Blätter, Blattwerk, Laub, Gedöns und Coster

Tatsächlich jongliere ich derzeit mit drei Brillen, was bedeutet, dass ich je nach Anforderung eine andere aufsetze. Die Gleitsichtbrille ertrage ich nur kurze Zeit, denn wo ich früher Laub gesehen habe, erblicke ich jetzt einzelne Blätter. Zu viele Details in meinem Leben, das ermüdet, weil es nicht zu bewältigen ist. Der Mensch muss abstrahieren, muss Erscheinungen bündeln wie beispielsweise Blätter zu Laub. Akademische Maler der Vergangenheit beherrschten den Eichen- oder den Buchenschlag, jene Form der raschen Pinselführung, mit der sich das Typische von Blattwerk darstellen ließ, ohne jedes Blatt einzeln malen zu müssen.

Trotzdem wäre was zum Fallen einzelner Blätter zu sagen. Wenn der Wind nur ein Weniges weht, dann regnen die Blätter unentwegt von den Bäumen. Man könnte einwenden, regnen sei das falsche Verb, der Regen regnet, also Wasser, obwohl es manchmal Hunde und Katzen regnen soll, und die Weather Girls sogar von regnenden Männern sangen, was überaus befremdlich wäre, wenns tatsächlich beobachtet würde, außer natürlich in Wirtschaftskrisen.

Über das Befremdliche regnender Blätter wird sich zu wenig gewundert. Ja, wäre man jetzt nicht von hier, sondern käme von einem Planeten eines fernen Sonnensystems, wo Bäume gänzlich unbekannt sind, dann würde man sich wundern über diese Verschwendung. Ist nicht schon die Herkunft eines Blattes ein Wunder? Da sprosst aus hartem Holz eine Blattknospe. Hallo? Brauchen sich nicht gleich zu schütteln, Herr Außerirdischer! Aber verstehen kann ich ihn wohl. Ob Ast oder Zweig, so festgefügt im Winter. Kaum zu glauben, dass das harte Holz im Frühjahr aufbrechen wird, Knospen gleich Geschwüren austreibt, und für Menschenaugen viel zu langsam entfaltet sich ein feingeädertes Blatt, das in der Lage ist, Photosynthese zu betreiben. Und diese filigranen Miniaturkraftwerke werden im Herbst nochmal frisch in Rot, Gelb und Braun eingefärbt, bevor sie sich von ihren angestammten Plätzen lösen und zu Boden segeln.

Gelöschte Pixel – Foto: JvdL

Genug geschaut. Mein Schreibtischstuhl ächzte und knarrte fürchterlich.
„Gnade, Coster! Wie schaffen Sie es nur, meinem Bürostuhl solchen Krach zu entlocken?“

Costers Geist grinste. „Pataphysik, was sonst?“

„In meiner Diele steht ein Paket mit einem neuen Bürostuhl. Ich muss ihn nur noch zusammenbauen, dann kann ich Ihnen das Handwerk legen.“

Coster schaute desinteressiert aus dem Fenster. „Ich sehe die ersten Blätter fallen. Die Bäume werfen ihre Augen ab.“

„Eine schöne Metapher.“

„Gar nicht metaphorisch. Die Eiche dort drüben, als im Frühling ihre empfindlichen Blätter grünten, nahmen sie mit Licht und Schatten ihre Umgebung wahr, und nach und nach prägte sich ins Laub ein Abbild der Straße, der Litfaßsäule auf der Ecke, des Hauses hier, der Hausreihe gegenüber – wie auf ungezählten photographischen Platten. Das Abbild wird Pixel für Pixel ausgewischt, wie die Blätter fallen. Die Bäume verschließen die Augen vor der Welt, gehen in sich und hoffen auf ein besseres Bild im nächsten Frühjahr.“

„Mag ja sein, dass die Blätter Licht und Schatten registrieren, aber es fehlt dem Baum ein Nervenzentrum, worin die Eindrücke koordiniert werden, so dass sie überhaupt was erkennen können. Und hoffen können sie folglich auch nicht.“

„Das ist das, was du glaubst, Trithemius, weil du in menschlichen Kategorien denkst.“

„Man hat in Bäumen noch kein Nervenzentrum gefunden.“

„Man hat im Menschen auch noch keine Seele gefunden. Trotzdem glauben Millionen Menschen, sie hätten eine. Nimm allein die Erkenntnis der Biologie, dass die Bäume des Waldes über ihr Wurzelwerk miteinander kommunizieren. Dabei wirken auch die Pilzgeflechte im Boden mit. Viele Pilze bilden mit Bäumen eine Symbiose. Vielleicht ist das Nervenzentrum eines Baumes ein Myzel oder ein Schleimpilz. Eines jedenfalls lässt sich sagen. Bäume wie alle Pflanzen außer den zuschnappenden Fleischfressern vielleicht sind langsam in der Zeit. Gehst du vor einem Baum vorbei, ist es für ihn ein rasendes Dahinwischen. Nur aus menschlicher Sicht bist du langsam. Für die Bäume bist du ein dahin wischender Geist. Redest du mit deiner Zimmerpalme, hört sie ein hohes Zwitschern.“

Der dubiose Ex-Professor für Pataphysik an der Technischen Hochschule Aachen lehnte sich zufrieden zurück und ließ meinen Bürostuhl ordentlich knarzen. “Na, Trithemius? Wieder was dazu gelernt“, sagte er leise lachend und verschwand.

14 Kommentare zu “Blätter, Blattwerk, Laub, Gedöns und Coster

  1. interessant, dass ich nicht alleine bin. schon vor jahren sagte ich zur empfehlung einer fernbrille (die lesebrille ist mir viel wichtiger); „dass die bäume blätter haben, weiß ich auch so.“
    und, ja, die kunst, blätter zu malen, ohne (einzelne) blätter zu malen, ist eine große. daran wie an so vielem anderen arbeite ich.

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  2. Lieber Jules, man sollte dem Wunder fallender Blätter unbedingt Beachtung schenken. Dein Text ist dafür wunderbar geeignet. Auch gefällt mir der Vergleich des nicht gefundenen Nervensystems und der Seele. Feine Herbstworte.

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