puedo iniciar sesion?“ [Ich danke Ihnen vielmals. Wie melde ich mich an?]. Den Satz erkennt DeepL als Spanisch. Korrekt wäre freilich „… ¿Cómo me inscribo?“ Eine spanische Tastatur sollte das kopfstehende Fragezeichen bereitstellen. Gegen den Sitz in Spanien spricht auch, dass das Statistik-Tool nicht immer Spanien ausweist, wenn derlei Spam-Kommentare eingetrudelt sind. Wenn ich einige Tage nicht zu Hause war, können das schon mal an die hundert sein, und als erstes lösche ich also Spam. Derweil ich mich mit dieser sinnlosen Müh befasse, frage ich mich, was denn der Veranlasser davon hat? Sitzt irgendwo ein pickliger Pubertätsinvalider in seinem zugemüllten Kinderzimmer zwischen Pizzakartons und leeren Coladosen und freut sich darüber, dass WordPress-Nutzer auf der ganzen Welt seine Spams sehen und löschen? Das entzieht sich doch seiner Wahrnehmung.

Vielleicht hat er aber vergessen, dass er ehedem aus purer Langeweile diesen Spam bot auf WordPress gehetzt hat, attackiert inzwischen irgendwo E- und Wasserwerke, zerschlägt Flaschen auf Fahrradwegen oder wirft Stinkbomben in Supermärkte. Im WordPressforum hat schon jemand gefragt, was gegen diesen Spam zu unternehmen wäre. Da wurden ihm die diversen Filter geraten, die das Akismet-Tool sowieso bereitstellt. Bei konsequenter Löschung werde der Spammer irgendwann aufgeben. Ich glaube nicht daran, denn ich lösche den Mist wenigstens ein Jahr schon.

Allein die CO2-Bilanz der Spam-Aktion ist verheerend. Jeder Spam-Kommentar wird ja über Seekabel in die USA geschickt, dort geprüft und dann auf meinem Account entsprechend klassifiziert. Ich wünschte, das schädliche Bürschchen würde mal einen Monat täglich acht Stunden aufs aufgebockte Fahrrad steigen müssen, um wenigstens einen Bruchteil des Stromverbrauchs per Dynamo zu erzeugen.
¿Cómo me inscribo?
Puedes apuntarte a pedalear si quieres, idiota.
[Zum Strampeln kannst du dich gerne anmelden, du Tuppes!]

UPDATE 19.11.2020

Bei mir hat geholfen, die Phrase „Muchas gracias“ unter Admin>Einstellungen>Diskussion>Kommentar-Sperrliste einzugeben. Seither ist Ruhe.

Besinnungsaufsatz – Man begegnet sich immer zweimal

Unter meinen Handtüchern befindet sich eines mit dem Aufdruck eines Fitnessstudios, der in der Wäsche verblasst ist. Ich habe es legal erworben, weil ich bei einem Fitnesstermin mein eigenes Handtuch vergessen hatte. Das Studio gehörte einem meiner Exschüler, einem wie man sagt baumlangen jungen Mann. Ich kenne ihn schon aus einer Zeit, als er noch klein war und an der Hand seiner Mutter trippelte. Das muss um das Jahr 1975 gewesen sein. Zu dieser Zeit arbeitete ich nicht mehr in meinem erlernten Schriftsetzerberuf, sondern hatte ein Studium begonnen. Da ich schon Familie hatte, musste ich nebenher arbeiten. Unter anderem layoutete ich die monatlich erscheinende AStA-Zeitung.

Bis 1974 hatte ich in einer Druckerei im Aachener Universitätsviertel gearbeitet und verstand mich gut mit deren Besitzer, so dass er mich außerhalb der Arbeitszeiten mit seinen Gerätschaften auf eigene Rechnung arbeiten ließ. Ich montierte also die Seiten der AStA-Zeitung am Leuchttisch, der im vorderen Büroraum der Druckerei stand. Von dort konnte ich durch ein großes Fenster das Geschehen auf der belebten Straße beobachten. Normaler Weise ließ ich mich nicht davon ablenken, ignorierte das vergnügungssüchtige studentische Treiben. Doch manchmal trat aus dem Hauseingang gegenüber eine schöne, großgewachsene junge Frau mit einem Kind an der Hand. Ihr ebenmäßiges Gesicht hatte etwas Puppenhaftes, soweit ich das aus der Entfernung beurteilen konnte. Sie bewegte sich langsam, und es hätte mir nicht langsam genug sein können, bis sie meinem Blickfeld entschwand. Bald hatte ich mich aus der Ferne in sie verliebt. Es war eine harmlose Schwärmerei, wie ich sie mein ganzes Leben gekannt habe. Immerzu schwärmte ich für eine mir unerreichbare Frau und gab mich unrealistischen Träumen hin.

Die Buchenallee, die sich an der nordöstlichen Flanke des Aachener Lousbergs entlangzieht, war mein bevorzugter Studienort. Dort saß ich am jungen Morgen auf einer Bank mit Blick auf das Tal der Soers und quälte mich mit Helmut Sembdners Werk über die Besonderheiten der Zeichensetzung bei Heinrich von Kleist. Wenn es mir gar zu dröge wurde, ließ ich das Buch sinken und erträumte mir, die schöne Mutter werde mit ihrem Kindlein die Buchenallee entlang spazieren, und es ergäbe sich ein Grund, mit ihr zu sprechen. Das geschah zum Glück nie.

Etwa 12 Jahre später, ich war bereits Lehrer an einem Aachener Gymnasium, da hatte sich für den Elternsprechtag eine mir unbekannte Frau Welker in die Terminliste eingetragen. Ich unterrichtete ihren Sohn in Kunst. Die Tür öffnete sich und herein trat die Frau mit dem Puppengesicht. Sie hatte sich kaum verändert seit jenen Tagen. Natürlich erkannte sie mich nicht, denn ich hatte sie ja immer aus dem Büro der Druckerei beobachtet. Nun hatte ich einen Grund, mit ihr zu sprechen. Ihr Sohn war erst seit kurzem mein Schüler und bislang nur positiv aufgefallen. So konnte ich das Gespräch zwar freundlich, doch mit der nötigen Professionalität führen. Zwischendurch horchte ich in mich hinein und stellte fest: Meine Schwärmerei für sie war über die Jahre von mir abgefallen. Nach dem Abitur muss ihr Sohn das Fitnessstudio gegründet haben, woraus mein Handtuch stammt.

Teestunde – Der wahre Keks

Der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz war der erste Nichtadelige, dem ein Denkmal errichtet wurde, und zwar um das Jahr 1790. Ein Nachguss der Büste wurde vor einigen Jahren im Leibniztempel des Hannoverschen Georgengarten aufgestellt. Bekannter als dieses Denkmal ist der Leibnizkeks der Keksfabrik Bahlsen. Das Unternehmen schmückt die Fassade seines historischen Firmengebäudes mit einem 20 Kilogramm schweren vergoldeten Leibnizkeks aus Messing. Im Jahr 2013 wurde er von Unbekannten entwendete, die sich darauf mit einer Erpresserforderung meldeten. Nachdem Bahlsen die Forderungen der Erpresser erfüllt hatte, wurde der Keks zurückgegeben. Der ganze Vorgang geriet sogar in die internationale Presse und hat einen eigenen Wikipedia-Eintrag, obwohl Diebstahl, Erpressung und „Lösegeld“ verdächtig nach einem Marketing-Gag riechen.

Auf der offiziellen Internetseite der Stadt Hannover steht die charmante Lüge: „Der hannoversche Zuckerhändler Hermann Bahlsen erfand 1891 den Butterkeks. Dem knusprigen Kleingebäck gab er den Namen „Leibniz Cakes“ zu Ehren des berühmtesten Bürgers seiner Heimatstadt – Gottfried Wilhelm Leibniz.“ Zum Ende des 19. Jahrhunderts war es Mode, Produkte mit den Namen berühmter Personen zu schmücken, [Mozartkugeln, Bismarckhering, Leibnizkeks]. Leibniz war da schon lange tot, konnte sich also nicht wehren. Auch wurde der Keks im französischen Nantes schon fünf Jahre gebacken, bevor ihn Hermann Bahlsen „erfunden“ hat, und zwar ab dem Jahr 1886 vom französischen Zuckerbäcker Louis Lefèvre-Utile. Der nannte den identischen Keks Petit-Beurre und vertrieb ihn über das kleine Unternehmen Lefèvre Utile (LU).

Aus dem Slogan von LU : „Vier Ohren und achtundvierzig Zähne“, machte Bahlsen „Nur echt mit 52 Zähnen“, denn er übernahm zwar fast alle formalen Merkmale des Petit Beurre, nicht aber deren zahlenmagische Bedeutung.

Fünf Jahre vor seiner Erfindung schon gebacken: der Leibnizkeks – Fotos: JvdL – größer: Bitte klicken!

Die vier größeren Eckzähne des Petit beurre symbolisieren die vier Jahreszeiten, die insgesamt 52 Zähne die 52 Wochen des Jahres. Statt der 24 Löcher beim Petit beurre, die den 24 Stunden des Tages entsprechen, hat der Bahlsen-Keks nur innovative 15. Im Selbstversuch konnte Teestübchen Chefredakteur Julius Trittenheim feststellen, dass die beiden Kekse trotzdem identisch schmecken.

Unmut zur Unzeit

Ein Angebot von diversen Messern im Supermarkt zu 59,50 Euro. Das finde ich für ein Kochmesser nicht teuer. Da ich schon immer eines besitzen wollte, wodurch meine geringen Kochkünste geadelt würden, und gerade etwas Geld übrig habe, war ich bereit, den Betrag zu zahlen. Die Frau an der Kasse stutzte und fragte: „Haben Sie kein Heft?“ Ich hatte vorab gesehen, dass es das Messer mit einem Heft voller Rabattmarken, hier „Treuepunkte“ genannt, wesentlich günstiger geben würde, nämlich zu 19,50 Euro. Aber ich sammle keine Treuepunkte oder dergleichen, also „nein.“

Sie fragte ungläubig, aber mit mehr Nachdruck: „Haben Sie kein Heft?!“
„Nein!“
„Mal die Frau fragen.“ Gemeint war die Frau an meiner Seite, die gerade weg gewesen war, um nachträglich Süßkartoffeln abzuwiegen.
„Haben Sie kein Heft?!“
„Nein“, sagte sie irritiert.
„Nun lassen Sie mich doch einfach das Messer kaufen! Das ist doch nicht Ihr Geld“, sagte ich und klang schon weit ungehaltener als mir lieb war. Sie aber griff zum Telefon und rief den Abteilungsleiter an, schilderte den Fall und bekam das Okay, mir das Messer zu 19,50 Euro zu verkaufen.
„40 Euro gespart!“, sagte sie triumphierend, und mein gesamter Einkauf inklusiv Messer kostete jetzt soviel wie das Kochmesser alleine gekostet hätte. Ich bedankte mich, zahlte und packte beschämt meine Sachen ein. Mir tut noch heute Leid, dass ich nicht mit der Freundlichkeit der Kassiererin gerechnet habe und so ungehalten gewesen bin. Zum Glück hat die dumme Maske das meiste geschluckt.

Alltagsgefahren

Eine meiner Schülerinnen, Balletttänzerin, trat einmal mit dem Blick auf den Rubik-Cube in den Händen auf die Fahrbahn, und ein vorbeifahrender LKW fuhr ihr über die Zehen. Da war es aus mit dem Ballett. Mit Schaudern hörte ich den Bericht.

Derzeit erschrecke ich beim Radfahren, wenn urplötzlich jemand aus einer Haustür tritt und im Vorwärtsgehen den Kopf gesenkt hat, um irgend eine unglaublich wichtige Nachricht auf seinem Smartphone zu lesen. Mir ist das in den letzten Tagen dreimal passiert, dass ich fürchten musste, der Realitätsblinde würde den Fahrradweg betreten, und ich müsste ihn leider umfahren.

Da nicht ausgemacht ist, dass ich selbst unverletzt bleiben würde, bremse ich ab und umfahre ihn, beschreibe einen Bogen so weit, dass ich gerade noch nicht auf die Fahrbahn gerate, wo in einer Art Kettenreaktion ein Autofahrer sein Steuer verreißt, ein Auto auf der Gegenfahrbahn rammt, das wiederum eine Oma erfasst, die ahnungslos ihren Rollator über den Gehweg schiebt. Und der Smartphone-Zombie bekommt davon gar nichts mit, so perfide ist das. Da immer mehr unserer Mitmenschen sich dem Sog des Smartphones nicht entziehen können, sehe ich schwarz für die Zukunft des Radfahrens und des Rollatorschiebens.