Besinnungsaufsatz – Man begegnet sich immer zweimal

Unter meinen Handtüchern befindet sich eines mit dem Aufdruck eines Fitnessstudios, der in der Wäsche verblasst ist. Ich habe es legal erworben, weil ich bei einem Fitnesstermin mein eigenes Handtuch vergessen hatte. Das Studio gehörte einem meiner Exschüler, einem wie man sagt baumlangen jungen Mann. Ich kenne ihn schon aus einer Zeit, als er noch klein war und an der Hand seiner Mutter trippelte. Das muss um das Jahr 1975 gewesen sein. Zu dieser Zeit arbeitete ich nicht mehr in meinem erlernten Schriftsetzerberuf, sondern hatte ein Studium begonnen. Da ich schon Familie hatte, musste ich nebenher arbeiten. Unter anderem layoutete ich die monatlich erscheinende AStA-Zeitung.

Bis 1974 hatte ich in einer Druckerei im Aachener Universitätsviertel gearbeitet und verstand mich gut mit deren Besitzer, so dass er mich außerhalb der Arbeitszeiten mit seinen Gerätschaften auf eigene Rechnung arbeiten ließ. Ich montierte also die Seiten der AStA-Zeitung am Leuchttisch, der im vorderen Büroraum der Druckerei stand. Von dort konnte ich durch ein großes Fenster das Geschehen auf der belebten Straße beobachten. Normaler Weise ließ ich mich nicht davon ablenken, ignorierte das vergnügungssüchtige studentische Treiben. Doch manchmal trat aus dem Hauseingang gegenüber eine schöne, großgewachsene junge Frau mit einem Kind an der Hand. Ihr ebenmäßiges Gesicht hatte etwas Puppenhaftes, soweit ich das aus der Entfernung beurteilen konnte. Sie bewegte sich langsam, und es hätte mir nicht langsam genug sein können, bis sie meinem Blickfeld entschwand. Bald hatte ich mich aus der Ferne in sie verliebt. Es war eine harmlose Schwärmerei, wie ich sie mein ganzes Leben gekannt habe. Immerzu schwärmte ich für eine mir unerreichbare Frau und gab mich unrealistischen Träumen hin.

Die Buchenallee, die sich an der nordöstlichen Flanke des Aachener Lousbergs entlangzieht, war mein bevorzugter Studienort. Dort saß ich am jungen Morgen auf einer Bank mit Blick auf das Tal der Soers und quälte mich mit Helmut Sembdners Werk über die Besonderheiten der Zeichensetzung bei Heinrich von Kleist. Wenn es mir gar zu dröge wurde, ließ ich das Buch sinken und erträumte mir, die schöne Mutter werde mit ihrem Kindlein die Buchenallee entlang spazieren, und es ergäbe sich ein Grund, mit ihr zu sprechen. Das geschah zum Glück nie.

Etwa 12 Jahre später, ich war bereits Lehrer an einem Aachener Gymnasium, da hatte sich für den Elternsprechtag eine mir unbekannte Frau Welker in die Terminliste eingetragen. Ich unterrichtete ihren Sohn in Kunst. Die Tür öffnete sich und herein trat die Frau mit dem Puppengesicht. Sie hatte sich kaum verändert seit jenen Tagen. Natürlich erkannte sie mich nicht, denn ich hatte sie ja immer aus dem Büro der Druckerei beobachtet. Nun hatte ich einen Grund, mit ihr zu sprechen. Ihr Sohn war erst seit kurzem mein Schüler und bislang nur positiv aufgefallen. So konnte ich das Gespräch zwar freundlich, doch mit der nötigen Professionalität führen. Zwischendurch horchte ich in mich hinein und stellte fest: Meine Schwärmerei für sie war über die Jahre von mir abgefallen. Nach dem Abitur muss ihr Sohn das Fitnessstudio gegründet haben, woraus mein Handtuch stammt.

8 Kommentare zu “Besinnungsaufsatz – Man begegnet sich immer zweimal

  1. Eine schöne und runde Geschichte, lieber Jules, die sehr vielschichtig aufgebaut ist. Mir kam beim Lesen das Mindmap vor Augen, mit dem Handtuch als Ausgangpunkt und all die Verästelungen die davon ausgehen, wie die Wege in Deinem Leben. Viele Details, die viele Bilder auftauchen ließen, die wiederum einen ganzen Film im Kopfkino orchestrierten.

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    • Dein Lob freut mich, liebe Serap, vielen Dank. Das Handtuch hatte ich letztens noch in Gebrauch, und ich dachte, dass ich die Geschichte erzählen sollte. Außerdem war die Redewendung „Man begegnet sich immer zweimal“ Thema in der Schreibgruppe, deren Mitglied ich seit einem Jahr bin. Der geschilderte Fall war beinah der einzige, der mir dazu einfiel.

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  2. Traurig vielleicht nicht, aber leicht melancholisch sicher. Dieses Schwärmen aus der Ferne ist möglicherweise ja nicht die Folge eines antizipierten Scheiterns, sondern so, wie ich deinen Text lese, durchaus auch positiv besetzt. Man kann und will sich ja nicht unbedingt mit jedem Menschen, den man attraktiv findet, gleich auch einlassen. Ein neutraleres Wort fiel mir dafür nicht ein. Aus der Ferne anschwärmen geht hingegen immer.

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