Jüngling der Schwarzen Kunst – Bleiwurst

„Zeig dem Jüngling lieber mal, wie man von hier aus die Metzger ärgern kann! Los, mach schon!“
Kaumanns suchte offenbar Abwechslung, denn er stöhnte schon seit Tagen über den Preislisten einer Großhandelskette, die als Stehsatz vom letzten Quartal noch da waren, und in denen jetzt alle Preise ausgetauscht werden mussten.
Dyckers ließ sich nicht lange bitten.
„Komm mal her, Nettesheim!“, befahl er.
Hannes legte den Winkelhaken vorsichtig auf den Setzkastenrand und ging folgsam hinüber.
Dyckers öffnete das Fensterchen über dem Futura-Regal. Hannes dachte, er werde vielleicht hinunterspucken wollen, und fragte sich schon, wie er das Kunststück wohl fertig bringen würde, bei dem engen Fensterspalt. Doch Dyckers griff in das gut gefüllte e-Fach der aufgestellten 8 Punkt Futura mager und nahm eine Handvoll der matt glänzenden Bleilettern heraus.
„Gleich kannst du ein paar Metzger schreien hören“, sagte er und sah Hannes mit seinem Oliver-Hardy-Gesicht triumphierend an. Er streckte die geschlossene Hand zum Fensterspalt hinaus und ließ die Bleistäbchen nach unten in den Hof rieseln. „Scheißmetzger!!“ schrie er hinterher.
Echogleich hallten Beschimpfungen aus dem Hof zurück: „Ihr dreckigen Drucker, ihr miesen Wichser, Schweineköppe!!…Nu guck sich einer diese Sauerei an! Was fällt euch ein, ihr verdammten Arschlöcher?!“
Dyckers warf prustend das Fensterchen zu.
„Ich habe bestimmt in die Wurstbütte getroffen! Das gibt Eins a Bleiwurst!“
Kaum hatte er das gesagt, da prasselte es wüst gegen die Verglasung. Die Metzger hatten den Wasserschlauch aufgedreht und ließen den Strahl über die Scheiben gehen, auf der Suche nach einem offenen Fenster. Dyckers und Kaumanns wähnten sich sicher und lagen lachend über den Setzkästen. Hannes aber stand ratlos da, als plötzlich das Fensterchen der anstürmenden Wasserkraft nachgab und gegen das Regal schlug. Das Wasser spritzte herein und traf den verdutzten Hannes, bevor er noch zur Seite springen konnte. Gedeckt durch das Reglettenregal, gelang es Kaumanns, das Fenster zu schließen, während Dyckers in die Knie ging, in einem ohnmächtigen Lachkrampf, und dabei wie mit letzter Kraft auf den tropfnassen Hannes zeigte.
„Oaah, Nettesheim, du bist eine Marke!“ stöhnte er.
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