Jüngling der Schwarzen Kunst – Es gibt eine Ordnung

Sie messen mit Linealen aus Messing, die sie Typometer nennen. Ihr Maß ist ein 12er-System. Die kleinste Einheit ist der Punkt, 12 Punkt sind ein Cicero, 4 Cicero bilden eine Konkordanz. Die Regletten und Stege und somit die gängigen Satzbreiten sind in Konkordanzen abgestuft. Es gibt sie in 8, 12, 16, 20 und manchmal 24 Cicero Länge. Was darüber geht, wird zusammengesetzt.
Anfangs steht Hannes oft im Weg. Er soll lernen, da muss er doch zugucken. „Rutsch mal ein Cicero zur Seite!“ sagen die Setzer gutmütig. Aber wieviel in Gottes Namen ist das?

Typometer, oben das typografische 12-er System, unten die Einteilung des Dezimalsystems

„Ein Cicero hat 12 Punkt, 2660 Punkt gehen auf einen Meter! Also, rechne!“
Herrje, wer soll davon eine Vorstellung gewinnen?
Einmal um die Erde gerannt und man hätte 1.415.554.147 Cicero zurückgelegt.
Das Dezimalsystem ist in der Setzerei nur gering angesehen. Die Schriftsetzer schulen ihr Augenmaß an der feineren Einteilung des Punktsystems. Und rechnen lässt sich mit einem 12er-System allemal besser. Die 12 ist teilbar durch 1,2,3,4,6 und 12, die 10 dagegen nur durch 1,2, 5 und 10. Weil es in der Typographie auf die richtige Aufteilung des zur Verfügung stehenden Raumes ankommt, kann das Dezimalsystem hier nicht konkurrieren. Allein bei den Papierformaten muss es beachtet werden. Beim Druck treffen die beiden Maßsysteme noch zusammen. Die Schriftgrößen beginnen bei 5 Punkt (selten bei 4). Aber das ist Augenpulver und allenfalls für die Allgemeinen Geschäftsbedingungen einer Versicherung gut. Die gängigen Größen gehen so:

Wie lautet die Geschichte der Namen? Im deutschsprachigen Eupen der 50er Jahre war eine seltsame Mahnung der Mütter an ihre Kinder geläufig: „Die Sprache musst du lernen, Deutsch lernst du sowieso!“ „Die Sprache“, das ist französisch, die Hoch- und Verkehrssprache der angrenzenden Wallonie. Wie die Eupener Mütter das Französische als die Sprache schlechthin ansahen, so kannten unsere Alten nur einen einzig wahren Text: Die Bibel. Lange Zeit war die Schriftgröße der Bibel 20 Punkt gewesen, hergeleitet aus dem Schreibkanon der mittelalterlichen Skriptorien. Was lag näher, als diese Schriftgröße „Text“ zu nennen?
Nicht alles ist so unmittelbar einleuchtend. Die 10-Punkt-Größe trage ihren Namen „Korpus“, weil mit ihr zuerst das „Corpus juris“ gedruckt worden sei. Cicero: Die Drucktypen der Briefe des Marcus Tullius Cicero (erschienen 1466) hätten 12-Punkt-Größe gehabt. Aber es hat auch ein Schriftschöpfer Hans Cicero im 16. Jahrhundert gelebt. Die meisten Etymologien verlieren sich jedoch im Grau der frühen Bleizeit.

Unten im Hof war die Wurstküche der Metzgerei Dreckkötter. Freitags zog von dort der Geruch gebratener Frikadellen in die Setzerei, wo er sich hartnäckig festsetzte. Ärger jedoch war das tägliche Kreischen der Knochensäge. Dieser infernalische Lärm hatte Hannes in Kindertagen schon eine Gänsehaut eingejagt, und da hatte der Bauer in der Nachbarschaft nichts als Holz gesägt. Das hier aber war eindeutig schlimmer, denn es ging ja in zweifacher Hinsicht durch Mark und Bein. Zudem war der Metzgermeister ein Sangesbruder, der sich vom Hall seiner gekachelten Wurstküche immer wieder herausfordern ließ. Was aber kann schlimmer sein als die Vorstellung von einem, der, mit den Armen bis zu den Ellenbogen im Blut, gemütlich Arien trällert? Oft lief auch böse brummend ein Separator, und während mit diesem Gerät die unsäglichsten Kadaverteile für die Wurst zu Paste zermahlen wurden, erschallten wie diabolische Kommentare die selbstzufriedenen Gesänge des Metzgermeisters. Manchmal ließen sich auch die Gesellen verleiten und stimmten mit ein, bis der Meister sie wütend anschrie, mal solle ihm gefälligst nicht sein Liedchen klauen, also „Aufhören!“ und „Schnauze halten!“ Sogleich war es aus mit dem Singen, wüste Worte flogen hin und her, aus den vormaligen Sängerkehlen rauh hervorgestoßen, und man bewarf sich mit diversen Gerätschaften und Knochen. Das waren die Ausrufezeichen. Was nicht traf, landete krachend in den Ecken, ging es ins Ziel, lamentierte der Getroffene, und der Werfer frohlockte.

Diese penetrante olfaktorische und akustische Präsenz hatte nun gar keine optische Entsprechung. So sehr man sich auch bemühen mochte, durch die Fensterspalten hinter den Regalen konnte man nicht bis unten sehen. Trotzdem wusste Dyckers einiges über den Metzgerhof zu erzählen:
„Einmal stand der Geselle an der Knochensäge, da hat der Dreckkötter ihn voll in den Arsch getreten, dass der Geselle nach vorne gefallen ist und sich zwei Finger abgesägt hat. Zack, zack! Und dann konnten sie in der Knochenkiste zwischen all den Knochen die abgetrennten Finger nicht finden. Als der Geselle schon mit dem Krankenwagen abtransportiert war, hat Dreckkötter sie endlich aus der Knochenkiste aussortiert und ist hinterhergefahren, damit sie ihm die Griffel wieder annähen konnten.“
„Und dann?“ fragt Hannes bestürzt.
„Die Finger sind wieder angewachsen, der kann jetzt besser in der Nase bohren als früher!“
„He, Dyckers, du erzählst dem Jüngling Sachen!“ Kaufmann kommt kichernd aus seiner Gasse herüber.
„Ist wirklich passiert. Das war tagelang Stadtgespräch.“
„Jaja, und wer hat das gesehen? Der Mann mit den Glasaugen? Zeig dem Jüngling lieber mal, wie man von hier aus die Metzger ärgern kann! Los, mach schon!“

4 Kommentare zu “Jüngling der Schwarzen Kunst – Es gibt eine Ordnung

    • In Schreib- und Gestaltungsprogrammen steckt das Wissen von Typografen. Sie haben sich bei den Größen am Printmedium orientiert. Noch heute widerstrebt mir, bei Schriftgrößen einen Wert einzugeben, den es im Drucksektor nicht gibt, was natürlich Unsinn ist. Die Tabelle zeigt gängige Größen. Jeder Schriftgrad zusätzlich hätte Platz gebraucht und Kosten verursacht. Daher die Beschränkung.

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  1. Jede Folge des Jünglings der Schwarzen Kunst, die du uns zeigst, ist so ungemein prall angefüllt mit Lehrreichem, mit Denkanstößen und einer intensiven, bildhaften Sprache, die dem Inneren Auge ein Feuerwerk an bunten, schönen, aber auch verstörenden, grotesken Bildern beschert. Ich hoffe, dass diese Geschichte eines Tages als Buch erscheinen wird.

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    • So soll es sein, liebe Freidenkerin. Die erzählerischen Passagen sollen durch informierende ergänzt werden, zumal uns Schreibenden täglich Elemente aus dem Buchdruck begegnen, seien es Druckschriften (True Type), Schriftschnitte, (normal, halbfett, fett, kursiv), Schriftgrößen, Anordnungen (linksbündig, rechtsbündig, Blocksatz, mittig) und vieles mehr.
      Vielen Dank für dein Lob. und den Wunsch nach einer Buchform. Vielleicht gelingt es mir diesmal, das Manuskript fertigzustellen.

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