Jüngling der Schwarzen Kunst – Buschmeister Bob

Onkel Jakobs kleine Druckerei war eine Klitsche. Das merkte der Jüngling aber erst, als er den Beruf des Schriftsetzers lernte. Als er im letzten Jahr der Volksschule war, holte ihn Onkel Jakob in seine Druckerei, quasi zur Berufsvorbereitung. Da trat er in ein wunderliches Reich ein. Er liebte den Geruch von Druckerschwärze, auch den eigenartigen Duft, der aus dem Papierlager kam. Beängstigend fand er den Original Heidelberger Tiegel, das Zischen, wenn die Leiste mit den Saugköpfen das Papier ansaugte, vor allem das stoische Drehen der beiden Greifarme, die dem einen tödlichen Scheitel ziehen konnten, der sich unvorsichtige Weise in ihre Bahn begab. Vom Tiegel hielt er sich fern.

Aber er sollte ja nicht Drucker werden, sondern das edle Handwerk des Schriftsetzers lernen. Die Regale mit den Setzkästen, die Arbeitsgeräte Setzschiff, Winkelhaken, Typometer, Ahle und Pinzette zogen ihn sofort in ihren Bann. Dass er plötzlich frei über die technische Schrift verfügen konnte, zu der in Zeiten vor dem Computer niemand außer den Fachleuten einen Zugang hatte, erfüllte ihn mit Stolz.
Nachdem sein Onkel Jakob ihm den Setzkasten und die Handhabung der Arbeitsgeräte erklärt hatte, setzte Hannes als erstes eine Liste seiner Karl-May-Bücher. Klar, dafür hätte der Buchdruck nicht erfunden werden müssen, damit ein 12-Jähriger eine Liste seiner Karl-May-Bücher setzen kann, aber eine andere und bessere Anwendung fiel ihm so plötzlich nicht ein. Denn wie der Autor vor einem weißen Blatt Papier zu verstummen droht, so schüchterte die ausgefeilte Technologie der Schwarzen Kunst den Jüngling derart ein, dass ihm gar nichts einfallen wollte. Da lagen die matt glänzenden Lettern für ihn bereit, um alles zu werden, was man sich an Texten denken kann. Erst mal dachte er gar nichts, sondern war voller Hochachtung für einen produktiven Schriftsteller wie Karl May, dessen gut 70 Romane zu besitzen sein ganzer Stolz war. Außerdem war er noch klein, so klein, dass er bei den schräg aufgestellten Setzkästen nicht an die Großbuchstaben langen konnte, die in den oberen beiden Fachreihen lagen. Er bekam ein Trittbänkchen, auf dem er auf und ab stieg, gleich dem Wagen einer mechanischen Schreibmaschine beim Wechsel zwischen Klein- und Großbuchstaben.

Bei den Engländern und auch den Niederländern liegen die Großbuchstaben sogar in einem Extrakasten, der im steileren Winkel aufgestellt werden kann, weshalb die Groß- und Kleinbuchstaben im Niederländischen bovenkast und onderkast heißen, im Englischen upper and lower case.

Als nächstes fiel ihm ein scherzhafter Ausweis ein, den er mal gesehen hatte. So einen Ausweis für die Brieftasche setzte er, ebenso ein Schildchen „Wenn es brennt, bitte wenden!“ Auf der Rückseite stand: „Jetzt doch noch nicht, du Blödmann!“ Diesen Blödsinn setzte er und druckte er auf der Handpresse für die Korrekturabzüge. Die Schildchen verteilte er an Freunde. Der Ausweis von Buschmeister Bob hingegen war ein Unikat. Den bekam außer ihm keiner. Es sollte sein Privileg sein, in den Busch scheißen zu dürfen, obwohl er in den wenigen Jahren seiner Kindheit nie in derlei Verlegenheit gekommen war.

In der Druckerei stand ein großes Röhrenradion, das den ganzen Tag plärrte. Obendrauf lag ein Gummihammer. Gelegentlich fing das Radio entsetzlich an zu krachen. Dann nahm Onkel Jakob den Gummihammer und versetzte dem Radio einen ordentlichen Schlag aufs Gehäuse. Prompt hörte es auf zu krachen und dudelte weiter Musik. Das imponierte dem Hannes ungemein. Noch Jahre fand er, dass der gezielte Schlag mit dem Gummihammer die angemessene Weise ist, Technik zu beherrschen.

7 Kommentare zu “Jüngling der Schwarzen Kunst – Buschmeister Bob

  1. Mein Druckkasten, den ich als Kind bekam, stelllte mich vor genau das Problem, das du hier beschreibst: Was sollte ich den wohl drucken? Zum Glück stellte sich das bei einem Schriftsetzer wohl eher selten. Das Röhrenradio besaßen meine Eltern natürlich auch und der Schlag aufs Gehäuse half nicht nur dem Radio, sondern auch dem S/W-Fernsehgerät wieder in die Spur. Bekloppte Technik.

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  2. Derlei „Ausweise“ kenne ich auch noch. Dazu gab es „lustige“ Jagd- und Führerscheine und Trinkerausweise. Auch die „amtliche“ Erlaubnis, auf die Straße kacken zu dürfen. Solche Dinge brachten Menschen damals durchaus noch zum Lachen. Bei der heutigen Inflation an spaßigen Bildchen per WhatsApp oder Twitter würden sie nur ein mitleidiges Lächeln erzeugen.
    Aber die Faszination am Drucken und Gestalten von Blättern kann ich sehr gut nachempfinden. In der Schule begeisterte mich allein schon das händische Beschreiben von Matritzen und erst recht dann das Ergebnis durch das Kurbeln am „Vervielfältiger“. Und ich mochte auch den Geruch der Vervielfältigerflüssigkeit.

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  3. Ja, an das Basteln von Ausweisen in der Kindheit kann ich mich auch noch gut erinnern. 😉 Danach kam eine Phase, in der mein liebster Freund und ich Schatzkarten anfertigten. Leider klappte das mit den Distanzen – 100 Schritte nach Westen, dann 20 Schritte nach Süden, dann 50 Schritte nach Osten etc. – nicht so wie geplant. Wir landeten schließlich direkt unter dem Hauptaltar unserer kleinen Kirche, fanden dort natürlich keinen Schatz, wurden aber höchst unsanft vom wütenden Mesner des Gotteshauses verwiesen. 😉

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  4. Schönes Panorama einer Druckerei. Dass ein Hammer das richtige Werkzeug sein könnte, um empfindliche Technik zu reparieren, dachte ich auch lange. Zu oft hatte ich das in Filmen wie „Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle“ oder bei Luis de Funes gesehen. Aber geklappt hat es nie. 😉

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