Teestunde – Der wahre Keks

Der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz war der erste Nichtadelige, dem ein Denkmal errichtet wurde, und zwar um das Jahr 1790. Ein Nachguss der Büste wurde vor einigen Jahren im Leibniztempel des Hannoverschen Georgengarten aufgestellt. Bekannter als dieses Denkmal ist der Leibnizkeks der Keksfabrik Bahlsen. Das Unternehmen schmückt die Fassade seines historischen Firmengebäudes mit einem 20 Kilogramm schweren vergoldeten Leibnizkeks aus Messing. Im Jahr 2013 wurde er von Unbekannten entwendete, die sich darauf mit einer Erpresserforderung meldeten. Nachdem Bahlsen die Forderungen der Erpresser erfüllt hatte, wurde der Keks zurückgegeben. Der ganze Vorgang geriet sogar in die internationale Presse und hat einen eigenen Wikipedia-Eintrag, obwohl Diebstahl, Erpressung und „Lösegeld“ verdächtig nach einem Marketing-Gag riechen.

Auf der offiziellen Internetseite der Stadt Hannover steht die charmante Lüge: „Der hannoversche Zuckerhändler Hermann Bahlsen erfand 1891 den Butterkeks. Dem knusprigen Kleingebäck gab er den Namen „Leibniz Cakes“ zu Ehren des berühmtesten Bürgers seiner Heimatstadt – Gottfried Wilhelm Leibniz.“ Zum Ende des 19. Jahrhunderts war es Mode, Produkte mit den Namen berühmter Personen zu schmücken, [Mozartkugeln, Bismarckhering, Leibnizkeks]. Leibniz war da schon lange tot, konnte sich also nicht wehren. Auch wurde der Keks im französischen Nantes schon fünf Jahre gebacken, bevor ihn Hermann Bahlsen „erfunden“ hat, und zwar ab dem Jahr 1886 vom französischen Zuckerbäcker Louis Lefèvre-Utile. Der nannte den identischen Keks Petit-Beurre und vertrieb ihn über das kleine Unternehmen Lefèvre Utile (LU).

Aus dem Slogan von LU : „Vier Ohren und achtundvierzig Zähne“, machte Bahlsen „Nur echt mit 52 Zähnen“, denn er übernahm zwar fast alle formalen Merkmale des Petit Beurre, nicht aber deren zahlenmagische Bedeutung.

Fünf Jahre vor seiner Erfindung schon gebacken: der Leibnizkeks – Fotos: JvdL – größer: Bitte klicken!

Die vier größeren Eckzähne des Petit beurre symbolisieren die vier Jahreszeiten, die insgesamt 52 Zähne die 52 Wochen des Jahres. Statt der 24 Löcher beim Petit beurre, die den 24 Stunden des Tages entsprechen, hat der Bahlsen-Keks nur innovative 15. Im Selbstversuch konnte Teestübchen Chefredakteur Julius Trittenheim feststellen, dass die beiden Kekse trotzdem identisch schmecken.

9 Kommentare zu “Teestunde – Der wahre Keks

  1. Das finde ich sehr aufopferungsvoll von Dir, dass Du gefährliche Selbstversuche machst, um uns Leser nicht im Unklaren zu lassen. Allerdings wundert mich, dass Du die fünfzehn Löcher nicht herausschmecken konntest. Man sollte meinen, ein so fundamentaler Unterschied schlägt sich auch im Geschmack nieder. Oder muss man dazu ein staatlich anerkannter Kekstester sein?
    (BTW, den Job hätte ich gerne!)

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    • Auf der Seite der Stadt Hannover wird der Enkel des Firmengründers zitiert: „Warum hat ein Leibniz Butterkeks eigentlich genau 52 Zähne? ‚Mit 50 würde der Keks anders schmecken“, verriet der Enkel des Firmengründers und heutige Firmenchef Werner Michael Bahlsen in einem Focus-Interview vom 11. April 2014 aus Anlass zu seinem 65. Geburtstag.‘ Weil ich die neun fehlenden Löcher im Leibnizkeks nicht geschmeckt habe, bin ich als Kekstester wohl ungeeignet.

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  2. Passenderweise habe ich vor ein paar Tagen zum ersten Mal seit vielen Jahren oder gar Jahrzehnten diesen Keks wieder gekauft. Diese Butterkekse sind, wie Zwiebäcke oder Klosterfrau-Melissengeist, so was wie die Kinderzimmermöbel. Mal davon abgesehen, dass ich kein Kinderzimmer hatte.

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