Jeremias Costers Abenteuer in der nur unscharf berechenbaren Randzone

Eines Tages sagte mein Freund Jeremias Coster, der dubiose Professor der Pataphysik an der Technischen Hochschule Aachen, er habe seinen grünen Daumen verloren. Ich sah erschrocken auf seine Hände. Die Daumen waren noch dran. Seine Hanfpflanzen „Kirchspieler White Widow“ seien ihm eingegangen. Und er vertrete die Theorie, das Befinden einer Pflanze, mit der ein Mensch sich in Interaktion befinde, gebe Auskunft über dessen Seelenzustand. Daher sei er ein wenig beunruhigt. Es sei ein Berufsrisiko damit verbunden, Pataphysik zu lehren. Man schramme gezwungener Maßen am Wahnsinn vorbei. Immer an der Grenze entlang, sehe man aus der Alltagswelt den Irrsinn und aus den nur unscharf berechenbaren Randzonen den Wahnsinn winken. Deshalb müsse er sich wappnen. Gestern habe er sich aufs Rad gesetzt und sei hinter die niederländische Grenze gefahren, wo sich zwei Coffeeshops angesiedelt hätten.

Da habe ihn kurz vor der Grenze ein Polizeiauto überholt. Als er am alten Zollhaus vorbeigeradelt sei, habe dort das Polizeiauto versteckt geparkt. Er habe sein Rad dreist an den Laternenmast angeschlossen, genau vor dem Eingang des Coffeeshops, und sei hineingegangen. Der freundliche Glatzkopf im Coffeeshop habe ihm zwar nicht White Widow verkaufen können, dafür aber fünf Gramm Northern Light. Dann habe er gewarnt. „Passen Sie auf, die deutsche Polizei wartet hinter der Grenze!

Er, Coster, habe gesagt, deshalb werde er einen anderen Rückweg nehmen. Unter den Augen der Polizei sei er auf sein Rad gestiegen und habe einen Weg eingeschlagen, der auf der niederländischen Seite entlang der Grenze führt. An seinen Händen habe er leuchtend blaue Handschuhe getragen. Da habe er sich gedacht, diese Handschuhe seien ein Erkennungsmerkmal, ein Augennagel für ein Polizistenauge. Deshalb habe er die Handschuhe ausgezogen und in die Jacke gesteckt. Denn er habe sich denken können, dass die deutschen Polizisten von ihrem Auto aus in Kontakt mit den niederländischen Kollegen stünden.

An einem Wirtschaftsweg habe er die Grenze zu Deutschland wieder übertreten. Dieser Wirtschaftsweg führe zwei Kilometer schnurgeradeaus durch die Felder. Er sei schlammig gewesen und habe voller Pfützen gestanden. In der Ferne sei plötzlich ein Scheinwerferpaar aufgetaucht. Da habe er gedacht, wenn das mal kein Polizeiauto ist. Für einen Moment sei er beruhigt gewesen, denn das langsam größer werdende Auto habe, aus dem Dämmer heraustretend, weißrot geleuchtet. Doch dann habe er gesehen, dass ihm in voller Wegbreite ein niederländisches Polizeiauto entgegenkam.

Er sei ganz ruhig geblieben und gelassen auf das Auto zu geradelt, habe angehalten, als man Augenkontakt hatte. Dann habe er seine nackte Rechte gehoben und dem Polizisten freundlich in die Fahrerkabine gewinkt. Der habe seinen Gruß erwidert und ihn vorbeigelassen.

    „Hallo Duitse collega’s, ik heb geen man met blauwe handschoenen gezien…!“
    [Hallo deutsche Kollegen, ich habe keinen Mann mit blauen Handschuhen gesehen.]

Ja, Trithemius, sagte Professor Coster stolz. Mit ein bisschen Kenntnis in Wahrnehmungspsychologie kann man im Leben recht sicher vorankommen, auch wenn man von der Grenze aus ins verwirrende Dämmerlicht des Landesinneren fährt.