Jüngling der Schwarzen Kunst – Berieselung

Die unangenehmste Eigenheit der 13. Setzereigasse erfuhr Hannes erst im Sommer. Bei seinem Eintritt war April gewesen. Der ganze Monat war kalt, und in der Setzerei gluckste das warme Wasser anheimelnd durch die dicken Rohre der Zentralheizung. Hannes hatte eines unter seinem Arbeitsplatz, in genau der angenehmen Höhe einer Bierthekenfußraste, und oft stützte er einen seiner müden Füße darauf.
Doch im Juni war plötzlich die erste Hitzewelle da. Ab 10 Uhr etwa fiel das Sonnenlicht in den Hof. Binnen kurzem wurde es so heiß im Glashaus, dass ihnen Schweißbäche den Körper hinunter rannen. Dyckers entkleidete sich kurzerhand bis auf die Unterhose und zog darüber nur den grauen Arbeitskittel, den er offen hängen ließ. So stellte er nicht nur seinen runden, stark behaarten Bauch zur Schau, sondern zeigte auch sein hässlich verunstaltetes Bein. Einmal war er nämlich nachts berauscht nach Hause gekommen, durch den Garten über die Terrasse ins Haus gelangt, und da er seinen strengen Vater nicht wecken wollte, hatte er kein Licht gemacht. Die gläserne Schiebetür zwischen Ess- und Wohnzimmer war geschlossen gewesen, er aber hatte sie offen gewähnt und war glatt hindurch gegangen. Dabei schabte er sich das Fleisch vom rechten Schienbein. Da mussten sie ihm in der Chirurgie etwas von seinen Hinterbacken nehmen, um die Sache einigermaßen zu ummanteln. Das jedenfalls behaupteten böse Zungen.
„Ja“, sagte Metteur Siegfried Hof, das Lästermaul, als diese Geschichte einmal in der Pause erörtert wurde, „damit wäre Dyckers der erste, den ich kenne, der sein Arschleder am Schienbein spazieren trägt.“

Es gab für diese extremen Hitzetage eine Berieselungsanlage. Aus einem perforierten Rohr, das oberhalb des Glasdaches längs der Hauswand angebracht war, ließ man zwecks Kühlung ein wenig Wasser rinnen. Einmal geschah es, dass man oben im Hauptgebäude den Hahn erst am hellen Mittag aufdrehte, aus Geiz oder Vergesslichkeit, jedenfalls hatte sich das Dach schon derart aufgeheizt, dass das Glasdach unter den ersten zaghaften Rinnsalen verdächtig zu knacken anfing.
Indem das Arschgespann noch misstrauisch nach oben äugte, ertönte ein scharfer Knall, und knisternd lief ein Riss durch die Decke, spaltete sich auf und teilt das Dach in drei unregelmäßige Felder. Im Nu gab es leckende Stellen, aus denen es warm heruntertropfte.
Dann kamen Regentage. Für den Guss aus der himmlischen Berieselungsanlage hatten sie nicht Eimer noch Plastikschüsseln genug, und Hannes kam mit dem Ausleeren und dem Wischen kaum nach. Das waren die größeren Probleme mit der 13. Gasse. Von den kleineren sei eines erwähnt.

An der Hauswand, direkt neben seinem Arbeitsplatz gewahrte Hannes ein dunkelgrünes gusseisernes Gehäuse. Ein Kabelstrang kam unten hervor und verschwand hinter dem Ausschlusskasten. Auf einer Klappe, die von zwei seitlichen Schrauben gehalten wurde, stand erhaben der Schriftzug „Post“. Mit diesem Gehäuse, das etwa die Form und Größe seines Henkelmanndeckels hatte, versetzte ihn Dyckers bald in helle Panik. Denn Dyckers plante einen Anschlag auf die heilige Institution Deutsche Bundespost.
Er vergewissert sich, dass die Luft rein war, kramte einen Schraubenzieher hervor und löste flugs die beiden Schrauben.
„Normalerweise sind die Dinger verplombt!“, erklärte er, als hätte man ihm durch die fehlende Verplombung freie Hand erteilt.
Der Deckel klappte nach unten und gab den Blick frei auf ein Gewirr verschiedenfarbiger Kabel, die an allerlei Anschlüsse geschraubt waren.
„Das sind die Telefonleitungen von allen Häusern hier in der Gegend“, erklärte Dyckers dem beunruhigten Lehrling.
„Jetzt wollen wir den Doofmännern von der Post mal was zum Knobeln geben.“
Er löste geschickt einige Kabelanschlüsse, verdrillte sie und schloss sie willkürlich wieder an. Das und dieses einvernehmende „Wir“ brachte Hannes aus der Fassung. Aber er schaute machtlos zu und wagte kein Wort, denn Dyckers vertrug keine Gegenrede.

3 Kommentare zu “Jüngling der Schwarzen Kunst – Berieselung

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