Großväterliches

Einmal sah ich auf dem Aachener Münsterplatz einen Mann, der trug unter der Nase einen mordsmäßigen Schnurrbart, dessen Enden zum Kreis gezwirbelt waren. Der Schnurrbartbesitzer ging seltsam nach vorn gebeugt. Sein Schnurrbart hatte ihm bestimmt gesagt:
„Trag mich mal ein bisschen spazieren, aber da, wo viele Leute mich sehen können!“ Da ist der Mann folgsam losgelaufen, aber wie zum Hohn hat sich der undankbare Schnäuzer extra schwer gemacht. Diese Schnäuzermode ist ja sowieso aus der Zeit gefallen. Anfang des 20. Jahrhunderts war sie populär. Sie hieß „Es ist erreicht“ und war Kaiser Wilhelm II gewidmet, vielmehr seinem gezwirbelten Schnurrbart.

Mein Großvater hat zusammen mit seinem Zwillingsbruder in Berlin in der kaiserlichen Garde gedient. In der Waschküche, in der auch gekocht wurde, hing ein Foto, das die beiden in Uniform und mit Kaiser-Wilhelm-Schnurrbärten zeigte. Das Foto hatte Jahrzehnte im Essensdunst gehangen und war von Stockflecken angefressen. Schon als Kind war ich froh, dass mein Großvater mit seinem furchteinflößenden Schnäuzer kaum noch zu erkennen war. Ich kannte ihn nur ohne Schnurrbart wie er entweder in seinem Sessel saß und auf die Lehne trommelte oder auf dem Hof in der Sonne, um Kartoffeln zu schälen.

Mit mir gesprochen hat er kaum. Ich erinnere mich überhaupt nur an ein Wort, das er je an mich richtete. Da war ich bereits 17 Jahre alt, hatte die Gesellenprüfung als Schriftsetzer bestanden und arbeitete nicht mehr im Lehrbetrieb, der Druckerei Eupen in Neuss. Ich betrete die Wohnküche, mein Großvater sitzt im Lehnstuhl neben dem Ofen, trommelt mit den Fingern auf der Lehne und fragt unvermittelt: „Böste noch bej Oepen?“ [Bist du (arbeitest du) noch bei der Druckerei Eupen?] Der Wortlaut hat sich mir eingeprägt, weil mein Großvater das in zeitlichem Abstand mehrmals gefragt hat und ich jedes mal geantwortet habe: „Nein, Opa, ich arbeite doch jetzt in Köln.“ Man wird denken, seine wiederkehrende Frage wäre ein Anzeichen von Demenz, aber derlei kam nie zur Sprache, zumal meine Großmutter ihm gewohnheitsmäßig übers Maul fuhr, weshalb er kaum etwas sagte.

Sie hatte ohnehin das Sagen, denn diese weltgewandte Frau kam aus Köln, während mein Großvater vom Dorfe stammte. Er war Bahnbeamter gewesen, irgendwann in für mich grauer Vorzeit. Aus einem mir unerfindlichen Grund ist er mein Taufpate geworden. Meine Mutter wollte mich Johannes nennen, doch ich bekam den Großvatersnamen obendrauf. Als wäre das nicht genug für einen Säugling, verlangte der Pastor, dass ich zusätzlich den Namen des Heiligen bekam, an dessen Tag ich geboren war. Nie ist mein Großvater als Pate in Aktion getreten, nur einmal, als er in Kur ging, lieh er sich meine Uhr, die ich zur Kommunion bekommen hatte. Ich bekam sie irgendwann defekt zurück.

In der Familie wurde eine Episode erzählt von ihm und seinem ältesten Sohn, meinem Onkel Joachim. Der hatte Metzger gelernt und sich mit 18 Jahren in eine zehn Jahre ältere Frau verliebt. Die beiden lebten in wilder Ehe in einem Nachbardorf. Mein Großvater radelte hin, um den skandalösen Zustand zu beenden. Sein Sohn hatte gerade ein Schwein geschlachtet und verjagte seinen Vater, meinen Großvater, mit einem blutigen Schlachtermesser. Ihr Verhältnis muss schon immer angespannt gewesen sein. Onkel Joachim sah als Kind bei Straßenarbeiten vor dem elterlichen Haus zu und begeisterte sich für die Arbeit mit Schaufel und Spitzhacke. Es hieß, die Bundesstraße werde von Arbeitslosen gebaut. Als der kleine Joachim gefragt wurde, was er wohl mal werden wolle, sagte er treuherzig: „Arbeitslos!“, worauf mein Großvater ihm eine gewaltige Maulschelle verpasste.

Zu Familienfesten saß mein Großvater völlig unbeteiligt in seinem Lehnstuhl in der Ecke und trug zur fröhlichen Stimmung den Zigarrenrauch bei. Ich meine, mich zu erinnern, dass er zu Weihnachten immer Krawatten bekam. Zu diesem Festakt hatte er die blaue Arbeitsjoppe mit der „guten“ Strickjacke vertauscht. Man saß ja auch im „guten Zimmer.“ Das wurde nur zu besonderen Anläsen betreten und nicht mit den Holzschuhen, die er sonst zu tragen pflegte. Das wars.

[Mit Dank an Susanne Braun für die Anregung]

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11 Kommentare zu “Großväterliches

  1. Obwohl dein Verhältnis zu deinem Großvater nicht wirklich warm oder vertraut war, hat es mir gefallen diese Erinnerungen zu lesen. Du hast es geschafft, dass ich ein überdeutliches Bild von deinem Großvater habe. Rein optisch. Ansonsten kann man einen Menschen anhand weniger Sätze nur schwer begreifen. Ein wenig vielleicht doch, was an deiner Erzählkunst liegen dürfte. Liebe Grüße.

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  2. Mein Großvater war ein ganz anderer, aber auch ihm wurde – laut Erzählungen – von der Oma über den Mund gefahren. Wenn aber Oma in der kleinen Küche beschäftigt war, erzählte er mir die tollsten Geschichten von seiner Zeit auf der Walz und später auch selten aus der Kriegsgefangenschaft. Schade, ich habe es damals nicht aufgeschrieben.

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    • Dein Bedauern, beizeiten nichts aufgeschrieben zu haben, teile ich, besonders weil es in diesen Generationen noch eine Erzählkultur gab. Das Überdenmundfahren ist wohl auch typisch für die Generation. Die Männer galten nicht viel, weil sie ihre Frauen als Soldaten und oder Kriegsgefangene mit dem täglichen Überlebenskampf hatten allein lassen müssen.

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  3. Erzählkunst, genau!
    Dieses Übersmaulfahren oder die gewaltigen Ohrfeigen – so war es damals…Meine Großmutter stand später oft hinter ihrem Gatten und deutete mit Vogelzeiggeste an, dass er sie nicht mehr alle habe…

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    • Vielen Dank fürs Lob und den Kurzbereicht, liebe Sonja. Die Frauen aus den Kriegsgenerationen mussten ja vieles alleine stemmen, während die Männer im Krieg oder in Gefangenschaft waren, danach traumatisiert zurückkamen und deshalb kaum eine Hilfe waren. Daher die (berechtigte) Vormachtstellung der Frauen.

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  4. Das wars. Was für ein Schluss. Aber er passt wohl bei einer Erinnerung, die eben unvollständig bleiben muss. Ich schlage mich ja auch mit diesen Erinnerungsresten herum, denen ich irgendwie Bedeutung beizumessen versuche. Manchmal entsteht dann das Bild einer Zeit und weniger das einer konkreten Persone. Die wilde Ehe zum Beispiel war etwas, dass die fünfziger, wohl auch noch sechziger Jahre charakterisierte. Ich weiß nicht, ob die noch im Duden steht.
    Ich habe keinen meiner Großväter kennengelernt und bedauere das ein wenig, weil man sich ja auch immer über die Vorfahren verstehen zu können glaubt.

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